print preview Zurück zur Übersicht WEF – CUMINAIVEL

Das passiert nach einem Giftanschlag

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen könnten die einflussreichen WEF-Gäste einem Attentat zum Opfer fallen. Die Armee ist vorbereitet. Auch auf Chemie-Attacken.

24.01.2020 | CUMINAIVEL | sf

Das passiert nach einem Giftanschlag

 

Anfang März 2018: In der englischen Kleinstadt Salisbury werden Sergei Skripal und seine Tochter auf einer Parkbank bewusstlos aufgefunden – vergiftet mit Nowitschok. Sie überleben. Rund ein Jahr vorher wurde auf Kim Jong Uns Halbbruder ein Giftanschlag verübt. Er hatte weniger Glück.

Ein Szenario, das auch am WEF eintreten könnte. «Aufgrund der vielen High-Profile-Targets, die sich während des WEF im Raum Davos bewegen, sind wir auf solche Ereignisse vorbereitet», erklärt Oberleutnant Hossli. Er leitet die ABC-Einheit im Rettungszentrum, die 2019, ein Jahr nach Salisbury, erstmals im Einsatz stand.

Würde einem Staats- oder Firmenchef tatsächlich ein Kampfstoff ins Gesicht gespritzt werden wie im Falle Kim Jong-nams oder wie in schlechten Agentenfilmen mit einem präparierten Schirm injiziert, die Truppe des ABC Abw Bat 10 stünde bereit.

In den Zelten, die vage an überdimensionierte grüne Wigwams erinnern, ist bereits alles zurechtgelegt. Im grössten Zelt, dessen Eingang direkt neben jenem der Sanitätshilfsstelle liegt, befindet sich das Herzstück der Anlage: die Dekontaminationsstrasse. Steht ein Patient unter dem Verdacht, vergiftet worden zu sein, wird er zuallererst hierhergebracht. Käme er kontaminiert in ein Spital, könnte sich das Gift in rasantem Tempo ausbreiten.

Noch vor dem Zelt kommen verschiedene technische Geräte zum Einsatz, um zu messen, wo und in welchem Umfang der Patient Kampfstoffe aufweist. Dann werden Gesicht und Hände sofort mit einem kleinen Schwamm und neutralisierender Flüssigkeit gewaschen und gegebenenfalls ein Antidot gespritzt, bevor der Patient mit der Bahre auf eine spezielle Schiene gelegt wird.

In der zweiten Zone wird alles entfernt, was kontaminiert sein könnte: Die Kleider werden mit scharfen Scheren aufgeschnitten und entsorgt, Brille, Schmuck und alle weiteren Gegenstände werden in Plastiksäcke gepackt und später gesondert gereinigt. Da der Patient in dieser Phase völlig nackt ist, werden die Zelte rund um die Uhr geheizt – was die ABC-Soldaten richtig ins Schwitzen bringen kann. «Mit Schutzmaske und Breaking-Bad-Anzug kann es in der Hot-Zone richtig heiss werden», erzählt Gfr Andri Probst. «Zum Glück können wir darunter tragen, was wir wollen.» Hier werden die Patienten auch mit einem warmen Wasser-Javel-Gemisch abgeduscht und offene Wunden mit dem Medi-Celan, einer Art Staubsauger, zusätzlich gereinigt.

In der dritten und letzten Zone, der Cold-Zone, übernehmen dann Notarzt, Rettungssanitäter und weitere Soldaten, um die Weiterversorgung des Patienten sicherzustellen. «Die Zusammenarbeit mit der Truppe funktioniert sehr gut», meint etwa Sabina Schneider, die als Internistin in Chur arbeitet und hier als Notärztin fungiert. «Obschon wir uns an das Material und das neue Team anpassen müssen.» 

Nur gerade 6 bis 15 Minuten dauert die ganze Prozedur, je nach Kleidung und Verletzungen des Opfers. «Alle Abläufe sind präzise auf den WEF-Einsatz zugeschnitten», so Oblt Hossli.

Für einen Fall Salisbury ist man in Davos also sogar noch besser gewappnet.