Über Nacht neues Aufgabengebiet
Als Militärbeobachter in der UNTSO im Nahen Osten erlebte Major Peter König die israelische Bodenoffensive in den Süden Libanons im Herbst 2024 und die nachfolgende Waffenruhe. Beide Ereignisse wirkten sich auf den Alltag und die Aufgaben der vor Ort stationierten Peacekeeper aus. Im Interview berichtet der Schweizer Offizier darüber, aber auch welche Erfahrungen ihm dieser friedensfördernde Einsatz bringt.

Sandra Stewart, Kommunikation SWISSINT, sprach mit Major Peter König
Peter König, Sie leisten zurzeit einen friedensfördernden Auslandseinsatz in der UNTSO im Nahen Osten. Welche Aufgaben haben Sie dort?
Seit Juni 2024 bin ich als Militärbeobachter der Observer Group Lebanon (OGL) zugeteilt. Grundsätzlich ist es die Aufgabe als Militärbeobachter Verstösse gegen die UNO-Resolution 1701 zu beobachten, zu überwachen und zu rapportieren. Auf Grund der aktuellen Lage im Missionsgebiet sind die Aufgaben während meines Einsatzes jedoch deutlich vielseitiger. In friedlicheren Zeiten wird die obengenannte Kernaufgabe vor allem durch Patrouillen mit Fahrzeugen entlang der Grenze zu Israel, mit Besuchen in den zahlreichen Dörfern und durch Treffen mit lokalen Autoritäten, wie Bürgermeistern, Polizei und anderen Sicherheitsorganen erfüllt. Bis kurz vor Beginn der israelischen Bodenoffensive in den Süden des Libanons im Herbst 2024 konnten wir diese Kernaufgabe, wenn auch mit zusehends mehr Einschränkungen, ausüben.
Wie wirkte sich die Lageverschärfung auf Ihren Alltag und Ihre Aufgaben aus?
Mit der Eskalation und den massiven Luftschlägen in unserem gesamten Einsatzgebiet wurden die Patrouillen verunmöglicht. Das militärische Personal der OGL wurde ins Hauptquartier der UNO-Mission UNIFIL in Naqoura verlegt. Auch Tyre, die kleine Küstenstadt, wo wir in friedlicheren Zeiten unsere Unterkunft haben und die freien Tage verbringen, mussten wir aus Sicherheitsgründen verlassen.
Mit dieser Verlegung ins Hauptquartier der Blauhelme kamen neue Aufgaben auf uns zu. Da für uns knapp 50 Militärbeobachter keine Unterkünfte bestanden, waren die dringendsten Herausforderungen logistischer Natur. So wurde ich buchstäblich über Nacht zum Logistikverantwortlichen der OGL. Ich übernahm diesen Auftrag gerne, da es eine dankbare Aufgabe war den Alltag meiner Kameradinnen und Kameraden zu erleichtern. Die Herausforderungen waren gross und reichten von Unterkunftssuche und Möblierung, über Einrichten einer Trinkwasserfilteranlage, Verteilung von Notrationen, Sicherstellung eines WLAN-Zugangs, Organisation und Inbetriebnahme von Waschmaschinen bis hin zu Reparaturen und Unterhalt. Schnell wurde klar, dass wir bis auf Weiteres unserer Kernaufgabe nicht mehr nachkommen können. So wurde vorübergehend auch das Personal der OGL reduziert. Nicht zuletzt, um auch die Ressourcen zu schonen.
Welche Auswirkungen hatte die Waffenruhe?
Seit dem Inkrafttreten der Waffenruhe hat sich die Lage sukzessive entspannt. Seit circa Mitte Januar sind wir wieder am Aufbauen unserer Strukturen und versuchen zur alten Routine zurückzufinden. Dies gestaltet sich jedoch schwierig. Da Militärbeobachter in der Regel Einsätze von zwölf Monaten leisten, hat die UNTSO seit vergangenem Herbst viele erfahrene Peacekeeper aufgrund ihres regulären Einsatzendes verloren. Zudem konnten die Neuankömmlinge nicht wie gewohnt ausgebildet werden, da unsere Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt war. Beide Gründe machen sich jetzt stark bemerkbar und es wird viele Monate dauern, bis die OGL wieder routiniert ihre Aufgaben erfüllen kann.
Welches sind Ihre grössten Herausforderungen?
