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«Die militärische Friedensförderung ist mir seit Namibia ein persönliches Anliegen geblieben»

Swiss Peace Supporter führte ein schriftliches Interview mit Korpskommandant Thomas Süssli, Chef der Armee.

12.01.2021 | Kommunikation SWISSINT

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Während seiner Dienstreise im Kosovo nutzte der Chef der Armee, Korpskommandant Thomas Süssli, die Gelegenheit, sich mit den SWISSCOY-Angehörigen zu unterhalten. © VBS/DDPS

Herr Korpskommandant, mit der Entsendung einer Swiss Medical Unit in die UNTAG nach Namibia 1989 begann die Schweizer Armee ihr friedensförderndes Engagement zugunsten der UNO. In der Funk­tion als Laborchef der Klinik in Oshakati leisteten Sie im ersten Kon­tingent einen solchen Auslandseinsatz. Was hat Sie damals zu die­sem Schritt bewogen?

Als die Schweiz mit der UNO über ein mögliches Kontingent für Namibia verhandelte, war ich gerade als Zugführer beim Abverdienen. Ich war 22 Jahre alt und mich hat der Gedanke, einen persönlichen Beitrag zur Unab­hängigkeit dieses Landes im Süden von Afrika zu leisten, von Beginn an fasziniert. Als dann der Aufruf für Freiwillige kam, meldete ich mich ohne zu zögern. Im Nachhinein denke ich, dass auch eine gute Portion Aben­teuerlust sowie die Neugierde auf dieses fremde Land und dessen Kultur eine Rolle spielten.

Für welche Aufgaben in der UNTAG waren Sie zuständig?

Ich wurde als Chef des medizinischen Labors für eine der vier Kliniken – es war die Klinik im Norden des Landes, in Oshakati an der Grenze zu Angola – rekrutiert. Als wir im April 1989 in der Hauptstadt Windhoek lan­deten, war es im Norden des Landes noch nicht sicher genug, und unsere Equipe musste während einiger Wochen auf den Einsatz warten. Zunächst ging es darum, einen geeigneten Standort für unsere Klinik zu finden und diese schliesslich aufzubauen. Während dieser Zeit machte sich jeder dort nützlich, wo er konnte – handwerklich, für Transportbelange, im Bereich Logistik. Als wir dann im Spital von Oshakati die Klinik eingerichtet hat­ten, ging es primär um den Betrieb. Auch da wollte ich neben der eigent­lichen Arbeit im Labor überall dort Hand bieten, wo Bedarf war.

Erinnern Sie sich an ein Erlebnis, das Sie besonders beeindruckt hatte?

Neben der Arbeit in der Swiss Medical Unit faszinierten und beindruck­ten mich vor allem das Land und seine Menschen. Ich erinnere mich gut an einen alten Mann, der an der Strasse nahe unseres Camps geflochtene Körbe verkaufte. Er brachte mir nach und nach einige Worte in der Spra­che der Ovambo, dem Oshivambo, bei. Jedes Mal, wenn ich ihn danach sah, begrüsste ich ihn in seiner Sprache, worauf er jeweils lachte.

Was konnten Sie vom Einsatz in Namibia für Ihre militärische und berufliche Laufbahn mitnehmen?

Die Zeit zu Beginn unseres Einsatzes war schwierig. Wir mussten mehrere Tage auf dem Areal einer südafrikanischen Airbase warten, da es immer noch eine Ausgangssperre gab und nachts teilweise sogar geschossen wurde. Wir waren ja gekommen, um einen Beitrag für die UNO zu leisten. Das Warten, die Ungewissheit und die Sicherheitslage drückten aber teil­weise auf die Stimmung. Wir begannen, uns gegenseitig in den verschie­densten Bereichen auszubilden: Zeltbau, Funk, medizinische Ausbildung und vieles mehr. Es ist wichtig, eine Aufgabe zu haben und der Gruppe Struktur und Beschäftigung zu geben.

