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Interview mit Major Ahmed Sheir, Deputy Camp Commander

23.09.2022 | Fachoffizier Norbert Jenal, Presse- und Informationsoffizier SWISSCOY 46

Ahmed Sheir moderiert den CoC seines ungarischen Kommandanten

Ahmed Sheir, erzählen Sie uns doch etwas über Ihre Person.

«Mein Name ist Ahmed Sheir, ich bin 30 Jahre alt und habe Geologie und Physik studiert. Nachdem ich meinen Militärdienst absolviert hatte, entschied ich mich Berufsoffizier zu werden. Ich bin verheiratet, habe zwei wunderschöne Zwillingstöchter und bin ausserdem Unternehmer. In der Schweiz arbeite ich in der Rettungsschule 75 in Wangen an der Aare. Ich bin Einheitsberufsoffizier und meine Hauptaufgaben bestehen darin, die Rekrutenschulen zu planen, das Ausbilderteam zu führen, Übungen zu planen und durchzuführen und die Kompaniekommandanten bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu unterstützen.»

Wie sieht Ihr Arbeitstag als Deputy Camp Commander aus?

«Mein Tag beginnt mit einem Briefing mit dem Kommandanten und den Stabsmitarbeitern des C2 (Command and Control). Wir besprechen und koordinieren die Informationen für die Woche. Anschliessend führe ich die Sicherheitskontrollen im Camp durch. Der Deputy Camp Commander ist auch der Sicherheitsoffizier des Camps. Der Tag ist hauptsächlich der Kontrolle, Planung und Durchführung von Projekten im Lager gewidmet. Es gibt tägliche Berichte mit der NSPA (Nato Support and Procurement Agency), mit der wir enge Verbindungen haben, wenn es darum geht, die Grundversorgung der Soldaten im Camp zu unterstützen. Darüber hinaus wird täglich mit dem Camp-Arzt über die Gesundheitslage berichtet. Meine Arbeitstage sind nicht immer gleich, was diese Aufgabe faszinierend und interessant macht. Man muss aktiv sein und Fehler und Mängel vorhersehen, die zu Problemen oder Schwierigkeiten für die Truppen führen könnten.»

Was fasziniert Sie an dieser Aufgabe?

«Die Tatsache, dass kein Tag dem anderen gleicht. Natürlich gibt es eine Routine, aber diese nimmt nur einen kleinen Teil des Tages in Anspruch. Auch die Interaktion und der Austausch mit anderen Nationen ist eine einzigartige Erfahrung. Jeden Tag lerne ich viel über Sicherheit und bin gerade dabei, eine Verteidigungsübung mit dem gesamten Militär im Camp zu planen. Ich finde, dass diese Aufgabe herausfordernd ist und viel Energie erfordert, was die Schwierigkeit, von Familie und Kindern getrennt zu sein, zum Teil ausgleicht.»

Was können Sie aus dieser Funktion für Ihre militärische Karriere lernen?

«Ich lerne viel in den Bereichen Planung, Führung und Sicherheit. Diese drei Bereiche sind sehr relevant, und wenn man etwas in einem realen Einsatzraum lernt, öffnet das den Geist für eine andere Dimension. Die Führung von Mitarbeitern, die sich aus verschiedenen Nationalitäten und Profilen zusammensetzen, hilft dabei, die Menschen und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen. Der Bereich Sicherheit ist relevant in meiner Arbeit als Berufsoffizier und zusätzlich in meiner Funktion als Batteriekommandant im Milizdienst. Schliesslich bleibt die Planung und Entscheidungsfindung ein Prozess, bei dem wir die in der Offiziersschule und der Militärakademie erlernten Führungstätigkeiten anwenden. Die Wiederholung verschiedener Aufgaben erhöht die Kompetenz, sich schneller einen Überblick verschaffen, richtig handeln und die verbrauchte Zeit optimieren zu können.»

Warum Sie sich für einen Einsatz in der SWISSCOY gemeldet?

«Ich habe mich für diesen Einsatz beworben, weil ich bisher noch nie die Gelegenheit hatte, in einem internationalen militärischen Umfeld zu arbeiten. Ich wollte schon immer wissen, wie das konkret aussieht. Für mich ist es eine Lebenserfahrung, deren Folgen sicherlich einen Mehrwert für das Berufsleben und die persönlichen Fähigkeiten darstellen.»

Was sind Ihre Aufgaben im SWISSCOY Kontingent 46?

«Auf nationaler Ebene bin ich als S7 bzw. im Bereich der Kontingentausbildung während des Einsatzes hier im Kosovo tätig. Ich habe mich für diese zusätzliche Funktion freiwillig gemeldet. Ich bin davon überzeugt, dass eine Weiterbildung zugunsten einer laufenden Mission etwas völlig anderes und eine Erfahrung ist, die man nicht verpassen sollte. Meine Aufgabe ist es, die Ausbildung zu planen und umzusetzen. Die Herausforderung besteht darin, die Ausbildung für alle zugänglich zu machen, ohne die operativen Bedürfnisse der Kontingentsmitglieder zu beeinträchtigen. Die Aufgabe ist nicht einfach, aber zusammen mit dem Ausbildungsteam, bestehend aus dem Deputy Site Manager Adj Uof Pascal Bisig und dem MEDIC Team, die ebenfalls Freiwillige sind, wurden bei der Planung und Durchführung all unsere Erfahrungen eingebracht - sowohl militärische als auch zivile, jeder in seinem Bereich. Die Ziele wurden auf effiziente Weise erreicht.»

Welche Erwartungen hatten Sie an diese Mission?

«Meine Erwartungen waren, in einem abwechslungsreichen Umfeld zu arbeiten und keine Routine zu haben. Ich wollte eine abwechslungsreiche und komplexe Arbeit haben, die mich zum Nachdenken anregt und meine Arbeitstechniken verbessert, während ich gleichzeitig einen Mehrwert schaffe, dort wo ich angestellt bin.»

Wie fühlt es sich an, weit weg von zu Hause und der Familie zu sein?

«Es ist nicht einfach. Am Anfang dachte ich, dass die Zeit schnell vergehen würde. Nach und nach wurde das Bedürfnis, meine Familie zu sehen, immer stärker, zumal meine kleinen Zwillinge gerade erst anfingen zu sprechen, als ich weggegangen bin, was eine aussergewöhnliche Phase in ihrer Entwicklung ist. Wir blieben über Telefon und Video in Kontakt. Aber ich muss zugeben, dass es am schwierigsten zu bewältigen war, meine Frau und meine Kinder nicht wirklich vor meinen Augen zu sehen. Die Einsamkeit, in der man sich trotz der Menschen um einen herum befindet, hat mich sensibler gemacht und mir die Augen für Aspekte und Details geöffnet, die mir nicht bewusst waren. Ich finde, dass dies auch eine sehr positive Folge diese Mission ist. Ich habe viel über mich selbst gelernt, sogar mehr als ich bei der Arbeit gelernt habe. Die Ferien haben eindeutig dazu beigetragen, den Mangel zu beheben, und ich werde bald, mit einem anderen Blickwinkel, als ich ihn vor meiner Abreise hatte, nach Hause zu meiner Familie zurückkehren.»


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