Zwischen Spannung und Herausforderung: Als Team Commander im LMT Mitrovica/e
In Mitrovica/e übernimmt das Schweizer Liaison und Monitoring Team (LMT) eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe im Auftrag der KFOR. Die Stadt und ihre Umgebung, in der Kosovo-Serben und Kosovo-Albaner nebeneinander leben und mehr als eine Brücke die Ethnien räumlich trennt, machen den Verantwortungsbereich für den Teamkommandanten interessant und herausfordernd zugleich. Im Interview erläutert der Team Commander aus dem SWISSCOY Kontingent 52, wie er zu dieser Funktion gekommen ist und welche Erfahrungen er während seines Auslandeinsatzes sammeln konnte.

Interview geführt von Fachof Romina Kratter, Presse- und Informationsoffizierin SWISSCOY 52
Fotos: Wm Katrin Locher, Stv Presse- und Informationsoffizierin, Wm Maxime Caille, LMT Mitrovica/e, SWISSCOY 52
Kommandant eines LMT zu sein ist eine vielfältige und anspruchsvolle Aufgabe. Der Norden des Kosovo steht aufgrund politischer Spannungen und der ethnischen Durchmischung oft im Fokus der KFOR. In Mitrovica/e arbeitet und lebt das Schweizer LMT, dessen Fieldhouse mitten in der Stadt steht. Geführt wurde das grösste LMT der SWISSCOY im Kontingent 52 von einem Berufsoffizier. Die vielen Besuche und die anspruchsvolle Area of Responsibility (AOR) verlangen eine sorgfältige Planung, viel Fingerspitzengefühl und eine durchdachte Führung. In seiner Rolle profitierte Hptm Florian von seiner Ausbildung an der Militärakademie (MILAK) und seiner bisherigen Erfahrung als Kompaniekommandant und Klassenlehrer an einer Offiziersschule. Gleichzeitig füllte der angehende Generalstabsoffizier seinen eigenen Rucksack, sowohl für seine weitere Karriere in der Schweizer Armee als auch für seine persönliche Weiterentwicklung.
Herr Hauptmann, Sie haben sich damals explizit auf die Stelle als Team Commander beworben. Warum?
Einerseits habe ich eine vertragliche Verpflichtung als Berufsoffizier, auch im Ausland einsetzbar zu sein. Andererseits war es mir auch persönlich wichtig, einen Auslandeinsatz möglichst früh in meiner Karriere zu leisten. Ursprünglich hatte ich mich für einen Einsatz als Militärbeobachter in der UNO interessiert. Nachdem ich mich jedoch mit Berufskameraden über deren Erfahrungen im Friedensförderungsdienst ausgetauscht hatte – und mir ein damaliger Teamkommandant in Mitrovica/e aus erster Hand von seinen Aufgaben erzählte – war für mich klar, dass mich diese Funktion besonders interessiert. Konkret reizte mich die Herausforderung: ein grosses Team in einem komplexen, multinationalen Umfeld zu führen, Standortkommandant zu sein und gleichzeitig die vielseitige LMT-Arbeit zu leisten. Mitrovica/e gilt als Brennpunkt und Fokus der KFOR – hier sind wir gefordert, präsent und oft im Zentrum der Aufmerksamkeit. Neben der klassischen militärischen Aufgabe faszinierten mich besonders der enge Kontakt zur lokalen Bevölkerung, der Einblick in deren Kultur und die Möglichkeit, durch Repräsentation und Austausch am Puls des Geschehens zu sein. Für diese Funktion braucht es soziale Kompetenzen, Menschenkenntnis und die Bereitschaft, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Genau diese Mischung hat mich überzeugt.
Welche Rolle spielte bei diesem Entscheid Ihr beruflicher Hintergrund als Berufsoffizier?
