Gesamtkonzeption Armeelogistik: Verteidigungsfähigkeit basiert auf logistischer Durchhaltefähigkeit
Die Armeelogistik der Schweizer Armee steht vor einer grundlegenden Transformation. Um den veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Europa gerecht zu werden, richtet die Logistikbasis der Armee (LBA) ihre Fähigkeiten und Strukturen konsequent auf die Verteidigungsfähigkeit und Durchhaltefähigkeit aus.

Text: Kommunikation Logistikbasis der Armee, Sandro Alvarez-Hummel
Jahrzehntelange Friedensdividenden führten zu einer betriebswirtschaftlich optimierten Logistik, die primär auf den Ausbildungsbetrieb ausgerichtet war. Bevorratung, Instandhaltung und Infrastrukturen wurden reduziert.
Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich verschärft. Sabotage, Cyberangriffe und hybride Einflussnahmen betreffen die Schweiz direkt. Ohne eine funktionierende, robuste und durchhaltefähige Logistik ist die Armee weder einsatz- noch verteidigungsfähig. Die Gesamtkonzeption Armeelogistik (GK A Log) schafft die Grundlagen, um die logistischen und sanitätsdienstlichen Fähigkeiten wieder konsequent auf einen lang andauernden, ressourcenintensiven Konflikt auszurichten.
Logistische Leistungen über alle Stufen in allen Lagen
Die Armeelogistik muss in allen Lagen, vom Alltag bis zum Verteidigungsfall, stabile und durchgängige Logistik- und Sanitätsleistungen erbringen, um jederzeit die erforderliche Bereitschaft und Durchhaltefähigkeit der Truppe sicherzustellen. Die dafür bewährte Dreiteilung in zivile Logistik, Basislogistik und Einsatzlogistik bleibt erhalten. Zu allen drei Stufen gehören die Prozesse Nachschub, Instandhaltung, Sanität, Verkehr und Transport sowie Infrastruktur, ergänzt durch den übergeordneten Führungsprozess.
Die Logistikprozesse bleiben in allen Lagen stabil, durchgängig und unverändert. Diese Kontinuität erstreckt sich von der kämpfenden Truppe über die militärische Einsatz- und Basislogistik bis in die zivilen Lieferketten und das zivile Gesundheitswesen. Dabei wird gezielt auf die Gewährleistung jener logistischen Voraussetzungen hingearbeitet, welche die Armee befähigen, auch in einem lang andauernden, ressourcenintensiven Konflikt durchhaltefähig zu bleiben. Die folgenden doktrinalen Grundsätze leiten unsere Neuausrichtung auf die Verteidigungskompetenz.
Grundsätze
Bring-/Holprinzip
Wo gekämpft wird, liefert die Logistik direkt an die Front, um die Truppe direkt zu entlasten. Im Alltag und abseits der Brennpunkte gilt das Holprinzip: Die Truppe fasst ihr Material selbst bei Basis- oder zivilen Stellen.
Durchhaltefähigkeit
Wer lange bestehen will, braucht Ausdauer. Die Schweiz peilt, in Anlehnung an den NATO-Richtwert, mindestens 30 Tage vollkommene Eigenständigkeit an, bevor sie im Verteidigungsfall auf Bündnisse setzt.
Interoperabilität
Logistik funktioniert nur vernetzt. Technische, organisatorische und prozessuale Passgenauigkeit stellt sicher, dass militärische und zivile Systeme im Ernstfall nahtlos ineinandergreifen.
Nutzung des nationalen Potenzials
In der Krise werden Ressourcen knapp. Die Armee greift dann gezielt auf zivile Güter, Infrastruktur, Netze und das Gesundheitswesen zurück, weshalb klare Spielregeln zur Priorisierung über Leben und Nachschub entscheiden.
Bevorratung
Um ab Tag eins reaktionsfähig zu bleiben, werden Ersatzteile, Baugruppen und Verbrauchsgüter vorausschauend eingelagert und direkt in die Beschaffung integriert.
Requisition
Die Armee erfüllt ihre Aufträge grundsätzlich mit eigenen Mitteln und schützt so Land und Bevölkerung. Übersteigen Konflikte, Krisen oder Einsätze ihre Möglichkeiten, kann sie im Rahmen der Requisition auf zivile Ressourcen zurückgreifen. Mit diesem staatlich geregelten Prozess werden Lücken rasch geschlossen, die Durchhaltefähigkeit gesichert und dabei Steuergelder haushälterisch eingesetzt.
Requisition: Im Notfall hilft das nationale Potenzial
Robustheit
Das logistische Rückgrat hält stand. Robuste Systeme und Verfahren funktionieren selbst unter stärkstem Druck und bei unerwarteten Störungen unterbrechungsfrei weiter.
Vorwärtsintegration
Expertise direkt an der Front: Spezialisten der Basislogistik und ziviler Kompetenzzentren rücken nah an die Truppe vor, um Ausfallzeiten von Systemen vor Ort zu minimieren.
Aufs Notwendige reduziert
Schlank an der Front, stark im Hintergrund. Die Truppe konzentriert sich aufs Wesentliche, während die Basis die Hauptlast trägt. Dank smarter Containerlogistik steigt das Tempo, während der Personaleinsatz sinkt.
Analogien, Grundsätze und logistische Kernprozesse
Wie ein Verkehrs- und Pannendienst im Alltag mit Routineeinsätzen auskommt, bei einer grossflächigen Unwetterkatastrophe aber nicht alle verunglückten Fahrzeuge zeitgleich bergen und reparieren kann, stösst auch eine reine Friedenslogistik im Ernstfall rasch an Grenzen. Die Armee muss daher Überkapazitäten vermeiden, aber im Krisenfall flexibel hochfahren können.
Verteidigungsfähigkeit basiert auf logistischer Durchhaltefähigkeit.
Diese Durchhaltefähigkeit wird durch sechs aufeinander abgestimmte Kernprozesse gewährleistet:
Nachschub: Waffen, Material, Verpflegung, Treibstoff, Munition, Geräte und Systeme stehen dort bereit, wo sie benötigt werden – geschützt, redundant und durchhaltefähig.
Instandhaltung: Material, Waffen, Geräte und Systeme müssen truppennah einsatzbereit sein.
Sanität: Das militärische Sanitätspersonal versorgt Konfliktbetroffene zeitnah, evakuiert sie und pflegt sie stationär – und verstärkt bei Bedarf zivile Pflegekräfte im Spital.
Verkehr und Transport: Transporte und Verkehrsfluss für die Gesamtarmee werden auch in Krisen und Katastrophen sichergestellt.
Infrastruktur: Sämtliche Anlagen der Armee werden bereitgehalten, damit die kämpfenden Verbände ihren Auftrag erfüllen können.
Führungsprozess: Die Kader führen und koordinieren die logistischen Leistungen über alle Stufen und in allen Lagen.
