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MitteilungVeröffentlicht am 27. Februar 2025

Einsatz am KAIPTC in Ghana: Eine Erfahrung, die Horizonte öffnet

Als Head of Training Evaluation & Development (TED) im Kofi Annan International Peacekeeping Training Centre (KAIPTC) in Ghana koordiniert und entwickelt Oberst i Gst André Stirnimann Trainingsprogramme für friedensfördernde Missionen – und erlebt dabei kulturelle Unterschiede, logistische Herausforderungen und persönliche Weiterentwicklung. Im Interview berichtet er von seinem Alltag, prägenden Erlebnissen und warum dieser Einsatz sowohl beruflich als auch persönlich ein grosser Gewinn ist.

Stefanie Waltenspül, Kommunikation SWISSINT, sprach mit Oberst i Gst André Stirnimann

André Stirnimann, Sie leisten zurzeit einen friedensfördernden Auslandseinsatz im KAIPTC als Head of TED. Welche Aufgaben haben Sie dort?

Es sind zwei Haupttätigkeiten, die meinen Arbeitsalltag prägen: Zum einen ist es die Teamführung und somit die Koordination und Qualitätssicherung aller Tätigkeiten meiner Mitarbeitenden. Zum anderen ist es die Weiterentwicklung unserer Tätigkeiten im Bereich Training Evaluation and Development (TED). Mein Team besteht aus knapp zehn Mitarbeitenden, die ausser meinem Stellvertreter allesamt zivil angestellt sind. Entsprechend sind die praktischen Erfahrungen im Bereich Peacekeeping oder militärischem sowie polizeilichem Wissen eingeschränkt. Hier erkennt man den Unterschied zu unserem Schweizer Milizsystem, welches solche Lücken oft zu schliessen vermag. Im Bereich der TED-Tätigkeiten geht es darum, die Evaluationsberichte erstellen zu lassen, einzufordern und zu genehmigen. Zudem ist mein Team für die Datenbank der KAIPTC-Alumni zuständig und unterhält das Learning Management System für die Administration unserer Ausbildungskurse. Eine temporäre Aufgabe von TED ist weiter das Erstellen von E-Learning Inhalten, welche dann mit der Methode des Blended Learnings in den Kursen Anwendung finden.

Wie sieht ein typischer Alltag von Ihnen aus?

Der Arbeitstag beginnt ungefähr um 8:00 Uhr und dauert bis 16:30 Uhr, je nach Aktivitäten am KAIPTC und persönlichem Arbeitsaufwand. Nebst den bedarfsgetriebenen Team-Meetings tausche ich mich regelmässig mit der Führung des KAIPTC über die von der Schweiz unterstützten Projekte aus oder liefere Überlegungen zu möglichem Potential an Weiterentwicklungen. Das ist oft der Vorteil der internationalen Offiziere, die nicht vom hierarchischen Gefüge vor Ort abhängig sind und sich entsprechend offener äussern können, was mit dem richtigen Ton übrigens auch sehr geschätzt wird. Viel Zeit wird auch eingeplant, um mich mit den Vertreterinnen und Vertretern aus Deutschland und Österreich am KAIPTC auszutauschen und abzustimmen. Dazu kommen noch gelegentliche Termine an der Schweizer Botschaft, mit welcher wir Offiziere eng zusammenarbeiten.

Welches sind Ihre grössten Herausforderungen?

Wer den Schweizer Arbeitsrhythmus und die direkte Kommunikation nicht am Flughafen Zürich zurücklassen kann, wird hier in Ghana rasch spüren, dass ein zu grosser Umsetzungswille mehr Schaden anrichten kann, als man zuerst erkennen mag. Die kulturellen Unterschiede sind spürbar vorhanden und auch wenn man sich dessen bewusst ist, braucht es einige Monate, um sich in dieser Situation zurechtzufinden. Auch ich habe zugegebenermassen Lehrgeld bezahlt und konnte somit nicht alle Ziele erreichen. Das sehe ich persönlich aber als grossen Erfahrungswert und auch in Ghana darf man Fehler eingestehen und selbstkritisch sein.

Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Einsatzgebiet?

Ghana ist ein wunderbares Land mit sehr freundlichen und friedliebenden Menschen. Zwar lebt auch hier die sogenannte Elite am Volk vorbei, aber generell steigt der Wohlstand und die positive Haltung ist weit im Land verbreitet spürbar. Im Gegensatz zu den Nachbarländern Togo, Benin und Côte d’Ivoire hat Ghana allerdings sehr schlechte Strassen. Es kann also sein, dass beispielsweise ein sehr gehobenes Restaurant an bester Lage liegt, aber die Strasse dahin kaum befahrbar ist.

Generell empfinde ich Ghana als ein Land mit guter Lebensqualität. Ob alleine oder mit der Familie, das Land bietet alles, was man braucht – man muss es nur sehen wollen.

