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Im Einsatz an der Blue Line im Libanon

Beobachten, Überwachen und Rapportieren: Diese drei Kernaufgaben beschäftigen Hauptmann Urs König aktuell im Nahen Osten. Als Militärbeobachter der UNO überwacht er die Einhaltung des Waffenstillstandes im Libanon und stellt allfällige Verstösse fest. Im Interview erläutert er seine Aufträge und Herausforderungen in der Friedensförderung zugunsten der UNTSO.

20.03.2021 | Kommunikation SWISSINT, Daniel Seckler

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Beobachten, Überwachen und Rapportieren: Diese drei Kernaufgaben beschäftigen Hauptmann Urs König aktuell im Nahen Osten


Herr Hauptmann, Sie stehen zurzeit als UNO-Militärbeobachter im Einsatz. Wo befinden Sie sich und wie kann man sich Ihre Aufgaben und Aufträge vorstellen? 

Ich befinde mich zurzeit im Nahen Osten und bin in der sogenannten Observer Group Lebanon (OGL) der UNTSO stationiert. Der Libanon ist neben Syrien, Israel, Jordanien und Ägypten eines der Einsatzländer, über welches sich diese Mission erstreckt. Das Ziel der UNTSO ist es, ein dauerhaftes Friedensabkommen zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten zu erzielen. Mit beinahe 75 Jahren ist sie die älteste Mission der UNO. Insgesamt sind wir aktuell zwölf Schweizer Offiziere, die sich zugunsten der Friedenförderung im Nahen Osten aufhalten. Jene unter uns und damit auch ich, die in der Funktion als UNO-Militärbeobachter eingesetzt sind, befassen sich grundsätzlich mit drei Kernaufgaben: Dem Beobachten, dem Überwachen und dem Rapportieren. Hier im Libanon bedeutet dies, dass wir entlang der Blue Line, der Demarkationslinie, die Israel vom Libanon trennt, Ereignisse feststellen und festhalten, die gegen das Waffenstillstandsabkommen und damit gegen Resolutionen der Vereinten Nationen verstossen. Diese rapportieren wir zugunsten des Hautquartiers der UNO. Ebenfalls patrouillieren wir im Einsatzgebiet, um sensitive Regionen zu überwachen und in Begegnungen und Treffen mit einheimischen Personen relevante Informationen für die Beurteilung der Sicherheitslage zu erhalten. Um ein umfassendes Bild über die Situation vor Ort bilden zu können, führen wir ausserdem Gespräche mit Behörden und lokalen Streitkräften. Dabei arbeiten wir stets in international gemischten Teams, was insbesondere deswegen relevant ist, als dass ein Ereignis immer von mindestens zwei Angehörigen unterschiedlicher Nationalität festgestellt werden muss. Damit wird sichergestellt, dass ein solches immer neutral und unabhängig beurteilt und rapportiert wird. Insgesamt befinden sich innerhalb der Mission erfahrene Offiziere aus über 30 Ländern.

 

Sie sind Senior National Representative (SNR), welche zusätzlichen Aufgaben übernehmen Sie in dieser Rolle?

Als SNR vertrete ich die Interessen der Schweizer Armee gegenüber der Missionsleitung und stelle den Informationsfluss zwischen dem Kompetenzzentrum SWISSINT und allen Schweizer Offizieren innerhalb der UNTSO sicher. Üblicherweise übernimmt der Funktionsinhaber neben seiner Einsatztätigkeit zusätzlich auch die Organisation und Planung von Dienstreisen, der Swiss National Meetings oder die Teilnahme an repräsentativen Meetings – was COVID-19 bedingt aktuell natürlich nur begrenzt stattfindet. Dafür gesellten sich andere Herausforderungen zu meinen Aufgaben: Beispielsweise in Bezug auf das Organisieren von Visa oder Abklären der aktuellsten Schutzmassnahmen und Restriktionen von den Einsatzländern, der Mission selbst und jene der Schweizer Armee, die es für meine Kameraden und mich einzuhalten gilt. Auch wenn die Aufgaben als SNR vor allem administrativer Natur sind, geniesse ich den regelmässigen Austausch mit der Missionsleitung und meinen Schweizer Kollegen ungemein. Die Aufgabe ist für mich eine grosse Ehre und Bereicherung!

 

Welches sind Ihre grössten Herausforderungen?

Uns geht es wie dem Rest der Welt: Operationell liegen die Herausforderungen ganz klar in Bezug auf COVID-19. Die Situation rund um die Pandemie im Nahen Osten ist sehr wechselhaft und von verschiedensten mehr oder weniger einschränkenden Schutzmassnahmen begleitet. Ansonsten ist die Zusammenarbeit in einem internationalen Team bestehend aus Offizieren und Zivilisten aus aller Welt gleichzeitig die grösste Bereicherung sowie auch die grösste Herausforderung. Wir haben in unserem Team Offiziere mir grosser Missions- und Einsatzerfahrung, aber auch Kollegen die z.B. erstmals im Ausland arbeiten. Flexibilität, offene Kommunikation und Taktgefühl sind hier gefragt, um Erfolg zu haben. Davon dürfen wir Schweizer aber auch profitieren und lernen: Oftmals ist eben nicht der vermeintlich kürzeste Weg zum Ziel auch der Schnellste – ein scheinbarer Umweg kann notwendig sein, um alle Teammitglieder ins Boot zu holen. Unser Team ist ein militärischer Verband und gleichzeitig eine grosse Wohngemeinschaft. Diese Herausforderungen bezüglich Sozialkompetenz und Kommunikation machen für mich eine solche Mission spannend und interessant.

