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Veröffentlicht am 12. Juni 2025

4 - Die Armee im Zentrum der Gesellschaft

Die Entwicklung des bürgerlichen Zentrums entlang der Poststrasse mit Casino, Zeughaus und Schule eröffnet einen Blick auf die gesellschaftliche Verankerung des Militärs.

Empfang General Henri Guisan, Herisau, 09.1945, Fotograf: Werner Schoch

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Über lange Zeit führte der Verkehr zwischen Herisau und Waldstatt über die Schmiedgasse. 1835 beschloss die Gemeinde jedoch, eine neue Verbindungsstrasse durch die Emdwiese anzulegen. Die Emdwiesstrasse, heute bekannt als Poststrasse, eröffnete dem Dorfzentrum neue Entwicklungsmöglichkeiten und förderte die Modernisierung. Entlang dieser Achse entstanden ein privates Kasino (1837) und das kantonale Zeughaus (1838), beide nach Plänen des St. Galler Architekten Felix Wilhelm Kubly (1802-1872) errichtet. Das Kasino, finanziert von Mitgliedern der Oberschicht, entwickelte sich zu einem Treffpunkt für Bildung und Geselligkeit. Es beherbergte eine Bibliothek, eine Schankstube, einen Billardsaal und eine Kegelbahn. Neben dem Zeughaus entstand 1842 das Schulhaus Emdwiese, die erste von der Gemeinde finanzierte Schule. Ausdruck eines modernen und liberalen Herisaus, wurde das Poststrassenareal später um das Gemeindehaus (1878) und das Postgebäude (1902) erweitert.

Das Alte Zeughaus, das heute keine militärische Funktion mehr erfüllt, zeugt von einer Zeit, in der der Staat die Verantwortung über das Militär übernahm. Bis dahin lagen Organisation und Ausrüstung der Miliz hauptsächlich in den Händen der Kirchhöri und privater Akteure. Noch 1807 hatte Hauptmann Johann Martin Schirmer (1777-1842) eigenständig den Bau eines Exerzierhauses finanziert. Unter dem Ancien Régime zeichneten sich die Herisauer durch starkes militärisches Engagement aus. Sie besetzten zahlreiche Offiziersposten in den Söldnerkompanien und übernahmen Führungsaufgaben in der Landesverteidigung. Ende des 18. Jahrhunderts unterhielt Herisau vier Scharkompanien für die Wehrpflichtigen sowie drei Freikorps: eine Reiterkompanie, eine Artillerieeinheit und eine Grenadierkompanie. Die Führung der Freikorps, deren Mitgliedschaft an ein Eintrittsgeld gebunden war, war den höheren Kreisen vorbehalten. Ein Beispiel dafür ist Lorenz Wetter (1726-1793), der 1760 die Grenadierkompanie gründete und durch sein aristokratisches Auftreten Politik und Gesellschaft in Herisau prägte. 27-mal als Tagsatzungsgesandter entsandt, bekleidete er von 1772 bis 1793 das Amt des Landammanns.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand in der Schweiz eine neue politische und soziale Elite, deren Status weniger auf Herkunft, sondern stärker auf Reichtum und Bildung basierte. Enge Netzwerke in sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kreisen festigten diese neue Ordnung. Mit der Gründung des Bundesstaates 1848 wurde die Armee zum Schmelztiegel dieser föderalen Elite, insbesondere durch Positionen im Offizierskorps und im Generalstab. Ein Beispiel für das neue soziale Gefüge bildet die Casinogesellschaft, die Kaufleute, Industrielle, Handwerker, Beamte, Rentner, Pfarrer, Lehrer und Militärs vereinte. Die zentrale Bedeutung der Armee in der Gesellschaft zeigte sich auch darin, dass mit Oberstleutnant Schiess ein hochrangiger Militär zum ersten Präsidenten ernannt wurde. Später entwickelten sich auch die Appenzellische Offiziersgesellschaft (1856) und der Unteroffiziersverein Herisau und Umgebung (1866) zu wichtigen Stützen militärischer Gemeinschaft und sozialer Vernetzung im zivilen Leben. Namen wie Johann Jakob Nef (1784-1855), Emanuel Meyer (1813-1895) und Walter Ackermann (1890-1969) zeugen von der engen Verzahnung von Militär, Wirtschaft und Politik.

Trotz der starken Verankerung der Armee in Herisau gab es auch kritische Stimmen. Während die Sozialdemokratische Partei der Schweiz 1935 offiziell auf die Diktatur des Proletariats verzichtete und sich zur Landesverteidigung bekannte, hielt ein linker Flügel an seiner antimilitaristischen Haltung fest. In Herisau verkörperte Werner Nef (1902-1980) diese Strömung. Der ehemalige Legionär kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg gegen Francos Truppen. Kurz nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1938 wurde er in den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Herisau gewählt und übernahm das Amt des Präsidenten der Kantonalpartei, wo er die appenzellische Arbeiterbewegung auf einen radikalen Kurs lenkte. Dies führte 1944 zu seinem Ausschluss aus der nationalen Partei und zur Umwandlung der Kantonalpartei in eine Arbeiter- und Bauernpartei. Der Antimilitarismus äusserte sich in Herisau besonders deutlich in der Kritik an der Pflicht der Realschüler, dem Kadettenkorps beizutreten, einer Institution, die 1946 per Volksabstimmung aufgelöst wurde. Trotzdem stellte der Klassenkampf die bürgerliche Ordnung nie ernsthaft in Frage. Der triumphale Empfang für General Guisan, der 1945 Herisau besuchte, zeugt davon. In der Folge wurde die kommunistische Bewegung durch die Gründung einer neuen, moderaten sozialistischen Sektion verdrängt und verschwand nach 1949 endgültig von der politischen Bühne.

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