Schon vor Abschluss der MILAK und meinem Einstieg als Klassenlehrer an einer Offiziersschule hatte ich mir zum Ziel gesetzt, möglichst früh einen friedensfördernden Einsatz zu absolvieren. Meine Ausbildung und Erfahrung gaben mir dann das Vertrauen, auch in einem völlig anderen Umfeld Verantwortung übernehmen zu können.
In der Schweizer Armee liegt der Schwerpunkt auf Verteidigung, hier im Kosovo auf Friedensförderung – das verlangt ein anderes Führungsverständnis. Der Einsatz gleicht in gewisser Weise einem Austauschjahr in der internationalen Zentrale eines Grossunternehmens: Man gewinnt neue Perspektiven, sammelt wertvolle Erfahrungen und erweitert seinen Horizont. Ich sehe es als eine Art Pflicht und Chance zugleich, dass wir Berufsoffiziere solche Einsätze leisten.
Was konnten Sie von Ihrer Funktion und Ihren Erfahrungen bei der SWISSCOY für Ihre Arbeit zurück in der Schweiz mitnehmen?
Im internationalen Umfeld relativiert sich vieles: Man erkennt klarer, was bei uns, der Schweizer Armee, im Generellen funktioniert – und wo wir Handlungsbedarf haben. Die Kooperation mit Partnernationen ist unverzichtbar, gleichzeitig müssen wir unsere eigenen Prozesse und die Logistik selbst sicherstellen, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Hier zeigte sich die Schweizer Stärke: Hohe Qualität und Zuverlässigkeit.
Diese Erfahrungen kann ich sowohl in meine Berufsfunktion als auch in die Milizarbeit einbringen. Taktik und Technik auf tiefer Stufe zu Gunsten der Sicherheit der Unterstellten, sowie die Art, wie man ein Team befähigt, seinen Auftrag zu erfüllen – all das lässt sich direkt in die Ausbildung zuhause integrieren.
Mitrovica/e und seine Umgebung ist die anspruchsvollste AOR aller Schweizer LMT. Inwiefern hat Ihnen Ihre Erfahrung aus Ihrem Berufsalltag zuhause bei dieser grossen Verantwortung geholfen?
Meine Erfahrung als Kompaniekommandant war für meine Aufgaben im Kosovo sehr wertvoll. Ich habe gelernt, meine Einheit auch einmal vor ungeduldigen Auftraggebern oder vor unausgereiften Aufträgen zu schützen und Probleme strukturiert anzugehen – klassisch nach dem 5+2-Schema: Erst eine Problemerfassung, dann die Lage beurteilen und schliesslich einen klaren Entscheid fällen. Diese Ruhe und Systematik, die ich mir aneignen konnte, haben mir im Alltag als Teamkommandant enorm geholfen. Besonders herausfordernd war allerdings die Führung selbst: Im Fieldhouse lebt und arbeitet man eng zusammen. Es gab zwar eine klare Hierarchie, doch im Alltag als Mitbewohner, Kamerad und Teamleiter brauchte es Fingerspitzengefühl, Kompromissbereitschaft und partizipative Entscheidungen. Ein klassischer militärischer Führungsstil stösst dort schnell an Grenzen – man muss den Spagat schaffen zwischen militärischer Führung und respektvollem Zusammenleben.
Die AOR Mitrovica/e fordert viel, sowohl in der Repräsentation als auch im operativen Alltag. Beispielsweise gehörte es zu meinen Aufgaben, an diversen Staatsbesuchen von verschiedenen Nationen Auskunft zu geben. Im Rahmen des Besuchs von unserem eigenen Bundesrat wurde ich gebeten, einem Schweizer Journalisten ein Statement zur aktuellen Situation in Mitrovica/e zu geben. Das gehört zu den repräsentativen Aufgaben dazu und verlangt, dass man sattelfest ist in dem was man tut und sagt.
Wer gerne gefordert wird, Freude an der Führung hat und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, findet bei der SWISSCOY als Teamkommandant im LMT Mitrovica/e eine Aufgabe, die nicht nur anspruchsvoll, sondern auch unglaublich bereichernd sein kann.
