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33 Jahre im Dienst der militärischen Friedensförderung

Sandra Stewart-Brutschin, Kommunikation SWISSINT, sprach mit Oberst Gerhard Ryser, stellvertretender Kommandant und Chef Verbindungsbüro Kompetenzzentrum SWISSINT

22.07.2021 | Kommunikation SWISSINT, Sandra Stewart-Brutschin

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Gerhard Ryser war bereits 1992 als Kursadjutant für die Durchführung des ersten Militärbeobachterkurses der Schweizer Armee in Winterthur und Frauenfeld mitverantwortlich. Tatkräftige Unterstützung erhielt er unter anderem vom norwegischen Offizier Steinar Holm.

 

Herr Oberst, Sie nahmen im September 1988 als erster Schweizer Offizier an einem UNO-Militärbeobachterkurs in Finnland teil. Wie kam es dazu?

 

Mein damaliger Büronachbar im Eidgenössischen Militärdepartement (EMD), Urs Freiburghaus, fragte mich im Sommer 1988, ob ich an einem dreiwöchigen UNO-Militärbeobachterkurs an der nordischen Militärschule teilnehmen möchte – ich müsse mich aber schnell entscheiden. Mein Interesse war sofort geweckt, denn damals wie heute fasziniert mich die internationale Zusammenarbeit. Ich packte die Chance und sagte zu. Einige Wochen später flog ich nach Finnland und fand in Niinisalo meine berufliche Passion: die militärische Friedensförderung.

Wie ging es weiter?

1988 gab es eine aus EDA und EMD-Mitarbeitenden zusammengesetzte «Arbeitsgruppe Gute Dienste und Internationale Friedensförderung (AGDIF)», welche das Ziel anstrebte, die UNO nicht mehr nur finanziell, sondern auch personell zu unterstützen. Hinter der Entsendung eines Schweizer Offiziers in einen UNO-Militärbeobachterkurs stand die Idee, innerhalb der Armee eine kleine Leitstelle für friedenserhaltende Aktionen zu schaffen, um dieses Ziel umzusetzen. Die Idee wurde rasch Realität und Urs Freiburghaus, Mitglied der AGDIF, wurde per 1. Januar 1989 Chef der neu geschaffenen Leitstelle. Dank der Teilnahme am internationalen Ausbildungskurs in Finnland hatte ich mich beruflich optimal positioniert und wurde per Anfang 1989 zusammen mit Peter Haldimann Teil dieses Dreierteams mit dem Auftrag, die militärische Friedensförderung aufzubauen. Ich hatte gedacht, dass wir Zeit hätten, uns in diesem Bereich umzuschauen, Informationen zusammenzutragen und dann Schritt für Schritt an der Umsetzung zu arbeiten. Aber schon Ende Februar 1989 entschied der Bundesrat, sich mit einer Swiss Medical Unit (SMU) von durchschnittlich 150 Personen an der UNO-Mission in Namibia zu beteiligen. Jeder von uns dreien krempelte die Ärmel hoch, und wir taten in einem Projektstab unter der Leitung von Divisionär Huber (EMD) und Botschafter Bill (EDA), was es zu tun gab. Anfangs April 1989 flog bereits das Gros des ersten Kontingents nach Namibia. 1991 folgte die zweite SMU in der Westsahara. Parallel dazu stellte ich sicher, dass die Schweizer Armee weiterhin interessierte Offiziere in den Militärbeobachterkurs nach Finnland schicken konnte. Dies im Hinblick auf das nächste Ziel des Bundesrates: UNO-Missionen auch mit Militärbeobachtern zu unterstützen.

 

Woran erinnern Sie sich speziell aus dieser Zeit der Planung und Organisation für die Einsätze in Namibia und in der Westsahara?

Oft war es entscheidend, ausserhalb der üblichen Abläufe zu denken und handeln. So fuhren Peter Haldimann und ich 1989 ehemalige, in einer Garage in Langenthal weiss gespritzten VW-Busse der Post nach Frankfurt, wo diese mit einem amerikanischen Militärflugzeug nach Namibia geflogen wurden für den dortigen Einsatz der SMU. Ein anderes Mal schweisste ich zusammen mit Peter Haldimann und Daniel Liechti, einem neuen Mitarbeiter, eine Nacht lang Klimageräte in Container hinein. Die für die SMU in der Westsahara bestimmten Büro- und Wohncontainer mussten Ende Juli 1991 von einem Hafen in Südfrankreich aus nach Marokko verschifft werden und die Zeit drängte, sollte die rechtzeitige Anlieferung sichergestellt werden. So machten wir uns nach einer kurzen Instruktion in den Konstruktionswerkstätten der Armee in Thun an die Arbeit. Tatkräftige Unterstützung erhielten wir von einem jungen Hauptmann, dem heutigen Divisionär Melchior Stoller. Wir arbeiteten draussen und liessen uns auch nicht von einem heftigen Gewitter abhalten.

Seit 1990 unterstützt die Schweizer Armee UNO-Missionen auch mit Militärbeobachtern. Was bedeutete dies für Ihren Aufgabenbereich?

