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«Es ist denkbar, dass ein Anschlag jederzeit passieren kann.»

Walter Schlegel. So heisst der Mann, welcher für die Sicherheit am Weltwirtschaftsforum zuständig ist. Als Bündner Polizeikommandant trägt er eine enorme Verantwortung. Unter seiner Leitung werden Gäste und Besucher des WEF durch Polizei und Militär beschützt. Im Einsatz sind Polizeikorps aus allen Kantonen, aus verschiedenen Städten und aus dem Fürstentum Liechtenstein. Cuminaivel-Redaktor Fabio Theus hat mit Walter Schlegel gesprochen.

21.01.2019 | CUMINAIVEL | ft

Walter Schlegel im Interview
Walter Schlegel im Interview

Herr Schlegel, Sie wirken immer sehr ruhig. Werden Sie nie nervös?

Doch, ich bin schon manchmal nervös, aber vielleicht merkt man es nicht immer. Es ist vielleicht auch eine Gabe, dass ich auch in kritischen Situationen ruhig bleiben kann.

US-Präsident Trump hat seinen Besuch am WEF abgesagt. Welche anderen politischen Schwergewichte kommen an das WEF? Wissen Sie mehr als wir?

Ich weiss sicher mehr als Sie, kann Ihnen aber nicht alles sagen. Wer tatsächlich alles an das WEF kommt, wissen auch wir von der Kantonspolizei Graubünden erst, wenn das WEF beginnt. Die Liste der möglichen Public Figures ist lang.

Herr Polizeikommandant Schlegel, während des WEF 2018 war es zu einem kompletten Verkehrskollaps in Davos gekommen. Bewohner waren verärgert. Wird der Verkehr auch in diesem Jahr wieder zum Stillstand kommen?

Ich hoffe nicht. Die Gemeinde Davos hat mit verschiedenen Partnern einen runden Tisch geführt und ich gehe davon aus, dass sich die getroffenen Massnahmen positiv auf den Verkehr in Davos auswirken werden. Eine der Massnahmen ist eine temporäre Haltestelle für Züge der RhB in der Nähe des Kongresszentrums.

Zur Bedrohungslage. Wie ist diese aktuell einzustufen?

Seit den Anschlägen in Paris von 2015 gilt für die Schweiz eine erhöhte Terrorbedrohung.

In Zürich, Bern und Davos finden Demonstrationen statt. Grundsätzlich: Wie sicherheitsrelevant sind Demos gegen das WEF in Davos eigentlich noch?

Bei jeder Demonstration kommt es darauf an, wie sich die Teilnehmenden verhalten. Wenn sie sich an die gemachten Auflagen halten, ist gegen bewilligte Proteste nichts einzuwenden und sie sind polizeilich gut zu bewältigen. Mit einer friedlichen Kundgebung wird mehr Aufmerksamkeit erreicht als mit Randalieren und Sachbeschädigungen. Im letzteren Fall wäre ein Einschreiten der Polizei notwendig.

Am WEF im Einsatz sind Polizeikorps aus allen Kantonen, aus verschiedenen Städten und aus dem Fürstentum Liechtenstein. Da kommt einiges an Polizistinnen und Polizisten zusammen. Über die Anzahl wurden bisher keine Angaben gemacht. Vielleicht jetzt?

Ich kann Ihnen sagen, dass am WEF ein gesamtschweizerisches Sicherheitsdispositiv gefahren wird. Denn die Demonstrationen beispielsweise gegen das WEF finden auch in Bern und Zürich statt und dort ist jeweils die zuständige Polizei für die entsprechende Sicherheitsgewährleistung verantwortlich. Somit ist unter den Polizeikorps eine grosse Solidarität und gegenseitige Unterstützung gefragt.

Was wäre für Sie als Sicherheitschef des WEF der Super-GAU, der geschehen könnte?

Wenn etwas geschehen würde und wir die Sicherheit nicht mehr gewährleisten könnten. Schlimm sind Ereignisse, die man nicht erwartet und ein enormes Ausmass haben. 

Konkret beispielsweise ein terroristischer Anschlag.

Schauen Sie, die Bedrohungslage ist „erhöht“ und es ist denkbar, dass ein solcher Anschlag jederzeit passieren kann. Das wäre eine grosse Herausforderung für die Polizei aber auch für die gesamte Bevölkerung in der Schweiz. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie.

Die Armee ist subsidiär für die Polizei im Einsatz – wäre ein WEF ohne die Hilfe durch die Armee überhaupt noch möglich?

Die Armee unterstützt uns grundlegend am WEF. Es sind aber noch weitere Partner im Einsatz. In der Summe ist es somit der gesamte Schweizerische Sicherheitsverbund, der während des WEF im Einsatz ist und hervorragend zusammenarbeitet. Die Armee ist innerhalb dieses Verbundes ein wesentlicher Bestandteil.

Wer gibt der Armee die Aufträge? Sind Sie das als Sicherheitschef persönlich?

Wir machen sogenannte Leistungsbestellungen an die Armee. Das heisst, wir teilen der Armee mit, welche Leistungen wir von ihr brauchen. Es ist aber tatsächlich so, dass ich als Sicherheitschef die Aufträge erteile und das Militär hat diese umzusetzen. Wichtig ist zu erwähnen, dass diese Leistungsbestellungen nur für den Einsatz am Boden gelten. Die Luftwaffe ist selbständig und stellt die Sicherheit in der Luft sicher.

Haben Sie als Sicherheitschef des WEF die Kompetenz, von heute auf morgen die Armee abzuziehen, sprich den subsidiären Auftrag des Militärs abzubrechen?

Tatsächlich könnte ich befehlen, dass ich die Armee in gewissen Aufgabenbereichen nicht mehr brauche. Das aber ist in der aktuellen Bedrohungslage undenkbar. 

Als Sicherheitschef sind Sie in den Tagen und Nächten des WEF dauerhaft im Einsatz. Wie viele Stunden schlafen Sie?

lacht. Das kommt auf die Situation an. Vielleicht macht das Wetter einen Strich durch die Tagesplanung oder es gibt unerwartete Probleme zu lösen. Im Schnitt schlafe ich zwischen 5 und 6 Stunden pro Nacht.

Ist Herr Schlegel auch manchmal bei den Einsatzkräften unterwegs? Also dort, wo Angehörige von Polizei und Armee bei Minustemperaturen Wache schieben?

Ja, das mache ich. Wenn es die Zeit zulässt, versuche ich mit den Leuten zu sprechen und Kontakte zu knüpfen. Dem muss ein Kommandant selbstverständlich nachkommen.

Was gefällt Ihnen als Sicherheitschef am meisten?

Die Zusammenarbeit mit allen Sicherheitskräften, die sich nicht nur während des WEF, sondern auch unter dem Jahr zum Austausch treffen. Das ist notwendig, damit man parat ist, wenn es ernst gilt. Diese Kontakte sind interessant und machen mir Freude.