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SWISSCOY Update - Einbindung der gesamten Gesellschaft bei KFOR-Aufträgen

Das KFOR Gender Advisor Office informierte die Kader der SWISSCOY in einem Vortrag über das Thema «Genderaspekte in KFOR-Missionen». Dabei ging es nicht darum, eine «Frauenperspektive» oder Gleichstellung zu vertreten. Vielmehr sollen bei der Ausführung von Aufträgen zugunsten der KFOR, die soziokulturellen Besonderheiten aller Personen wie Kinder, ältere Menschen sowie Personen mit besonderen Bedürfnissen und damit die ganze Diversität der Gesellschaft berücksichtigt werden.

20.07.2021 | Fachoffizier Michelle Steinemann, Presse- und Informationsoffizierin SWISSCOY 44

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Major Andreas Zach und Dr. Elisabeth Schleicher an einer Veranstaltung zum Thema «Genderperspektive»

 

Der Begriff «Gender» bezieht sich in der Arbeit der KFOR nicht nur auf die Geschlechter, sondern auf alle Bevölkerungsgruppen mit ihren Besonderheiten. KFOR-Angehörige müssen die Perspektive aller Betroffenen einnehmen, um erfolgreich im Einsatz zu sein. Um diesen Einbezug sicherzustellen, hat der Kommandant KFOR zwei Gender Advisors, die eine gendersensitive Beurteilung der Lage durchführen. Es liegt aber nicht nur an ihnen, die unterschiedlichen Perspektiven in die Arbeit der KFOR einzubringen. Vielmehr müssen alle KFOR-Angehörigen mit einer offenen Denkweise ihre Arbeit ausführen. Deshalb haben die beiden Beratenden die Kader der SWISSCOY auf das Thema sensibilisiert und aufgezeigt, wie eine entsprechende Perspektive, die alle Personen im Einsatzraum repräsentiert, im Alltag integriert werden kann.

 

UNO Resolution als Ausgangspunkt

Major Andreas Zach, Chief Gender Advisor to COM KFOR, und seine Stellvertreterin, Dr. Elisabeth Schleicher erläuterten: «Wir sind für eine vollständigere Informationsgewinnung und Verbesserung des Lagebildes verantwortlich, um die Effizienz der Operation zu erhöhen.» Ziel sei es, ein «safe and secure environment» für die gesamte Bevölkerung zu schaffen. Die rechtliche Grundlage ihrer Tätigkeiten wurde mit der UNO-Resolution 1325 im Jahr 2000 geschaffen. Die Resolution verlangt völkerrechtlich verbindlich, dass Frauen auf allen Ebenen angemessen und gleichberechtigt in Konfliktprävention, Friedensprozesse und Sicherheitspolitik sowie den staatlichen Wiederaufbau einzubeziehen sind. Die Arbeit bezieht sich aber nicht mehr nur auf Frauen, sondern auf die ganze Diversität der Gesellschaft.

 

Wichtige Informationsquelle

Die Referentin und der Referent zeigten anhand zweier Beispiele, wieso die betroffenen Bevölkerungsgruppen bei der KFOR-Arbeit einbezogen werden sollen. Im Ersten berichteten sie, dass die KFOR zu Beginn der Mission den Umbau eines heruntergekommenen Gebäudes zu einer modernen Schule unterstützt habe. Die Kinder erschienen aber nicht zum Unterricht und die Verantwortlichen der KFOR waren ratlos. Wären dazumals ebenfalls Frauen als Informationsquelle vor der Bauplanung befragt worden, hätte das Debakel verhindert werden können. In diesem Gebäude wurden im Krieg Verbrechen begangen, unter anderem auch Frauen vergewaltigt. Das führte dazu, dass die Frauen aufgrund ihrer Erlebnisse ihre Kinder nicht an diesen Ort zur Schule schicken wollten. Als weiteres Beispiel zeigten die Referentin und der Referent ein Plakat aus einer Kampagne einer internationalen Organisation aus dem Jahr 1996. Darauf war Superman zu sehen, der zwei Kinder davon abbringen wollte, eine gefundene Mine und Munition aufzuheben. Das Ziel der Kampagne war, die Kinder auf die Gefahren von Kampfmitteln zu sensibilisieren. Als tatsächliches Ergebnis stellte sich heraus, dass die Kinder die Minen extra gesucht haben – im Glauben sie würden mit einer gefundenen Mine Superman treffen.

 

Situationen aus anderen Augen sehen

Die beiden Beratenden des KFOR-Kommandanten haben mit diesen eindrücklichen Beispielen aufgezeigt, dass der konsequente Einbezug aller Gesellschaftsgruppen in der täglichen Arbeit der KFOR-Mission zwingend nötig ist. Damit wird sichergestellt, dass in einem ersten Schritt bei der Informationsbeschaffung ein umfassendes Lagebild generiert werden kann. Aus dieser Informationsgrundlage können in einem zweiten Schritt Massnahmen abgeleitet werden. Wobei schon in der Planungsphase die unterschiedlichen Perspektiven beachtet werden müssen, um zu einem bestmöglichen Ergebnis zu gelangen.

 

Im Anschluss an das Referat richtete Oberst im Generalstab Christophe Rial, Kontingentskommandant der SWISSCOY 44, das Wort an die Anwesenden. Er forderte von seinen Kadern situative Anpassungsfähigkeit und intellektuelle Leistung. Denn wie er sagte: «Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, der sieht in allen Problemen nur Nägel, die es einzuschlagen gilt.» Weiter appellierte er: «Nehmen Sie also ihre geistigen Taschenlampen hervor und beleuchten Sie damit auch mal die Ecken Ihres Arbeitsalltags.»

 

Anwendung auch im SWISSCOY-Alltag

Die SWISSCOY hat gegenüber anderen Nationen einen grossen Vorteil. Das Milizsystem der Schweizer Armee macht es möglich, in der SWISSCOY kulturell breit gefächert aufgestellt zu sein. Die Angehörigen bringen diverses Wissen und Erfahrungen ins Kontingent mit. Dazu gehören die Herkunft, die Mehrsprachigkeit, der erlernte Beruf aus dem Zivilen und vieles Unzähliges mehr. Diese Diversität und das Know-how gilt es im Alltag der SWISSCOY richtig einzusetzen und zu nutzen. Damit können die Aufträge im Friedensförderungsdienst bestmöglich erfüllt werden.