Ich war für die Rekrutierung von Offizieren sowie für deren Betreuung während der Ausbildung und des Einsatzes verantwortlich. Bereits 1989 schickten wir 15 Schweizer Offiziere nach Finnland in Militärbeobachterkurse, 1990 folgten weitere 15. Somit verfügte die Armee über einen guten Startstock von 30 gut ausgebildeten Militärbeobachtern und konnte ihr Engagement sukzessive ausbauen. Viele dieser ersten Militärbeobachter wurden nach ihren Einsätzen als Ausbilder im Schweizer Militärbeobachterkurs (SUNMOC) eingesetzt, den wir ab 1992 jährlich durchführen konnten. Selber war ich zuerst Kursadjutant, 1995 stellvertretender Kurskommandant und ein Jahr später Kurskommandant.

1997 waren Sie als stellvertretender Kommandant der Gelbmützen (SHQSU) in Bosnien-Herzegowina. Wie erlebten Sie diesen Einsatz?

Ich war vor Ort, als die ersten Gemeindewahlen nach dem Krieg stattfanden. Zu den Aufgaben der Gelbmützen zählte der Transport der Urnen mit den Wahlzetteln. Es war eine interessante, aber heikle Aufgabe, denn niemand wusste, ob es Kreise gab, die das Wahlergebnis zu manipulieren versuchten und wenn ja, welche Mittel sie einsetzen würden. Ich erinnere mich auch gerne an die grossartige Zusammenarbeit mit der Schweizer Botschaft. Wir konnten nebst unseren Haupttätigkeiten zugunsten der OSZE-Mission deren wertvolle Aufbauarbeit, die viel Vertrauen in das vom Krieg zerstörte Land brachte, mit unseren logistischen Dienstleistungen unterstützen.

Mit der SWISSCOY konnten Sie 1999 zum vierten Mal ein Kontingent aufbauen. Wie fing alles an?

Wir hatten alle Hände voll zu tun mit dem laufenden Gelbmützeneinsatz und den Militärbeobachtern in verschiedenen Missionen. Im Juni 1999 kam Brigadier Josef Schärli 1 vorbei und informierte Bruno Rösli, Chef der Abteilung Friedenserhaltende Operationen (AFO2), und mich, dass wir ihn am nächsten Tag auf eine zweitägige Dienstreise begleiten sollten. Mehr könne er aktuell nicht sagen. Am nächsten Tag flogen wir nach Wien und planten dort zusammen mit den Österreichern während zwei Tagen den Einsatz der SWISSCOY. Nach unserer Rückkehr folgte eine Audienz beim Generalstabschef (GSC), Korpskommandant Hans-Ulrich Scherrer, der Bruno Rösli und mir zuhörte, uns auf die Schulter klopfte und dann fragte: «Stemmen wir das? » Mit spürbar erhöhtem Puls bejahten wir und begannen, nach erfolgtem politischen Entscheid, unterstützt durch den GSC und Brigadier Schärli, unverzüglich mit der Umsetzung.

Wo lagen die grössten Herausforderungen in Ihrem Job?

Die Bewältigung von Entführungen und Todesfällen von Armeeangehörigen im Einsatzgebiet mit der einhergehenden Betreuung der Angehörigen. Man kann Vorbereitungen treffen und diese in Übungen durchspielen, aber man weiss nie, wie die involvierten Menschen im Ernstfall reagieren. Bei sieben von den insgesamt neun Todesfällen seit 1953 war ich dabei und die Bewältigung dieser Situationen war jedes Mal belastend.

Was war ein Highlight in Ihrer langjährigen Tätigkeit?

Im September 2019 übernahm ich das Kommando des Kompetenzzentrums SWISSINT ad interim. Obwohl dies aus einem traurigen Anlass geschah, war es eine tolle Erfahrung einmal die Gesamtverantwortung für alle Mitarbeitenden zu tragen, welche die Erfüllung des dritten Armeeauftrags sicherstellen. Diese Zusammenarbeit war eindrücklich: Ich fühlte mich von den Mitarbeitenden getragen und sie brachten mir ihre volle Unterstützung entgegen, egal wie lang der Arbeitstag war.

Am 1. August 2021 treten Sie in den Ruhestand. Was wünschen Sie sich für die Friedensförderung?

Ich wünsche SWISSINT einen neuen Kontingentseinsatz auf die Beine zu stellen. Ich durfte dies viermal umsetzen und erleben, wie ein Team während einer intensiven Arbeitsphase in sehr kurzen Zeit zu einer eingeschworenen Gemeinschaft wird und schier Unglaubliches leisten kann. Ich werde die Entwicklungen im Bereich Friedensförderung weiterhin interessiert verfolgen, mich aber an das Motto «servir et disparaître» halten. Ich mache dies in der Überzeugung, dass im SWISSINT genügend fähige Leute tätig sind, um den dritten Armeeauftrag weiterhin erfolgreich umzusetzen.

 

1 Chef Untergruppe Friedensförderung und Sicherheitskooperation, vorgesetzte Stelle der AFO
2 Die Leitstelle für friedenserhaltende Aktionen wurde mehrmals umbenannt, bis sie 1996 im Zuge der Armee 95 zur Abteilung Friedenserhaltende Operationen wurde. 2004 folgte die Umbenennung in das heutige Kompetenzzentrum SWISSINT.

Weitere spannende Berichte aus der Welt der Friedensförderung im Swiss Peace Supporter Magazin 2/21