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«Mich beeindruckte, wie die libanesische Bevölkerung nicht den Mut verliert»

Sandra Stewart-Brutschin, Kommunikation SWISSINT, sprach mit Hauptmann Fabio Hostettler, Militärbeobachter UNTSO, Naher Osten

22.01.2021 | Kommunikation SWISSINT

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Bevor sich Hauptmann Fabio Hostettler im November 2019 auf eine Patrouillenfahrt auf den Golanhöhen begibt, bespricht er mit seinem Teamkollegen die Route.

Sie leisteten im Nahen Osten zugunsten der United Nations Truce Supervision Organization (UNTSO) einen friedensfördernden Einsatz als Militärbeobachter. Für welche Aufgaben waren Sie zuständig?

Während den ersten sechs Monaten war ich auf den Golanhöhen stationiert und verantwortlich, die Einhaltung des 1974 zwischen Israel und Syrien unterzeichneten Waffenstillstandsabkommen zu überwachen. In der UNO-Resolution 350 einigten sich die beiden Konfliktparteien auf eine 80 Kilometer lange demilitarisierte Pufferzone sowie eine daran angrenzende, sogenannte «Area of Separation», wo verschiedene Obergrenzen für Waffen, Geräte und Mannstärken gelten. Mittels Patrouillen, Beobachtungsposten und Inspektionen prüften wir, ob die Parteien das Abkommen respektieren. In der zweiten Hälfte meines Einsatzes diente ich im Südlibanon. Der Auftrag war ähnlich wie auf den Golanhöhen: Wir patrouillierten entlang der Demarkationslinie zwischen Israel und Libanon und überprüften, ob die beiden Staaten die UNO-Resolution 1701 erfüllen.

Worin lagen die Herausforderungen?
COVID-19 stellte auch uns vor grosse Herausforderungen. Im März hatten wir einen zweiwöchigen Lockdown und es war schwierig während dieser Zeit die operative Leistung aufrechtzuerhalten. So umfuhren wir auf unseren Patrouillenfahrten dichtbesiedelte Gebiete und vermieden es, das Fahrzeug zu verlassen, ausser wenn absolut notwendig. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, entschied die Mission über die Lockdown-Phase hinaus die Bewegungsfreiheit stark einzuschränken. Wir sistierten bis Mitte Mai sämtliche Dorfpatrouillen und Meetings mit lokalen Meinungsführern, sogenannte «Key Leader Engagements». Diese Tätigkeiten bilden in der Regel die wichtigsten Informationsquellen für unsere Lageerfassung. Die Restriktionen der Mission beeinflussten natürlich auch die persönliche Bewegungsfreiheit. Von März bis Juli waren alle nicht-dienstlichen Aktivitäten eingestellt, und der Bewegungsradius beschränkte sich auf den Wohncontainer im Camp, das Patrouillenfahrzeug sowie die Wohnung.

Was war Ihr erster Eindruck, als Sie im Missionsgebiet eintrafen?
Meine erste Woche verbrachte ich in Jerusalem. Muslime, Juden und Christen aus der ganzen Welt pilgern gleichermassen in diese für sie heilige Stadt. Je nachdem in welchem Viertel der Altstadt man sich befindet, sprechen die Leute Arabisch, Armenisch, Hebräisch oder Jiddisch. Ein wahrer Schmelztiegel. Als UNO-Militärbeobachter hatte ich mich darauf eingestellt, in ein Konfliktgebiet zu reisen. In Jerusalem realisierte ich, dass das tägliche Zusammenleben der lokalansässigen Bevölkerungsgruppen grossmehrheitlich von Kooperation und nicht von Konflikt geprägt ist. Eine Erkenntnis, die sich im Laufe der Mission bestätigen sollte. Trotz makropolitischen Spannungen gelingt es den Leuten offenbar, sich auf lokaler Ebene friedlich zu organisieren. Man arrangiert sich eben.

Worin sehen Sie die grössten Unterschiede zur Schweiz?
Im Vergleich zum Libanon erscheinen die Herausforderung, vor welchen die Schweiz steht, als vernachlässigbar. Der libanesische Staat durchlebt seine schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seit seiner Unabhängigkeit 1943. Seit Oktober 2019 hat das libanesische Pfund mehr als 80% an Wert verloren. Die Verteuerung von Grundnahrungsmitteln und Wohnraum hat dabei viele Libanesen in die Armut gedrängt. Etwa 50% der erwerbsfähigen Bevölkerung ist arbeitslos, und die COVID-19-Pandemie hat den für Libanon wichtigen Tourismussektor fast vollständig zum Erliegen gebracht. Hinzu kommt, dass rund zwei Millionen syrische und palästinensische Flüchtlinge im Land leben und das ohnehin schon angeschlagene Gemeinwesen zusätzlich belasten.

Ist Ihnen ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben?
Die Explosion vom 4. August im Hafen von Beirut wird mir sicherlich in Erinnerung bleiben. Zum Zeitpunkt der Detonation befand ich mich in Tyros, das rund 75 Kilometer südlich von Beirut liegt, und konnte dennoch einen lauten Knall hören. Vor dem Hintergrund der bereits schwierigen Gesamtsituation hätte man erwarten können, dass die Libanesen nun ihren letzten Mut verlieren würden. Umso mehr war ich beeindruckt zu sehen, mit welcher Widerstandsfähigkeit und Selbstbehauptung die Bevölkerung auch diesen Schicksalsschlag hinnahm.

Welche Erfahrungen oder Lehren nehmen Sie aus Ihrem Einsatz mit nach Hause?
Sowohl in Israel als auch im Libanon beeindruckte mich die Warmherzigkeit und Gastfreundschaft der Leute. Wir Schweizer sind oft etwas reserviert, und eine Spur mehr Offenheit täte uns gut. Ferner ist für viele Israelis und Libanesen die Schweiz das Inbild für Prosperität, Sicherheit und Stabilität. Dies hilft sich in Erinnerung zu rufen, wie privilegiert wir hier sind. Was haben Sie als Nächstes vor? Zuerst sind nun vier Wochen Ferien mit meiner Freundin geplant. Nach meinem einjährigen Auslandsaufenthalt freue ich mich speziell auf die gemeinsame Zeit. Beruflich zieht es mich zurück in die Finanzbranche. Ich schliesse im November die Ausbildung zum Financial Risk Manager ab und befinde mich momentan noch auf Jobsuche.

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