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MitteilungVeröffentlicht am 11. Juli 2025

UNO-Einsatz in der Observer Group Golan in Syrien: Führen, Entscheiden, Durchhalten

Oberstleutnant Thomas Ott steht als Chief Observer Group Golan-Damaskus bei der UNTSO an der Spitze eines multinationalen Teams im angespannten Grenzgebiet zwischen Syrien und Israel. Im Gespräch berichtet der Schweizer Offizier von der aktuell angespannten Lage, den besonderen Anforderungen an die Führung eines internationalen Teams und erklärt, weshalb dieser Einsatz für ihn beruflich wie persönlich prägend ist.

Stefanie Waltenspül, Kommunikation SWISSINT, sprach mit Oberstlt Thomas Ott

Thomas Ott, Sie leisten zurzeit einen Einsatz zugunsten der UNTSO in Syrien. Welche Aufgaben haben Sie als Chief Observer Group Golan-Damaskus (COGG-D) in der UNTSO?

Als COGG-D bin ich verantwortlich für die Führung eines multinationalen Teams von 38 Militärbeobachterinnen und -beobachtern aus 18 Nationen sowie rund einem Dutzend internationalen und nationalen zivilen Mitarbeitenden aus fünf weiteren Ländern. Zu meinen Aufgaben gehören die tägliche Analyse der Berichte und Lagemeldungen der jeweils vergangenen 24 Stunden, die Durchführung und die Leitung von täglichen Einsatzbriefings, das Führen von Aktionsplanungsgruppen, Beiträge in Arbeitsgruppen zur Sicherheit sowie das Verfassen von Berichten für das Hauptquartier der UNTSO. Darüber hinaus bin ich für die Personalführung und die Vorschläge zur Weiterverwendung der Militärbeobachtern als Stabs- und Verbindungsoffiziere zuständig. Mein Team besteht aus einem Stellvertreter, einem Personaloffizier, einem Operations- und einem Trainingsoffizier, drei Teamleadern sowie dem Chief Mission Support als Direktunterstellte.

Wie sieht ein typischer Tag von Ihnen aus?

Um 05.30 Uhr steht Frühsport auf dem Programm. Mein Arbeitstag startet dann mit der Auswertung der aktuellen Lageberichte der letzten Nacht und der Vorbereitung und Durchführung des Morning Briefings. Im Anschluss folgen die Leitung oder die Teilnahme an Task Forces und Arbeitsgruppen, die langfristige Planung und Koordination von Patrouillen und Beobachtungseinsätzen sowie die Erstellung von Berichten für das UNTSO-Hauptquartier.

Ein wichtiger Teil meines Alltags ist auch die Führung meiner Mitarbeitenden, inklusive Personalgesprächen, Qualifikationsbeurteilungen, fortlaufende einsatzbezogene Weiterausbildung, Förderung des Teamgeists und – ganz wichtig – das Gewährleisten der permanenten Durchhaltefähigkeit.

In der Freizeit, die sich zurzeit beinahe ausschliesslich im Camp Faouar abspielt, stehen Krafttraining oder internationale Fussballspiele gegen Teams aus Kasachstan, Nepal, Indien, Ghana und Uruguay an. Zudem verbringe ich viel Zeit mit Lesen – nach sechs Monaten ist mittlerweile bereits das 23. Buch fertiggelesen.

Das Leben im Camp Faouar ist durchgetaktet und man ist mit Einschränkungen konfrontiert: Dicke, geschützte Mauern, vergitterte Fenster als Sicherheitsvorkehrung, geregelte Verpflegungseinnahme in den Kasernenküchen von Kasachstan und permanent bewacht von indischen Soldaten. Tätigkeiten ausserhalb des Camps sind ausser den nötigen Einkäufen in Damaskus aus Sicherheitsgründen auf Grund der aktuellen Lage auf das Minimum beschränkt.

Welches sind Ihre grössten Herausforderungen?

Die grösste Herausforderung ist das Leben und Arbeiten im Camp, welches nur sehr klein ist und damit kaum Privatsphäre zulässt. Hinzu kommt die permanente Bedrohungslage – insbesondere nach dem Regimewechsel in Syrien im Dezember 2024 und dem damit verbundenen Standortwechsel von unserer vorherigen Unterkunft ins Camp, der mit über 600 Luftangriffen in unmittelbarer Nähe einherging, welche die militärischen Mittel der ehemaligen syrischen Regierung zerstörten. Kürzlich haben in der Nacht mehrere massive Luftschläge von Kampfjets in Begleitung von Drohnenlärm in unmittelbarer Nähe unseres Standortes stattgefunden

Nicht zu unterschätzen ist zudem die Führung eines multinationalen Teams mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Sprachen und militärischen Ausbildungen. Unter diesen Voraussetzungen permanent operationelle Leistung zu erbringen, ist anspruchsvoll. Die permanente Besetzung unserer Beobachtungsposten sowie die tägliche Patrouillentätigkeit, Inspektionen und Verifizierungen haben wir gemeinsam jederzeit sicherzustellen, was in diesem volatilen Umfeld herausfordernd ist.

Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Einsatzgebiet?

Meine ersten Eindrücke waren geprägt vom Regimewechsel am 8. Dezember 2024 und der massiven militärischen Reaktion von Israel auf dem Golan. Zudem eindrücklich waren und sind die sehr angespannte Sicherheitslage, die hohe Einsatzbereitschaft des multinationalen Teams und die enorme kulturelle Vielfalt und Diversität. Besonders beeindruckt hat mich die Professionalität und das Engagement der Militärbeobachterinnen und -beobachter trotz der herausfordernden Bedingungen.

Wie wurden Sie für Ihren Einsatz ausgebildet? Welche Erfahrungen brachten Sie mit in den Einsatz?

Die militärische Grundausbildung als Offizier ist für die strukturierte Herangehensweise genauso wie die Kommandantenausbildung und Trainings im grossen Verband (in meinem Fall in der Mechanisierten Brigade 11 und der Territorialdivison 4) eine hervorragende Vorbereitung, auch im Vergleich zu Berufsarmeen. Für meinen Einsatz wurde ich intensiv und spezifisch ausgebildet, ausgerüstet und habe ein zusätzliches Fahrtraining für leicht gepanzerte Fahrzeuge absolviert.

Durch meine Tätigkeit als Chef Operationen/Planung bei SWISSINT habe ich bereits Erfahrungen in multinationaler Zusammenarbeit, Krisenmanagement und operativer Führung gesammelt. Meine bisherigen Auslandseinsätze für die UNO und NATO und die Führungserfahrung im Stab sowie auf Bataillonsebene haben mir geholfen, mich schnell in die komplexe Lage vor Ort einzufinden und sofort Leistung zu erbringen.

Bringt Ihnen Ihr Einsatz einen Mehrwert für Ihre berufliche Karriere oder die persönliche Entwicklung?

Definitiv. Durch die tägliche Führung eines multinationalen Teams und das Arbeiten in einer sehr ausgeprägten VUCA-Welt (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) kann ich meine Führungskompetenzen und meine interkulturellen Fähigkeiten weiterentwickeln. Mit dem Regimewechsel in Syrien kam es zwischenzeitlich zur Absenz von Recht und Ordnung und damit zu einer äusserst volatilen Lage mit Kämpfen, Luftangriffen und Plünderungen. Damit waren auch wir konfrontiert und das Bewältigen von solchen Extremsituationen ist anspruchsvoll wie auch lehrreich zugleich. Zudem ist dieser Einsatz ein wichtiger Karriereschritt, um mich für Positionen bei SWISSINT und anderen Teilen der Schweizer Armee als Return on Investment oder beispielsweise im UNO-Hauptquartier in New York zu rüsten.

Gibt es ein prägendes Erlebnis oder ein Highlight aus Ihrer bisherigen Zeit im Einsatz?

Ein besonders prägendes Erlebnis war der Standortwechsel nach Camp Fouar während des Regimewechsels. Die professionelle und besonnene Reaktion meines Teams in dieser Extremsituation hat mich tief beeindruckt und gezeigt, wie wichtig Planung, Teamgeist, Aktionsführung und Aktionsnachbereitung inklusive unmittelbare Umsetzung der Lehren im Einsatz sind.

Was war Ihre Motivation, um diesen Einsatz in der militärischen Friedensförderung zu leisten?

Als Chef Operationen/Planung im Kompetenzzentrum SWISSINT ist es mir ein Anliegen, mit gutem Beispiel voranzugehen und auch selbst in herausfordernden Umfeldern Verantwortung zu übernehmen. Es motiviert mich, täglich einen Beitrag zur Sicherheit der lokalen Bevölkerung zu leisten und gleichzeitig Lehren für die Schweizer Armee zu sammeln und weiterzugeben – beispielsweise im Bereich der militärischen Genieleistungen.

Wem und weshalb würden Sie einen solchen Einsatz weiterempfehlen?

Ich empfehle diesen Einsatz allen Offizieren und Personen, die ihre Führungskompetenz in einem internationalen, herausfordernden Umfeld weiterentwickeln wollen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und in einem herausfordernden Umfeld stringente Leistung zu erbringen. Ein solcher Einsatz bietet nicht nur einen enormen persönlichen und beruflichen Mehrwert, sondern trägt auch konkret zur Förderung von Frieden und Sicherheit vor Ort bei und erzielt einen Return on Investment für die Schweiz und die Schweizer Armee.