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Auch über den Wolken darf die Freiheit nicht grenzenlos sein

Die Fäden für den luftpolizeilichen Dienst laufen in der Einsatzzentrale Luftverteidigung zusammen. Rund 260 Mal stiegen die Kampfjets im vergangenen Jahr zu Kontrollen und Ernstfällen auf. Besonders gefordert ist die Einsatzzentrale während des World Economic Forum.

14.01.2019 | CUMINAIVEL | lv

Auch über den Wolken darf die Freiheit nicht grenzenlos sein
F/A-18 Hornet, J-5007, J-5236

«Jetzt hab‘ ich einen!», schallt es durch den Raum. Damit ist dem Fluglotsen die Aufmerksamkeit aller gewiss. Blicke wechseln zwischen den Bildschirmen und dem Mann hin und her. Der Chief Air Defence (CAD) erfasst die Situation innert Sekunden: Ein Businessjet hat nach dem Start in Samedan unerwartet seine Flugrichtung geändert. Neuer Kurs: Davos. Keine Minute vergeht –bereits hat der CAD zwei F/A-18-Kampfflugzeuge auf Abfangkurs geschickt, die Verbindung zum Vorsteher des Verteidigungsdepartements steht. Gespannt folgen alle Augen im Raum den drei Symbolen auf dem Bildschirm, die sich unausweichlich aufeinander zu bewegen.

Diese Szene spielt während des World Economic Forum in der Einsatzzentrale Luftverteidigung – kurz EZ LUV genannt. Hoch gesichert im Gebäude der Skyguide in Dübendorf untergebracht, überwacht die Einsatzzentrale rund um die Uhr sämtliche Flugbewegungen über der Schweiz. Und das sind einige! Tausende Verkehrsflugzeuge kreuzen täglich auf den grossen Luftstrassen Europas die Schweiz. Hinzu kommen Flugzeuge fremder Staaten in militärischer wie diplomatischer Mission. Zusätzlich kümmert sich die EZ LUV um den Trainingsbetrieb der Schweizer Luftwaffe.

Ganz schön viel zu tun für den Befehlshabenden der EZ LUV, den Chief Air Defence. Einer von ihnen ist Christoph «Cappelli» Käppeli. Der «Nickname» sagt es schon: Der Hauptmann hat eine Fliegervergangenheit. Acht Jahre lang flog er den F/A-18 Hornet. Nun schickt «Cappelli» seine früheren Kameraden in die Luft – zum Training, aber auch zum Ernstfall. «Wir Berufsmilitärpiloten vertrauen einander bedingungslos», so Käppeli. «Deshalb flogen alle CAD einst Kampfjet.»

In der EZ LUV wird der gesamte luftpolizeiliche Dienst abgewickelt. Dieser umfasst administratives wie das Erteilen von Überflugbewilligungen bis hin zur Intervention mit Kampfjets. Täglich werden «Verkehrskontrollen» durchgeführt, wie Hauptmann Christoph Käppeli es ausdrückt. «Analog zur Polizei am Boden, markieren auch wir Präsenz in der Luft», erklärt der 34-Jährige. Dazu stehen dem CAD aktuell bewaffnete F/A-18 zur Verfügung. Letztes Jahr kamen insgesamt 245 Live Missions (Kontrollen) und knapp zwanzig Hot Mission (Ernstfälle) zusammen. Letztere sind zumeist Abweichungen vom Flugplan oder auf fehlenden Funkkontakt zurückzuführen.

Ernstfälle? Muss die Luftwaffe wegen jeder Funkstille gleich bewaffnete Flieger hochschicken? «Klar. Nur vor Ort können wir sehen, ob der Pilot gerade nur träumt oder doch ein Terrorist das Flugzeug steuert», so Christoph Käppeli. Steigen die F/A-18 hoch, wechselt die Stimmung in der EZ LUV innert Augenblicken von Alltag auf höchste Konzentration. Die Prozesse müssen eingespielt, die Kommunikation klar sein. Nur so kann der CAD in Minutenschnelle die richtigen Schlüsse ziehen und den militärischen und politischen Entscheidungsträgern im Ernstfall entsprechende Empfehlungen abgeben. Im Rahmen des Einsatzes der Schweizer Luftwaffe während des WEF in Davos werden genau diese Befehlsketten und Prozesse jährlich immer wieder auf Probe gestellt.

Ein entscheidendes Element in der Luftverteidigung ist die Vorwarnzeit. Die EZ LUV ist bemüht, diese möglichst lang zu halten. Etwa dank der Zusammenarbeit mit der zivilen Flugsicherung und ausländischen luftpolizeilichen Diensten oder mit der Errichtung möglichst grosser Sperrzonen bei internationalen Konferenzen – immer mit Rücksichtnahme auf den zivilen Flugbetrieb. Beim WEF sind es die zivilen Flugplätze von Bad Ragaz und Samedan, welche innerhalb der Sperrzone für mehr Flugbetrieb sorgen.
So auch im Fall des Businessjets, der auf direktem Kurs in Richtung Davos zuhält: Grosse schwere Maschine, kaum Vorwarnzeit – ein Worst-Case-Szenario! Doch die Schweizer Luftwaffe ist rechtzeitig vor Ort. Die Kampfflieger geben Entwarnung – der Pilot des Businessjets hat sich schlicht in der Flugroute vertan. Ein Fehler, dessen weitreichende Folgen die Einsatzzentrale Luftverteidigung nicht mehr primär interessiert. Sie hat ihren Auftrag erfüllt.