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Eierkuchen, Freude, Friede

WK-Soldaten tauschen für 3 Wochen ihr ziviles Leben gegen ein militärisches Umfeld. In einer losen Reihe versucht sich Cuminaivel verschiedenen Phänomenen im Alltag eines Miliz-Soldaten anzunähern. Heute: Teil 4 – der Zwipf.

22.01.2020 | CUMINAIVEL | sf

Militärischer Alltag: Zwipf
Zwipf

Drei Wochen Militärdienst, das bedeutet drei Wochen stark strukturierte Tagesabläufe, reglementarisch vorgeschriebene Gesichtshaarkonturierung, strenge Hierarchien und höchste Disziplin. Für Friede, Freude, Eierkuchen bleibt da keinen Platz.

Jedenfalls nicht für den anhaltenden Zustand der Heiterkeit, den die Redewendung als Gesamtes verspricht. Für die einzelnen Elemente derselben aber sehr wohl. Denn gerade in Situationen, die an sich keine rauschende Ekstase verheissen, ist es wichtig, konkrete Strategien zur Hand zu haben, um nicht in Melancholie zu verfallen. Und was hälfe da besser als Essen?

Deshalb stellt die Armee neben den drei Hauptmahlzeiten Zwipf zur Verfügung. Fatal. Denn bedauerlicherweise scheint es die Natur so eingerichtet zu haben, dass sich der Appetit umgekehrt proportional zur körperlichen Aktivität verhält. Will heissen: Je weniger man zu tun hat, desto mehr will man essen.

So kommt es nicht selten vor, dass man sich beispielsweise während einer Reserve-Schicht dabei ertappt, wie man vor der Zwipfkiste steht und sich durch die Riegel, Äpfel und Kaugummis wühlt, als ginge es darum, ein Kätzchen zu bergen, das eben von einer Lawine verschüttet wurde. Doch das ist gar nicht so einfach. Erst muss man vorbei an des Teufels Fliegen, kleinen Säckchen mit Fruchtmischungen, die damit werben, gesund zu sein (per se schon eine Bankrotterklärung); dann die Dar-Vida zur Seite schaufeln, die dem Bundesziegel in puncto Erstickungsgefahr höchstens im Promillebereich voraus sind; das Schoko-Müesli ignorieren (welcher kulinarisch degenerierte Zungenamputierte isst denn bitte Müesli ohne Milch?); den Verlockungen der Traubenzucker widerstehen, deren kurzer süsser Genuss den Glukosespiegel derart in die Höhe peitscht, dass man sein Blut in Flaschen abfüllen und als Sirup verkaufen könnte; und schliesslich die Pocket Sandwiches wegräumen, deren labbrige Teigscheiben an einem Klumpen «Fleischerzeugnis» klebt, der mit Fleisch etwa so viel zu tun hat wie Brot mit Bier.

Dann endlich, nach bangen Minuten des Suchens, gelangt man in den Tiefen der Kiste zu den versteckten Perlen: gesalzene Erdnüsse wie kleine, würzige Goldnuggets, ambrosische Läckerli, die selbst Roger Federer hinter dem Ofen hervorlocken würden, und manchmal – ganz, ganz selten – erwischt man sogar eine kleine Tafel Militär-Schokolade, die einem auf der Zunge zerfliesst.

Das Dumme nur: Mit dem Essen kommt der Appetit, und so sind die Neujahrsvorsätze schon Mitte Januar dahin. Aber sei’s drum. Ob Getreidestängel, Schokolade oder Eierkuchen: Freude geht durch den Magen. Und solange eine Truppe ihren Auftrag mit Freude erfüllt, bewahrt sie auch den Frieden.