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Der «Polizist Wäckerli» von Davos: Hans Peter Michel

Wenn die Armee im Kanton Graubünden Zivilen einen Schaden verursacht, kümmert sich Hans Peter Michel darum, der regionale Schadeninspektor des VBS. Der Davoser steht hin und schaut, dass der Geschädigte zu seinem Recht kommt und der Armee kein Imageschaden entsteht. Und gerade bei einem Grosseinsatz wie beim Weltwirtschaftsforum WEF in Davos sind seine Dienste als Vermittler besonders gefragt.

23.01.2020 | Kommunikation Verteidigung, Fahrettin Calislar

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Hans Peter Michel, Schadeninspektor VBS und Alt-Gemeindepräsident von Davos, vermittelt bei Schäden zwischen Betroffenen und Armee. (Foto: VBS)

«Wo gehobelt wird, fallen Späne», sagt Hans Peter Michel, als Schadeninspektor des VBS zuständig für Davos. Schäden könnten nicht immer vermieden werden, wenn die Armee – wie im Fall des Assistenzdienstes am World Economic Forum (WEF) – im Einsatz stehe. «Sie macht ihre Arbeit, und sie macht sie gut. Sie leistet Gigantisches für das WEF.» So betrachtet sei der Schaden vergleichsweise klein. Im Gegenteil, so Michel weiter. Die Truppe stehe in der Ausbildung. «Ich sage den Kommandanten, wenn sie keine Schäden wollen, sollen sie zu Hause bleiben.»

Rund 50'000 Franken – das ist im Schnitt der gesamte Schaden, den die Armee pro WEF Dritten verursacht; an Kreiseln oder Strassensignalen etwa, oder wenn ein Hubstapler mit Schutzgittern auf der Gabel gegen eine Hauswand fährt, ein Fahrzeug mit Militärnummer auf einer vereisten Garageneinfahrt gegen die Türe rutscht oder Militärfahrzeuge auf improvisierten Parkplätzen die Wiese beschädigen.

Schäden nehmen tendenziell ab

Der Davoser Alt-Gemeindepräsident stellt fest, dass die Schäden am WEF seit Jahren stabil geblieben sind, der Betrag sogar abnehme, und die Truppe sorgfältig arbeite. «Das sind in der Regel tolle Leute, weniger rüpelhaft als wir früher.» Welche Schäden es am WEF 2020 genau geben werde, könne er zwar nicht voraussagen, so Michel verschmitzt, aber er könne den Schaden abschätzen: eben, 50'000 Franken – ausser das Wetter sei besonders schlecht oder die Truppe ungewöhnlich unachtsam.

Diese müsse sich natürlich bemühen, Schäden zu vermeiden. Soldaten und Kommandanten sind aber verpflichtet, verursachte Schäden zu melden – und zwar innerhalb der vorgegeben fünf Tage. Da hapere es manchmal noch ein wenig, weiss Michel. Da müsse er ab und an Nachforschungen anstellen, wer was und warum für Schäden verursacht habe. Dabei unterstützt ihn die Koordinationsstelle der Territorialdivision 3 tatkräftig.

Seine Neutralität ist wichtig

Michel schildert anekdotisch einen Fall seines Vorgängers: Eine Richtstrahlantenne in der Nähe seines Stalls, so klagte ein Bauer, habe die Milchleistung und –qualität einer seiner Kühe vermindert. Der Bauer wollte Schadenersatz. Der VBS-Experte konnte diesem Wunsch nicht entsprechen. Trotzdem fand der Gemeindevertreter einen originellen Ausweg aus dem Dilemma, mit dem der Bauer leben konnte – welchen, sei an dieser Stelle verschwiegen. «Es ist aber nicht immer einfach, eine gute Lösung zu finden», so Michel.

