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Das breitere Bedrohungsspektrum verlangt neue Fähigkeiten

Wenn es um die Erneuerung der Mittel zum Schutz des Luftraumes sowie der Bodentruppen geht, sind sie die jeweiligen Ansprechpersonen: Der Kommandant Luftwaffe, Divisionär Bernhard Müller, sowie der Kommandant Heer, Divisionär René Wellinger. Im Doppelinterview erläutern sie die Wichtigkeit der Erneuerung, aber auch der Weiterentwicklung des Gesamtsystems Armee.

04.06.2020 | Kommunikation Verteidigung, Saskia Graber

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Herr Divisionär Müller, die oft gestellte Frage: Weshalb braucht die Schweiz neue Kampfflugzeuge und ein System der bodengestützten Luftverteidigung (Bodluv)?

Bernhard Müller: Die F-5 Tiger sind nach mehr als 40 Jahren Nutzungsdauer veraltet, und auch die F/A-18 Hornet kommen in absehbarer Zeit an ihr Lebensende. Zudem bestehen in der bodengestützten Luftverteidigung seit langem Lücken, die es zu schliessen gilt. Der Schutz des Luftraums sowie dessen Verteidigung kann nur durch eine in sich aufeinander abgestimmte Kombination aus Kampfflugzeugen und bodengestützten Abwehrsystemen effizient gewährleistet werden. Die Erfüllung dieses originären Auftrags der Luftwaffe zum Schutz unseres Landes, der Bevölkerung und kritischer Infrastrukturen ist auch wichtig für die Wahrung der Neutralität der Schweiz. Es geht also letztlich um die Sicherheit unseres Landes und um die Zukunft der Schweizer Armee.

 

Wie erfüllt die Luftwaffe ihren Auftrag zum Schutz des Luftraums?

In der normalen Lage überwacht die Luftwaffe den Schweizer Luftraum permanent. Momentan kann die Luftwaffe täglich von 6 Uhr bis 22 Uhr mit zwei bewaffneten Kampfflugzeugen eingreifen. Ab Ende 2020 wird dies rund um die Uhr der Fall sein. Zudem ist die Luftwaffe, beispielsweise beim WEF-Jahrestreffen, mit dem Konferenzschutz betraut. In Zeiten erhöhter Spannungen muss die Luftwaffe dazu in der Lage sein, die Lufthoheit während Wochen und Monaten zu wahren. Ein glaubwürdiger Schutz des Luftraums kann dabei entscheidend sein, ob die Schweiz durch Luftraumverletzungen in einen Konflikt hineingezogen wird oder nicht. Erfolgt ein bewaffneter Angriff auf die Schweiz, gilt es schliesslich, den Schweizer Luftraum zu verteidigen und die Bodentruppen zu unterstützen: durch Aufklärung mit Kampfflugzeugen und die Bekämpfung gegnerischer Bodenziele.

 

Braucht es dafür Kampfjets, oder gäbe es Alternativen?

Es existieren keine geeigneten Alternativen. Weder Drohnen noch Kampfhelikopter oder Trainingsflugzeuge können Kampfflugzeuge ersetzen, da sie zu langsam sind, um andere Kampfflugzeuge abfangen zu können. Um situationsgerechte Entscheide treffen sowie Flugobjekte vor Ort identifizieren, warnen und zur Landung bringen zu können, braucht es Piloten in der Luft. Deshalb ist auch der alleinige Einsatz einer bodengestützten Luftverteidigung keine Option. Diese leistet einen wichtigen Beitrag zur Luftverteidigung, kann jedoch nur zum Abschuss von Flugobjekten eingesetzt werden.

 

Weshalb können denn die F/A-18 nicht auch nach 2030 geflogen werden?

Die vor 23 Jahren beschafften F/A-18 wären den gegnerischen Kampfflugzeugen der neusten Generation dannzumal nicht mehr ebenbürtig. Um 2030 herum werden voraussichtlich alle anderen Staaten, die den F/A-18 in den Versionen A bis D heute noch betreiben, dieses Kampfflugzeug ausser Dienst stellen. Die Schweiz wäre dann die einzige Betreiberin weltweit, und der Hersteller müsste den gesamten Unterhalt allein für die Schweiz gewährleisten. Dies wäre mit enormen Kosten und hohen Risiken verbunden.

