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Interview mit Professor und Ex-Astronaut Claude Nicollier

Der Professor und Ex-Astronaut Claude Nicollier erklärt, warum eine Armee ohne Luftverteidigung ihren Auftrag unmöglich erfolgreich erfüllen kann. Und warum es in Bezug auf den Entscheid über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge drängt.

06.07.2020 | Kommunikation VBS

Titelbild_Hunter T 2009
Claude Nicollier war Milizpilot bei der Schweizer Luftwaffe, Linienpilot, Wissenschaftler bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), dann Testpilot und Astronaut bei der NASA. 2007 hat er an der EPFL in Lausanne eine Professur übernommen. Seine Leidenschaft fürs Fliegen hat bis heute nie nachgelassen: Hier vor «seinem» Hunter. (Foto: VBS)
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Prof. Claude Nicollier

Claude Nicollier, Sie sagen, dass wir an der Schwelle zu einem politischen Entscheid stehen, der für das Weiterbestehen der Luftverteidigung unseres Landes von grundlegender Bedeutung ist. Malen Sie nicht allzu schwarz?

Meines Erachtens nicht, denn: Luftverteidigung ist nur möglich, wenn die dazu erforderlichen Mittel vorhanden sind. Die heutigen Systeme – Kampfflugzeuge und Flab-Systeme – werden in den nächsten Jahren ihr Nutzungsende erreichen. Werden sie nicht ersetzt, hat die Armee spätestens 2030 keine Mittel mehr, um den Luftraum zu schützen.

 

Die F/A-18 ist eine solide Maschine, und die Umsetzung der Massnahmen zur Verlängerung der Nutzungsdauer ist angelaufen. Wann ist der Punkt erreicht, dass das nicht mehr genügt?

Eine Verlängerung ist über 2030 hinaus und auf mehr als 6000 Flugstunden nicht sinnvoll. Es ist schon eine Herausforderung, diese Grenze zu erreichen! Der Schweizer Luftraum ist klein und eng. Schon wenige Minuten nach dem Start folgt der Einsatz; oft müssen enge Kurven geflogen werden. Die Kampfflugzeuge werden stark belastet. Der F/A-18 wird im Jahr 2030 fast vierzig Jahre alt sein, die darin verbaute Technologie noch älter. Damit wird sich gegen einen modern ausgerüsteten Gegner nichts mehr ausrichten lassen – ähnlich, wie es heute beim F-5 Tiger schon der Fall ist.

 

Sie erwähnen in ihrer Zweitmeinung zum Expertenbericht «Luftverteidigung der Zukunft» die Dringlichkeit: Ist es bezüglich der Sicherheit im Luftraum zum Schutz der Schweiz und ihrer Bevölkerung «fünf vor zwölf»?

Gegenüber der ursprünglichen Ersatzplanung für die Kampfflugzeuge haben wir heute schon eine Verspätung von 15 Jahren. Deshalb musste ja auch die Nutzungsdauer der F/A-18 verlängert werden. In letzter Zeit scheinen sich die Probleme bei deren Betrieb allerdings zu häufen, was bedeutet, dass wir diese Flugzeuge mit der Nutzung bis 2030 wirklich an die Grenze bringen. Und da sollte man keine Zeit verlieren.

 

Sie betonen, dass eine Armee ohne Luftverteidigung ihren Auftrag unmöglich erfüllen kann. Welche komplementären Mittel braucht es dazu und wie viele?

Es steht ausser Frage, dass Kampfflugzeuge nur in einem Gesamtsystem wirksam eingesetzt werden können. Es braucht auch ein System bodengestützter Luftverteidigung, mit dem unter anderem Objekte über längere Zeit gegen Bedrohungen aus der Luft geschützt werden können. Und es braucht natürlich Radaranlagen und weitere Sensoren, mit denen die Armee jederzeit über ein vollständiges Luftlagebild verfügen kann.

 

Wie erklären Sie der Öffentlichkeit, dass unser Luftraum von strategischer Bedeutung ist?

Der Personen- und Güterverkehr ist auf einen sicheren Luftraum angewiesen. Zwei der wichtigsten Luftverkehrsstrassen über die Schweiz. Und der Luftraum kann nur genutzt werden, wenn er sicher ist. Jemand muss also kontrollieren, dass Luftverkehrsregeln nicht verletzt werden und dass sich nur im Luftraum aufhält, wer das darf und dabei die Neutralität der Schweiz nicht verletzt. Und diese Aufgabe kann nur die Luftwaffe übernehmen.

 

Ist es zielführend, wieder mit «Abhaltewirkung» zu argumentieren?

Wird der Schweizer Luftraum im Alltag als gut kontrolliert wahrgenommen, kommt es weniger zu Verletzungen der Luftverkehrsregeln – das ist wie beim Strassenverkehr. Im Falle eines drohenden Konflikts kann es in der Interessenabwägung eines Gegners entscheidend sein zu wissen, dass die Schweiz über eine funktionierende und wirksame Luftwaffe verfügt. Die beste Verteidigung ist die, die einen Gegner überhaupt von seinem Angriff abhält.

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Warum die Schweiz neue Kampfflugzeuge braucht