10 - Heinrichsbad und seine Internierten
Das Heinrichsbad, einst ein bedeutendes Kurhaus, beherbergte in beiden Weltkriegen internierte Soldaten. Heute erinnern nur noch wenige Spuren an diese Vergangenheit.
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Im Jahr 1824 lässt Heinrich Steiger, ein wohlhabender Industrieller aus Flawil, ein imposantes Kurhaus in einem Gebiet errichten, das damals als Moosberger Badrevier bekannt ist und nach dem sumpfigen Charakter des Bodens benannt wurde. Das Gebäude, ein Langhaus mit Querflügel und Nebengebäuden, gilt zu jener Zeit als das grösste im ganzen Kanton. Fünfzehn Badekabinen ermöglichen den Gästen das Baden im Wasser der nahegelegenen Quelle. Berühmt wird das Heinrichsbad jedoch vor allem durch seine in der Alpsteinregion verwurzelten Molkenkuren, wobei selbst Eselsmilch zur Verfügung steht. Lungenkranke suchen zudem Linderung in der feuchtwarmen Luft des Kuhstalls. 1835 geht das Heinrichsbad in den Besitz einer Zürcher Familie über. Zwar bleibt es ein beliebtes Kaffeehaus der regionalen Oberschicht, doch die Besucherzahlen nehmen allmählich ab.
Ab den 1870er Jahren verleihen Investoren dem Heinrichsbad neues Leben, indem sie es in eine Kurstätte mit christlicher Ausrichtung umwandeln, die möglichst erschwinglich sein soll. Eine 400 Plätze fassende Kapelle, die 1875 im Herzen des Parks errichtet wird, dient der sonntäglichen Andacht. Die von Luise Büchi geleiteten Kochkurse erfreuen sich grosser Beliebtheit, ihr Heinrichsbader Kochbuch aus dem Jahr 1895 wird zu einem echten Bestseller. Im Jahr 1910 trifft das Heinrichsbad jedoch ein harter Schlag. Die Entwässerung des benachbarten Kreckelguts, das als Exerzierplatz für das Militär dienen soll, führt zum nahezu vollständigen Versiegen der Quelle. Zwar erhält das Heinrichsbad 1915 eine Entschädigung in Höhe von 12'300 Franken, doch inzwischen ist in Europa der Krieg ausgebrochen, ein Schock, der die gesamte Schweizer Hotellerie erschüttert und von dem sich das Heinrichsbad nie ganz erholen wird.
Während des Ersten Weltkriegs dient das Heinrichsbad wie viele Hotels, die ihre ausländische Kundschaft verloren haben, als Unterkunft für internierte Soldaten. Am 10. Mai 1916 trifft ein erstes Kontingent von 52 deutschen Soldaten und einigen Offizieren in Herisau ein, empfangen von einer begeisterten Menschenmenge, die ihnen Blumen, Schokolade und Orangen zuwirft. Die Verwaltung des Hauses ist mit ihrer Unterbringung und Verpflegung betraut. Zudem versucht man, die Soldaten zu beschäftigen, die eine Luft- und Sonnenbadanlage errichten. Dennoch verläuft nicht alles reibungslos, denn der psychische Zustand der Männer führt offenbar zu einigen Spannungen. 1918 zieht das Heinrichsbad in Erwägung, das Internierungslager aufzulösen, zumal die zugesprochenen Entschädigungen die anfallenden Kosten nicht decken. Eine letzte Gruppe von 45 deutschen Offizieren, Juristen, die einen Fachkurs besuchen sollen, wird jedoch noch aufgenommen. Im August 1918 reisen die letzten Internierten schlussendlich ab.
Auch während des Zweiten Weltkriegs dient das Heinrichsbad als Internierungsort. In den Jahren 1940/1941 sind dort französische Offiziere untergebracht. Im Herbst 1941 wird in Herisau ein Hochschullager für polnische Studenten eingerichtet, das der Handelshochschule St. Gallen angegliedert ist. Während Offiziere und ihre Assistenten im ehemaligen Kurhaus unterkommen, werden die Studenten zunächst in den Räumen der ehemaligen Stickereifirma Zähner, Schiess & Co. einquartiert, eine Massnahme, die auf Proteste stösst, da sie zuvor in Privathaushalten untergebracht waren. Erst im Februar 1943 wird das gesamte Lager ins Heinrichsbad verlegt. Ab Ende 1942 dürfen die polnischen Studenten reguläre Lehrveranstaltungen an der Hochschule besuchen, insbesondere in Wirtschaftswissenschaften, Privatrecht, chemischer und mechanischer Technologie sowie in Fremdsprachen. Von den 136 Internierten brechen 53 ihr Studium ab, 23 scheitern an den Prüfungen, und 40 erlangen einen akademischen Abschluss. Einer der Studenten stirbt im Mai 1944 an einer Lungenentzündung. Abseits von Studium und sommerlichen Arbeitseinsätzen entsteht in diesen Jahren so manche Romanze zwischen den Internierten und jungen Frauen aus der Region.
Im Jahr 1950 erwirbt die Gemeinde Herisau das Heinrichsbad mit dem Ziel, darin ein Altersheim einzurichten. Das Vorhaben verzögert sich jedoch, zunächst wird nur eine angrenzende Villa genutzt. Parallel dazu werden auf dem Gelände Notwohnungen eingerichtet, um der Wohnungsnot nach dem Krieg zu begegnen. 1968 wird ein Neubauprojekt beschlossen, das Gebäude zwei Jahre später eingeweiht. Mit der Eröffnung der Seniorensiedlung Hemetli und dem Bau des Pflegeheims in den Jahren 1980 bis 1982 wächst das Heinrichsbad allmählich zu einem umfassenden Alterszentrum heran. Im Jahr 2020 kommt ein weiterer Neubau hinzu mit 50 Wohnungen und einem integrierten Spitex-Dienst. Heute erinnern nur noch zwei Zeugen an die Vergangenheit des Kurhauses: ein Nebengebäude und eine Glocke aus dem 14. Jahrhundert, die einst vom Schloss Roggwil stammte und früher den Beginn der Molkenkur einläutete. Wie ein stiller Wink auf die nach den Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiedergefundene Ruhe trägt sie ein eingraviertes Wort: «Friede».
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