Im Moment ganz klar der Wiederaufbau von OGL. Wie bereits erwähnt, gingen mit dem Herunterfahren unserer operationellen Aktivitäten sehr viel Wissen, Erfahrung und Routine verloren. Es ist frustrierend und ernüchternd mitzuerleben, wie über Jahre aufgebaute, einigermassen funktionierende Abläufe in wenigen Monaten verloren gehen. Hier ist die internationale Zusammensetzung der OGL definitiv ein Nachteil. Denn täglich erlebe ich, dass Probleme geschaffen werden durch Mangel an Kommunikation und Missverständnisse. Trotz der grossen Herausforderungen schätze ich es jedoch sehr in diesem Umfeld zu arbeiten sowie bei der Verbesserung der Abläufe und beim Trainieren der neuen Kameradinnen und Kameraden mitzuhelfen.
Gibt es ein prägendes Erlebnis oder ein Highlight aus Ihrer bisherigen Zeit im Einsatz?
Gerade in diesen Tagen, während ich diese Zeilen schreibe, bin ich seit Monaten zum ersten Mal seit Beginn der israelischen Bodenoffensive wieder auf Patrouille ganz im Süden, an der sogenannten Blue Line. Die Zerstörung in den Dörfern erschüttert mich zutiefst. Oft kann man die einstigen Häuser nicht einmal mehr als Ruinen bezeichnen. Es sind nur noch Schutthaufen und es steht buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen. Privathäuser, Schulen, Moscheen – man kann nicht mehr sagen, wen oder was die Trümmer einst beherbergten. Ganze Dörfer sind komplett ausgelöscht. Diese Beobachtungen werde ich definitiv nie mehr vergessen.
Wie wurden Sie für Ihren Einsatz ausgebildet? Welche Erfahrungen brachten Sie mit in den Einsatz?
Meine Grundausbildung zum Militärbeobachter liegt schon eine Weile zurück. Ich absolvierte diese 2011 im Rahmen des mehrwöchigen internationalen Kurses SUNMOC bei SWISSINT in Oberdorf bei Stans. Das internationale Instruktoren-Team bereitete uns anhand verschiedener Szenarien auf mögliche herausfordernde Situationen in einem Einsatzgebiet vor. Hohe Priorität hatte auch die Ausbildung für die medizinische Versorgung in Notfällen. Das erlangte Wissen wurde während einer mehrtägigen Schlussübung geprüft und nochmals vertieft.
Beim aktuellen Einsatz in der UNTSO kann ich auf Erfahrungen aus früheren Einsätzen als Militärbeobachter zurückgreifen. Dies ist bereits mein dritter Einsatz im Nahen Osten und dazwischen diente ich für jeweils ein Jahr in der UNMOGIP (Indien-Pakistan) und in der MINURSO (Westsahara). Zudem kann ich davon profitieren, dass ich durch die wiederholten Einsätze die Struktur der UNO und der Friedensförderung besser verstehe als Militärbeobachter, die sich zum ersten Mal in einer UNO-Mission engagieren.
Bringt Ihnen Ihr Einsatz einen Mehrwert für Ihre berufliche Karriere oder die persönliche Entwicklung?
Ich bin der festen Überzeugung, dass sich ein Einsatz zu Gunsten der Friedensförderung in jedem Lebenslauf gut macht und einen positiven Eindruck hinterlässt. Da ich aber selbstständig erwerbend bin, hält sich der Gewinn für meine zivile Tätigkeit eher in Grenzen. Einen beruflichen Mehrwert zu generieren war jedoch nie der entscheidende Motivationsgrund, sondern vielmehr die Möglichkeit meine Fähigkeiten in sinnvoller Weise in Gegenden einzusetzen, die nicht so privilegiert sind wie Europa. Persönlich haben mich meine Einsätze auf alle Fälle geprägt. So gehe ich heute mit schwierigen Situationen gelassener um als früher und ich lege mehr Wert darauf Zeit mit Aktivitäten zu verbringen, die mir wichtig sind. Zudem empfinde ich eine grössere Dankbarkeit, dass ich in einem sicheren und funktionierenden Land geboren bin und leben kann.
Wie und wem würden Sie einen solchen Einsatz weiterempfehlen?
Einen Einsatz in einem internationalen Umfeld zu leisten erachte ich als grosses Privileg. Ich empfehle allen, die sich für die Menschen, die Geschichte und die politischen Umstände in einem möglichen Einsatzgebiet interessieren, sich zu bewerben. Sicher braucht es auch eine robuste körperliche Verfassung und die Fähigkeit schwierige Erlebnisse und Beobachtungen auf einer gewissen Distanz zu halten. Und nicht zuletzt gehört sicher auch eine gewisse Abenteuerlust dazu und die Bereitschaft die eigene Komfortzone für eine befristete Zeit zu verlassen.