 

Wie soll die Erneuerung der Kampfflugzeuge und der bodengestützten Luftverteidigung finanziert werden?

Die für die Erneuerung der Mittel zum Schutz des Luftraums geplanten acht Milliarden Schweizer Franken werden über das ordentliche Armeebudget finanziert. 

Div Bernhard Müller

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Divisionär Bernhard Müller (*1957) führt die Schweizer Luftwaffe seit 2018 als deren Kommandant und ist verantwortlich für die Grundbereitschaft, die Ausbildung und den Einsatz der Luftwaffe sowie der Fliegerabwehr. Er ist direkt dem Chef Kommando Operationen unterstellt. Seine militärische Laufbahn begann Div Müller 1989 als Hauptmann und Kommandant einer Lufttransportstaffel und war zuletzt von 2009 bis 2018 Chef Einsatz Luftwaffe und stellvertretender Kommandant Luftwaffe. Dem Kommandanten Luftwaffe unterstehen die Luftwaffenausbildungs- und -trainingsbrigade, der Lehrverband der Fliegerabwehr, die Operationszentrale der Luftwaffe und die Flugplatzkommandos.

Herr Divisionär Wellinger, was war die Veranlassung für den Bericht «Zukunft der Bodentruppen»?

René Wellinger: Erstens: Die Bedrohung ist komplexer geworden: Heutige Konflikte sind geprägt von einer Vielzahl von Akteuren und Aktionsformen, zudem verwischen sich die Grenzen zwischen Frieden und Krieg. Wir sprechen deshalb von einer sogenannten hybriden Bedrohung.

Zweitens: Weite Teile des schweizerischen Mittellandes, aber auch die Regionen entlang der Landesgrenze ausserhalb des Alpenraumes sind heute dicht bevölkert und entsprechend überbaut. Daher ist damit zu rechnen, dass Einsätze im überbauten Gebiet stattfinden, inmitten der Zivilbevölkerung. Das heisst dort, wo sich der Alltag der Schweizer Bevölkerung abspielt – in Städten und Agglomerationen.

Drittens: Zwischen 2023 und 2033 erreichen die meisten Hauptsysteme der Bodentruppen ihr Nutzungsende. Würden all diese Systeme ersatzlos ausser Dienst gestellt, würden die Bodentruppen – und somit auch die Armee – fast alle ihre heutigen Fähigkeiten verlieren. Damit die Bodentruppen und damit auch die Armee ihre Aufgaben auch in Zukunft erfüllen kann, muss sie sich stets den sich wandelnden Faktoren anpassen: der Bedrohung, dem Einsatzumfeld, dem technologischen Fortschritt sowie den finanziellen und politischen Rahmenbedingungen. Der Bericht «Zukunft der Bodentruppen» zeigt auf, wie sich diese im aufgezeigten Umfeld weiterentwickeln sollten.

 

Was bedeutet es für die Bodentruppen, wenn viele Hauptsysteme fast zeitgleich ihr Nutzungsende erreichen?

Die Finanzierung der Ersatzsysteme, die zusammen ein funktionierendes Gesamtsystem bilden müssen, ist eine grosse Herausforderung. Diese Ausganglage bietet aber auch die Chance, das Fähigkeitsprofil der Armee auf die veränderte Bedrohung und das Einsatzumfeld auszurichten. Es geht um die Überlegung, was die Armee können muss, um ihre Aufgaben künftig erfüllen zu können, und welche Fähigkeiten wie weiterzuentwickeln sind. Es ist nicht möglich und auch nicht sinnvoll, sämtliche Systeme am Ende ihrer Nutzungsdauer eins zu eins zu ersetzen. Um Fähigkeitslücken zu vermeiden, gilt es, die bestehenden Systeme durch Werterhalt- oder Nutzungsverlängerungsmassnahmen so lange im Dienst zu halten, bis diese durch neue abgelöst werden.

 

Wie sieht diese Neuausrichtung aus und wie werden die Systeme der Bodentruppen erneuert?

