print preview

Zurück zur Übersicht Militärische Friedensförderung


Schweizer Armeeangehörige in Bosnien und Herzegowina und ihr Beitrag zur Stabilität

In Bosnien und Herzegowina setzen sich seit 2004 bis zu 20 Schweizer Armeeangehörige in Liaison and Observation Teams (LOT) zugunsten der EUFOR-Mission ALTHEA ein. Diese Teams sind an bekannten und potentiellen Konfliktstellen stationiert und bilden ein Frühwarnsystem zugunsten der Mission. Soldat Martin Eggenberger leistet zurzeit einen Einsatz als Observer in Trebinje und berichtet aus seinem Alltag und den Herausforderungen im Süden des von Spannungen geprägten Landes.

12.03.2024 | Text und Fotos: Soldat Martin Eggenberger, Observer EUFOR LOT Trebinje

Soldat Martin Eggenberger, Observer EUFOR LOT Trebinje.
Soldat Martin Eggenberger, Observer EUFOR LOT Trebinje.


«Unser Einsatz startete an einem windigen Oktobertag als unser Flugzeug zur Landung in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina (BiH), ansetzte. Als wir nach der Ankunft das Rollfeld betraten, wurde unser Team nicht nur von den uns bekannten Gesichtern des Schweizer Logistikkoordinators und der Angehörigen der Militärpolizei der EUFOR (European Union Force) begrüsst, sondern auch vom kühlen Wind in Sarajevo. Nach der Zollabfertigung stand das In-Processing im Camp Butmir an, in welchem sich das Hauptquartier der EUFOR befindet. Kaum war auch diese Aufgabe erledigt, verteilte sich unser Team und alle machten sich auf den Weg zu ihrem zugewiesenen Einsatzort (Area of Operation, AO). Unser Ziel war die Stadt Trebinje, die für die nächsten sechs Monate unser Wohn- und Arbeitsort sein sollte.

Die Stadt Trebinje befindet sich in der Republika Srpska, einer der beiden Entitäten von Bosnien und Herzegowina, und fasziniert durch ihr mediterranes Klima, ihr reiches kulturelles Erbe, ihre historische Bedeutung und ihren ausgezeichneten Wein. Die andere Entität ist die Föderation Bosnien und Herzegowina, wo das zweite Schweizer LOT in der Stadt Mostar stationiert ist. Die beiden Entitäten sind aus dem Friedensabkommen von Dayton 1995 hervorgegangen, mit dem der Krieg, der auf den Zerfall Jugoslawiens gefolgt war, beendet wurde.

Besonderer Zugang zur lokalen Bevölkerung

Das hinsichtlich Kontingentsgrösse kleine, aber mittlerweile seit 20 Jahren andauernde Engagement der Schweiz im Rahmen der EUFOR findet in der öffentlichen Wahrnehmung oft etwas weniger Beachtung als der personell wesentlich umfangreichere Schweizer Beitrag zugunsten der Kosovo Force (KFOR). Die von der EU geführte EUFOR ALTHEA besteht seit 2004 in Bosnien und Herzegowina. Wichtigstes Ziel der Mission ist es, nach den verheerenden Jugoslawienkriegen der 1990er-Jahre, die Sicherheit in der Region zu bewahren. Ihr Fokus liegt auf der Förderung der Stabilität und der Unterstützung der Entwicklung des Landes in Richtung euro-atlantische Integration. Auch dank des Beitrags der Schweiz und deren neutrale und unparteiische Haltung kann die EUFOR ALTHEA in sensiblen Gebieten in Bosnien und Herzegowina operieren, was von der lokalen Bevölkerung sehr geschätzt und respektiert wird.

Die lokale Bevölkerung bezeichnet uns liebevoll als die «Schwajzarski», die Schweizer. Der einzigartige und besondere Zugang zu dieser, der durch den Einsatz der Schweizer Beobachtungsteams möglich geworden ist, hat zu vielen aufschlussreichen, sowohl geplanten als auch spontanen Treffen mit den Einheimischen geführt. Während der Patrouillen macht es Freude, die Reaktionen der Menschen zu sehen, die oft aus der Diaspora in der Schweiz oder Deutschland stammen, wenn sie Fahrzeuge mit Schweizer Nummernschildern sehen. Sie winken und lächeln uns freundlich zu und bringen damit ihre Dankbarkeit für unsere Präsenz in ihrem Land zum Ausdruck.

Allgegenwärtige Herausforderungen

Diese positiven Begegnungen stehen jedoch im Kontrast zu den allgegenwärtigen Herausforderungen, mit denen das Land konfrontiert ist. Die politischen und ethnischen Spannungen in Bosnien und Herzegowina werden von populistischen Politikern verschärft, die oftmals mehr an Selbsterhaltung als am Lösen der realen sozioökonomischen Probleme des Landes interessiert sind. Aufgrund der Auswanderung kämpft das Land mit einem chronischen Fachkräftemangel, der verschiedene Sektoren, vom Gesundheits- bis zum Bauwesen, betrifft. Auf einer Patrouille in einem abgelegenen Dorf bei Trebinje begegneten wir einer älteren Frau, die – angesprochen auf ihre Wintervorbereitungen – meinte: «Uns fehlt es nicht an Feuerholz, uns fehlt es nur an Menschen.» Dieser «Braindrain» ist ein wiederkehrendes Thema in Treffen mit Geschäftseigentümerinnen und -eigentümern sowie Jungunternehmerinnen und -unternehmern. Sie betonen, wie schwierig es ist, Fachkräfte zu finden, die bereit sind, zu im Vergleich mit den benachbarten EU-Ländern tiefen Löhnen zu arbeiten.

Die Rolle der Schweiz innerhalb der EUFOR gewinnt noch mehr an Bedeutung, wenn man weiss, dass die Jugend der Schlüssel zur Zukunft von Bosnien und Herzegowina ist. Die Schweizer Beobachterinnen und Beobachter führen, unterstützt durch lokale Dolmetscherinnen und Dolmetscher, an Primar- und Sekundarschulen in ihrem Verantwortungsgebiet die «Mine Risk Education» durch. Das Hauptziel dieser Bildungsinitiative ist, die Schülerinnen und Schüler für die Risiken im Zusammenhang mit Munitionsresten und Blindgängern aus vergangenen Kriegen zu sensibilisieren und ihnen die notwendigen Vorsichtsmassnahmen bei solchen Funden beizubringen. Die positiven Interaktionen mit wissbegierigen Schülern erleichtern den Austausch von Praxiswissen, wodurch das Bewusstsein der jüngeren Generation wirksam geschärft werden kann.

Zusammengefasst geht es beim Engagement der Schweiz innerhalb der EUFOR-Mission nicht nur um die Wahrung von Sicherheit und Stabilität, sondern um den Aufbau von Beziehungen und Vertrauen, das Suchen von Lösungen für lokale Herausforderungen und das Leisten eines Beitrags zur europäischen Integration von Bosnien und Herzegowina in der Zukunft. Das wirkungsvolle Engagement der Schweiz im Rahmen der EUFOR unterstreicht, wie wichtig die Friedensförderung für Stabilität und Sicherheit sowie als Katalysator für dauerhafte Fortschritte in diesem von Spannungen geprägten Land ist.»


Zurück zur Übersicht Militärische Friedensförderung