Er stelle sich hin und übernehme die Verantwortung. «Ich sage ihnen: Ich sorge dafür, dass es geklärt wird.» Er versuche, dem Geschädigten eine unkomplizierte und befriedigende Lösung anzubieten. «Ich gehe generell davon aus, dass sein Anspruch berechtigt ist. Was bringt es mir, wenn ich ein paar Franken einspare, die Armee aber dafür einen Imageschaden hat?», fragt Michel. Nichts. Er sei neutral, arbeite im Auftragsverhältnis, sei also nicht beim Bund angestellt. Ausserdem sei er nicht uniformiert, das schaffe Vertrauen gegenüber seiner Rolle als Vermittler.

Es sei bisher kaum vorgekommen, dass jemand versuchte, die Armee über den Tisch zu ziehen. Dabei komme ihm entgegen, dass er sowohl Bauer als auch Offizier gewesen ist und somit beide Seiten kenne. Er könne einschätzen, ob die Forderung angemessen sei und ausgleichend einwirken. Es sei schon vorgekommen, dass er einen Geschädigten davon überzeugen musste, seine Forderung zu erhöhen, da sie Michel doch unangemessen tief erschien. Dennoch sind die Fälle, in denen die Forderungen der Geschädigten reduziert werden müssen, häufiger. Kurz: «Ich darf das Wohlwollen der Geschädigten nicht verlieren, muss zugleich aber schauen, dass Steuergelder nicht verschleudert werden.»

Köpfe kennen, wenn es kriselt

Hinter einem Schaden stehe meistens eine Fehlleistung. Deshalb sei Prävention wichtig. Er besuche und informiere die Truppe, beispielsweise anlässlich von Jahresrapporten oder Übungen. «Ich sage ihnen zum Beispiel, sie sollten Panzerverschiebungen an heissen Tagen vermeiden – um Schäden an der Strasse zu verhindern.» Er nehme sich auch Zeit für die Pflege eines Beziehungsnetzes gegenüber Behörden und Militärs. «Es ist gut, Köpfe zu kennen, wenn es darum geht, eine brisante Situation zu klären oder eine hitzige Stimmung herunter zu temperieren.»

Die Truppe handle nicht böswillig, ist Michel überzeugt. «Ich stelle mich immer vor jene, die den Schaden versursacht haben. Diese jungen Leute leisten einen Dienst am Vaterland, machen einen guten Job, sind meist so achtsam wie möglich.» Er lasse sie nicht hängen. Er verstehe sich als eine Art Polizist Wäckerli, der nicht schimpft, sondern den Leuten wohlmeinend ins Gewissen redet. Eben: «Manche Schäden sind nicht vermeidbar. Wichtig ist, dass alle Beteiligten ruhig und offen für Lösungen bleiben.»

Hans Peter Michel, Schadeninspektor VBS, Bauer und Oberst a.D.

Hans Peter Michel hat Erfahrung. Er war während 33 Jahren Bauer und sass 2001 bis 2012 im Gemeinderat von Davos, davon acht Jahre als Landammann (Gemeindepräsident). Dazwischen war er auch Grossrat (FDP) und 2013 als Präsident des Bündner Kantonsparlaments, seit Februar 2019 ist er pensioniert. Schweizweit bekannt wurde Michel als Vermittler, als er sich vor rund 17 Jahren zwischen Polizei und Demonstranten stellte, damals, als wegen des WEF noch Steine flogen. Seit 2016 arbeitet Michel im Mandatsverhältnis als Chefexperte für das Schadenzentrum VBS, zuvor war er als Stellvertreter unterwegs. Er war zuerst für den Kanton Graubünden zuständig, jetzt für die ganze Ostschweiz. Ausgenommen seien zivile Fahrzeuge und Schäden, die Uniformierte ausserhalb des Dienstes oder grobfahrlässig verursachten. Im Militär war Michel bei der Infanterie, zeitweise Bataillonskommandant und dann als Oberst Chef des Mobilisierungsplatzes in Chur.