Die Bodentruppen sollen fähigkeitsorientiert weiterentwickelt werden. Dafür wurden verschiedene Kräftekategorien wie z.B. leichte, mittlere und schwere Kräfte gebildet. Die Weiterentwicklung erfolgt entlang dieser Kräftekategorien und ist auf die Aufgabenwahrnehmung in einem hybriden Konfliktumfeld und im überbauten Gelände ausgerichtet. Die finanziellen Rahmenbedingungen erfordern eine klare Priorisierung: In erster Priorität werden Sensoren, Führung und Wirksysteme vernetzt. In zweiter Priorität wird es darum gehen, die Wirkung der Systeme zu verbessern, beispielsweise durch die Präzisierung der Wirkung oder die Vergrösserung der Reichweite. An dritter Stelle steht schliesslich die Verbesserung von Schutz und Mobilität. Für die Gliederung und Ausrüstung bedeutet dies eine stärkere Ausrichtung auf mobile, modular aufgebaute und einheitlicher ausgerüstete Einsatzverbände.

 

In Hinblick auf die zukünftigen Herausforderungen wurden sowohl Ihr Bericht «Zukunft der Bodentruppen» sowie jener der Luftwaffe zur «Zukunft der Luftverteidigung» verfasst. Wie stehen diese zueinander?

Die beiden Berichte sind aufeinander abgestimmt und bilden gemeinsam die Grundlage für eine fähigkeitsbasierte Weiterentwicklung der Armee (WEA). In einem Konfliktfall sind die Bodentruppen auf die Unterstützung aus der Luft angewiesen, da sie Bedrohungen aus der dritten Dimension sonst schutzlos ausgeliefert wären. Aber auch die Nachrichtenbeschaffung aus der Luft sowie die Luftmobilität sind für Einsätze der Bodentruppen notwendig. Zukünftige Konflikte werden aber nicht mehr nur am Boden und im Luftraum ausgetragen, sondern auch im elektromagnetischen und im Cyberraum, im Weltraum sowie im Informationsraum. Dabei haben die neuen Formen der Kriegsführung die herkömmlichen nicht verdrängt, vielmehr ergänzen und verstärken sie diese. Auch in zukünftigen Konflikten sind die Bodentruppen unerlässlich, da oft nur sie die Entscheidung herbeiführen. Denn sie werden dort eingesetzt, wo die Bevölkerung lebt und arbeitet. Für die Armee als Gesamtsystem ist es wesentlich, die verfügbaren Mittel entsprechend zu priorisieren, damit keine Fähigkeitslücken entstehen. Deshalb geht es im Moment schwergewichtig um die Erneuerung der Mittel zum Schutz des Luftraumes und den weiteren Aufbau der Cyberfähigkeiten. Daneben gilt es, die Erneuerung der Bodentruppen sowie der übrigen Bereiche anzugehen.

 

Wie soll die Modernisierung der Bodentruppen finanziert werden?

Der Gesamtbundesrat hat am 15. Mai 2019 die Weiterentwicklung der Bodentruppen und ihrer Fähigkeiten gemäss der Option 2 verabschiedet. Für die Erneuerung der Bodentruppen stehen demzufolge sieben Milliarden Schweizer Franken zur Verfügung. Dies beinhaltet auch die Investitionen für Cyber und weitere Bereiche. Wie auch die Erneuerung der Mittel zum Schutz des Luftraums wird die Erneuerung der Bodentruppen über das ordentliche Armeebudget über eine Zeitspanne von rund 15 Jahren finanziert.

Div René Wellinger

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Divisionär René Wellinger (*1966) führt seit 2018 das Kommando Heer. Er begann seine militärische Laufbahn 1995 als Hauptmann und Kommandant einer Artilleriebatterie, zuletzt war er von 2014 bis 2018 Kommandant des Lehrverbands Panzer/Artillerie. Direkt dem Chef Kommando Operationen unterstellt, ist Div Wellinger als Kommandant Heer verantwortlich für die Grund- und Einsatzbereitschaft der ihm unterstellten Stäbe, Brigaden und Truppenkörper. Dem Kommandanten Heer unterstehen das Heeresstabsbataillon, das Kompetenzzentrum Führungs- und Fachsysteme sowie drei mechanisierte Brigaden. Er ist verantwortlich für die Operationssphäre Bodentruppen.

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