Wie wurden Sie für Ihren Einsatz ausgebildet? Welche Erfahrungen brachten Sie mit?

Es handelt sich um einen Einsatz im Bereich Kapazitätsaufbau, weshalb die Vorbereitungen umfassender sind als bei einer reinen einsatzbezogenen Ausbildung. Sinnvollerweise kann ein zu entsendender Offizier mehrere friedensfördernde Einsätze in seiner oder ihrer Laufbahn ausweisen. Dies gilt für alle Funktionen, die im Kapazitätsaufbau angesiedelt sind. Dazu kommen diverse Fähigkeiten abhängig von Funktion und eine gewisse Maturität auf Grund des Alters. Ich persönlich konnte, nebst meinen militärisch-akademischen Erfahrungen in Grossbritannien, einen Einsatz in der Kosovo Force (KFOR) und viereinhalb Jahre als Chef Ausbildung am Ausbildungszentrum SWISSINT ausweisen. Zum Vergleich: Mein aktueller Stellvertreter hat acht Einsätze in UNO-Missionen und der Afrikanischen Union geleistet und wir haben Direktoren, die als Blauhelme bei der UNAMIR-Mission in Ruanda unter Maj Gen Dallaire eingesetzt waren1.

Bringt Ihnen dieser Einsatz einen Mehrwert für Ihre berufliche Karriere oder die persönliche Entwicklung?

Das kommt auf die persönlichen Ambitionen und die Anstellung an. Als Berufsmilitär und mit der Absicht eine Laufbahn mit internationalem Charakter zu priorisieren, hat dieser Einsatz für mich definitiv einen sehr positiven Effekt. Ich habe viel gelernt und kann davon nur profitieren. Was angemerkt werden muss, ist die Schwierigkeit Milizdienst zu leisten. Auf Grund meiner Zeit in Ghana und der anstehenden Kommandierung in die USA für mehrere Jahre, werde ich kaum Truppendienste leisten können und auch eine Beförderung wird um Jahre verschoben. Wichtig ist an dieser Stelle nur, dass man sich dessen bewusst ist.

Gibt es ein prägendes Erlebnis oder ein Highlight?

Die Menschen hier in Ghana sind sehr religiös und die Religion spielt im Alltag eine wichtige Rolle. Vielmehr als das in der Schweiz spürbar ist. Als ich im Sinne der Qualitätssicherung alle E-Learning Lektionen – gewisse mit dem Schwerpunkt mentale Gesundheit – einmal durchgearbeitet hatte, fiel mir dieser Umstand besonders auf. Religion wurde immer wieder als «Anker» oder Hilfsmittel angegeben. Es zeigte mir eindrücklich auf, dass ich bezüglich der Kultur und den Bedürfnissen von afrikanischen Kursteilnehmenden vieles wohl noch nicht erkannt habe. Es braucht Zeit, um sich in einem neuen Umfeld so zurecht zu finden, dass man sich auch gewinnbringend einbringen kann. Entsprechend wichtig ist für eine Funktion wie diese eine mehrjährige Entsendung.

Was war Ihre Motivation, um diesen Einsatz in der militärischen Friedensförderung zu leisten?

Meine gesamte militärische Laufbahn war immer wieder gespickt mit internationaler Kooperation und somit wurde früh klar, dass ich diese Art von lateraler Karriere einschlagen möchte. Kommt dazu, dass auch meine Familie mit viel Begeisterung und Unterstützung diesem Einsatz zustimmte. Bei solchen Einsätzen kommt die Qualität der Schweizer Armee zum Tragen, denn sie bietet ungemein viele Möglichkeiten. Leider wissen noch zu viele zu wenig darüber oder aber sie haben einen zu grossen Respekt vor einem solchen Dienst im Ausland. Für den Ausbau der Interoperabilität der Schweizer Armee sind solche Stellen äusserst wertvoll und könnten allenfalls dazu dienen, entsendete Milizoffiziere vermehrt aktiv für die Armee als Festangestellte zu gewinnen.

Wie und wem würden Sie einen solchen Einsatz weiterempfehlen?

Allen einsatzerfahrenen Offizieren der Schweizer Armee, die offen sind für fremde Kulturen und bereit sind, sich aus der Komfortzone zu bewegen. Auch wenn die Erfahrungen am Ende sehr von der eigenen Persönlichkeit abhängig sind, die Chance die einem hier geboten wird, ist beinahe unvergleichlich und öffnet Horizonte.

Die United Nations Assistance Mission for Rwanda, kurz UNAMIR I und UNAMIR II, waren zwei Missionen der Vereinten Nationen zur Durchsetzung des Arusha-Abkommens. Der kanadische Generalmajor Roméo Dallaire, war 1993/1994 Kommandeur der Blauhelmtruppen. Er versuchte vergeblich, den Völkermord an den Tutsi zu verhindern.