Zum Hauptinhalt springen

MitteilungVeröffentlicht am 24. April 2024

Leben und Arbeiten am Puls der Bevölkerung

Seit 20 Jahren leistet die Schweizer Armee im Rahmen der Mis­sion EUFOR ALTHEA einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in Bosnien und Herzegowina. Teil dieses Engagements sind zwei sogenannte Liaison- und Observation Teams (LOT) im südlichen Teil des Landes, der Herzegowina. Eines befindet sich in Mostar in der bosniakisch-kroatischen Föderation, das andere in Trebinje in der Republika Srpska.

Fachoffizier Lucas Renaud ist auf Patrouille im Raum Drežnica, nördlich von Mostar.

Als LOT-Angehörige ist eine unserer Aufgaben die bosnisch-herzegowini­schen Behörden beim Aufbau und dem Erhalt eines sicheren Umfelds für die Bevölkerung zu unterstützen. Zu diesem Zweck sind über das ganze Land verteilt LOTs im Einsatz, die auf Patrouillen und in Gesprächen den Puls der Gesellschaft fühlen. Meine Verantwortung als Team Leader in Mostar ist es zusammen mit meinem Team Meetings mit diversen Entscheidungsträgern und anderen Exponenten der Lokalbevölkerung zu führen, diese vor- und nachzubereiten und damit ein umfassendes Lagebild unse­res Einsatzgebiets zu erstellen. Dieses Lagebild wird an das Hauptquartier der EUFOR ALTHEA in Sarajevo übermittelt, wo die aus allen LOT stam­menden Informationen zusammenfliessen und der Mission unter ande­rem die Entwicklung der Sicherheitslage über das ganze Land aufzeigen.

Mostar ist mit über 100 000 Einwohnerinnen und Einwohnern die sechstgrösste Stadt des Landes und gilt als historische Hauptstadt der Herzegowina und als deren kulturelles Zentrum. Der Name Mostar bedeu­tet Brückenwächter und leitet sich vom Wahrzeichen der Stadt ab. Die imposante, im 16. Jahrhundert erbaute Brücke ist während dem Krieg 1993 auf eine traurige Weise in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt, als sie nach Beschuss kollabierte und in den Fluss Neretva stürzte. Erst elf Jahre später konnte sie wiedereröffnet werden und ist seither auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgeführt. Mostar hat sich seit dem Daytoner Friedensabkommen von 1995 relativ gut erholen können und erfreut sich besonders in den Sommermonaten einer grossen Anzahl internationaler Touristen, die die malerische Altstadt besuchen.

Gesellschaft in Ethnien aufgespaltet

Das Friedensabkommen hat allerdings zu einer starken Fragmentierung der Gesellschaft geführt, die sich in vielen Alltagsbereichen, aber vor allem in der politischen Landschaft niederschlägt. Um am politischen Leben teil­zunehmen, muss man sich heutzutage zwingend einer der drei staatstra­genden Ethnien zuordnen, das heisst sich als Bosniake, ethnischer Kroate oder Serbe bekennen. Ein eigentlicher bosnisch-herzegowinischer Nati­onsbildungsprozess ist nur schwer erkennbar. Stattdessen betreiben alle drei Volksgruppen individuell eine stark fühl- und sichtbare Geschichtspolitik. Unser LOT-Haus (wir wohnen in einem Wohnquartier, nicht in einem Camp) befindet sich im kroatisch-katholischen Westteil der Stadt. Die Strassen, benannt nach kroatischen Städten und Persönlichkeiten, sind mit kroatischen Flaggen und Symbolik geschmückt, die Verbun­denheit mit Einheiten des kroatischen Verteidigungsrats (die bosnisch-kroatische Armee während den Jugoslawienkriegen) symbolisiert. Im bosniakisch-muslimisch geprägten Ostteil der Stadt und in den Gebieten der Republika Srpska, die ebenfalls zu unserem Einzugsgebiet gehören, gestaltet sich die Semantik jeweils entsprechend der vor Ort dominierenden Ethnie. In der Politikwissenschaft wird die seit dem Friedensschluss von Dayton vorherrschende Situation als Paradebeispiel eines «negativen Frie­dens» verwendet – der Krieg ist vorbei, aber es wurde ein System geschaf­fen, mit dem niemand wirklich zufrieden ist.

Drei Amtssprachen in Bosnien und Herzegowina

Statt eines «Miteinanders» pflegen die Bosniaken, bosnischen Kroaten und bosnischen Serben eher ein «Nebeneinander». Jede Volksgruppe hat ein eigenes Volksschulsystem, in Mostar gibt es eine bosniakische und eine bosnisch-kroatische Universität. Das Land hat offiziell drei Amts­sprachen: Bosnisch und Kroatisch in lateinischer Schrift sowie Serbisch in kyrillischer Schrift. Aus linguistischer Sicht sind dies drei Standardvarietäten der ein und derselben Sprache, die früher als Serbokroatisch bekannt war. Ihre unterschiedliche Bezeichnung ist daher rein politisch, so wie, wenn man behaupten würde, in Deutschland, Österreich und in der Deutschschweiz würde man verschiedene Sprachen sprechen.

Dies setzt die ohnehin strapazierte Zentralregierung vor die Herausfor­derung jede offizielle Publikation in allen drei Amtssprachen zu veröf­fentlichen, das heisst die meist marginalen Unterschiede zu berücksich­tigen. Kauft man eine Packung Zigaretten, ist darauf dreimal die gleiche Gesundheitswarnung in ein und demselben Wortlaut zu finden – zwei­mal in lateinischer und einmal in kyrillischer Schrift.

Kenntnis der Geschichte ist elementar

Um die Informationen, die wir in unseren Meetings und spontanen Gesprächen täglich erhalten, richtig und objektiv einzuordnen, ist es essentiell die historischen und kulturellen Tiefenschichten des Landes und seiner Bevölkerung erkennen und interpretieren zu können. Als Historiker mit Schwerpunktbereich Osteuropa ist es für mich ein Privileg meine im Studium und während diversen Auslandaufenthalten erworbene Expertise direkt anzuwenden und diese auch meinen Kameradinnen und Kamera­den zuteilwerden zu lassen.

Die Brücke Stari Most verbindet seit ihrem Bau im Jahr 1566 die beiden Stadtteile über den Fluss Neretva hinweg.