 

Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Einsatzgebiet?

Meine Eindrücke in einem Wort zusammengefasst: Gegensätze. Auf der einen Seite eine über alle Massen grosse Korruption, an der sich gewisse Teile des Landes schamlos bereichern und dabei den Libanon in den Ruin treiben sowie auch die Verherrlichung von Märtyrern, denen man im ganzen Land auf über grossen Plakaten begegnet, ist für unsere Schweizer Wertevorstellungen sehr befremdlich. Auf der anderen Seite steht die wunderbare Gastfreundschaft der lokalen Bevölkerung, die uns trotz allem Leid mit Freundlichkeit und Offenheit begegnet.

 

Welche Ausbildungen und Erfahrungen brachten Sie mit in den Einsatz und bringt Ihnen dieser einen beruflichen oder persönlichen Mehrwert?

Ich bin seit bald 30 Jahren Auslandschweizer und hatte zwischen 1996 und 2017 daher keinen Militärdienst mehr geleistet. 2016 entschied ich mich aber im Rahmen der militärischen Friedensförderung meinen eigenen kleinen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten. Ich absolvierte 2017 die einsatzbezogene Ausbildung für den Einsatz in der SWISSCOY und war anschliessend für sechs Monate als Hauskommandant eines Beobachtungsteams im Kosovo. 2019 absolvierte ich den lehrreichen Schweizer Militärbeobachterkurs (SUNMOC) bei SWISSINT in Stans-Oberdorf. Militärisch haben mich der SWISSCOY-Einsatz und der SUNMOC sehr gut vorbereitet. Mein internationaler Werdegang an Universitäten und als selbständig Erwerbender in Australien und den USA erweist sich in Bezug auf kulturelle Sozialkompetenz tagtäglich als nützlich. Als Berater und Keynote-Speaker im Bereich des Leaderships ist natürlich gerade in den USA ein Dienst in Uniform mit meinen 54 Jahren bei meinen Klienten gerne gesehen. Viel wichtiger als der berufliche Mehrwert ist für mich jedoch die persönliche Erfahrung, die ich hierbei sammeln kann: Ich kann mich intensiv mit einem Konfliktgebiet auseinandersetzen und in einem internationalen Team auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Die persönlichen Kontakte und neuen Freundschaften mit Menschen, denen ich sonst nie begegnet wäre, machen diesen Einsatz für mich auf einer persönlich Ebene sehr wertvoll. Im Übrigen müssen wir Schweizer Milizsoldaten uns inmitten der Berufsoffizieren anderer Nationen keinesfalls verstecken. Mit unseren zivilen und militärischen Ausbildungen können wir mehr als nur mithalten.

 

Was war Ihre Motivation, um diesen Einsatz in der militärischen Friedensförderung zu leisten?

Das humanitäre Engagement bekam ich von meinem Vater vorgelebt. Er leistete einen Einsatz für das damalige Schweizerische Katastrophenhilfe Korps (SKK) in einem Flüchlingslager in Somalia, war Wahlbeobachter für die UNO und engagierte sich in der OSZE. Dies löste in mir den Wunsch aus etwas Ähnliches zu tun und inspirierte mich. Dennoch passte dies bislang nicht in mein Leben aufgrund meines Fokusses auf Familiengründung, Studium, dem Aufbau meines eigenen Geschäfts sowie Leistungssport. Trotzdem blieb die Entwicklungszusammenarbeit und die Humanitäre Hilfe nicht zuletzt durch meine Doktorarbeit mit Schwergewicht auf den Einfluss der Klimaveränderung immer eines meiner Interessensgebiete. Ebenfalls war ich als Auslandsschweizer stets an der Schweizer Politik interessiert und vertrete gerade im Ausland das Schweizer Neutralitätsprinzip mit Stolz. Weiter erachte ich es als Bürger des Wohlstandlandes Schweiz als meine Pflicht mich für eine Friedensförderung zu engagieren. Auch wenn hier ein wenig Idealismus mitschwingen mag, so bin ich doch gewiss kein Utopist und bin mir somit bewusst, dass die militärische Friedensförderung nicht alle Probleme dieser Welt lösen kann. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass ich damit einen direkten, persönlichen und vor allem sinnvollen Beitrag für eine bessere Welt leisten kann. Darüber hinaus reizte mich an meinem Einsatz natürlich die Möglichkeit Führungserfahrung in einem ungewohnten Umfeld zu sammeln.

 

Wie und wem würden Sie einen solchen Einsatz weiterempfehlen?

Ich empfehle einen solchen Einsatz allen Schweizer Offizieren, die ein Interesse an internationaler Sicherheitspolitik haben. Der Einsatz ist eine einmalige Chance und stellt eine persönliche, berufliche und militärische Horizonterweiterung dar. Um erfolgreich zu sein, sollte man aber auch gewisse Eigenschaften mitbringen: beispielsweise Flexibilität und die Fähigkeit auch unter schwierigen Umständen das Beste aus einer Situation zu machen sowie die Neugierde und Offenheit gegenüber Andersdenkenden. Darüber hinaus bedarf es einer Konfliktfähigkeit, einen offenen Kommunikationsstill sowie auch interpersonelle Kompetenzen, insbesondere eine gute Mischung zwischen gesundem Selbstvertrauen und angemessener Bescheidenheit.

 

Wie geht es für Sie weiter?

In der zweiten Hälfte meines Einsatzes geht es für mich nach Ägypten. Nach wie vor für die UNTSO tätig, werde ich in Kairo als stellvertretender Chef des Verbindungsbüros der Mission tätig sein. Und darauf freue ich mich bereits jetzt.