Wie wichtig ist Ihnen die militärische Friedensförderung heute?

Die militärische Friedensförderung ist mir seit Namibia ein persönli­ches Anliegen geblieben. Ich erinnere mich noch gut an die Worte von alt Bundesrat Adolf Ogi. Er sagte sinngemäss: «Wenn du nicht zur Krise gehst, kommt die Krise zu dir.» Dieser Gedanke steht für mich auch für den Einsatz des Schweizer Kontingentes im Kosovo im Vordergrund, und ich könnte mir vorstellen, dass es noch weitere Regionen gibt, in denen die Schweiz einen Beitrag leisten kann.

Der erste Besuch in einem Einsatzgebiet war vergangenen April geplant, musste aber wegen den COVID-19 Restriktionen abgesagt werden. Wie verschaffen Sie sich ein aktuelles Bild über das Wirken der Schweizer Peacekeeper?

Zuerst mit den regelmässigen Lageberichten – und ich frage nach, wenn ich zusätzliche Informationen brauche. Das war zum Beispiel im Frühjahr der Fall, als es um die Situation unserer Schweizer Angehörigen der Armee im Ausland ging. Im Oktober war ich anlässlich des Change of Command des Deputy Force Commanders der KFOR, Brigadier Laurent Michaud, in Pristina und konnte mir erstmals persönlich ein Bild über die Lage im Einsatzraum verschaffen. Dabei beeindruckte mich, mit welchem Engage­ment und welcher Professionalität die Schweizer Soldatinnen und Solda­ten ihre Aufträge erfüllten.

In welchen Bereichen der internationalen Friedensförderung sehen Sie Möglichkeiten für die Schweizer Armee, sich auch in Zukunft gewinnbringend für alle Seiten zu engagieren?

Das Departement hat einen Bericht zur Weiterentwicklung der militäri­schen Friedensförderung erarbeitet. Dieser wird Optionen aufzeigen, wie die Schweiz ihr Engagement in der militärischen Friedensförderung wei­terentwickeln könnte. Ich möchte nicht vorgreifen, aber ein weiterer Kon­tingentseinsatz wäre grundsätzlich wertvoll. Es kann sich aber auch um kleinere Beiträge handeln. Die Tendenz geht eher in diese Richtung – klei­nere, aber qualitativ hochstehende Beiträge in Bereichen, wo die interna­tionale Nachfrage hoch ist.

Wo möchten Sie Schwerpunkte setzen?

Die Frage ist ja auch, was die Schweizer Armee beitragen kann. Das kön­nen auch in Zukunft spezialisierte Leistungen in den Bereichen Lufttrans­port, Sanitätsdienst, ABC-Abwehr, Genie und Kampfmittelbeseitigung sein. Zudem verfügt unsere Milizarmee über anerkannte Fähigkeiten im militärisch-zivilen Austausch und unsere Angehörigen der Armee sind gern gesehene Leistungsträger in sogenannten Liaison and Monitoring Teams, wo sie die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung rasch erfassen und mögliche Erkenntnisse ableiten können.

Welchen Mehrwert generiert die militärische Friedensförderung für die Schweizer Armee?

Dank der internationalen Einsätze zusammen mit anderen Staaten kön­nen wir uns mit anderen Armeen austauschen und vergleichen, was unter den Stichworten Benchmarking und Interoperabilität subsummiert wer­den kann. Wir gewinnen Erkenntnisse für die Streitkräfteentwicklung, Doktrin und Antizipation. Wir profitieren viel von entsprechenden Koope­rationen. Der Austausch mit Partnern ist ein Nehmen und ein Geben. Wir müssen deshalb auch etwas zurückgeben. Ein gutes Beispiel ist die Kosovo Force. Die Schweiz kann gerade in einem solchen Umfeld mit ihrer Neutra­lität Vorteile bieten und so zur internationalen Solidarität beitragen – alle wissen, dass wir keine eigene Agenda haben. Die Erhöhung des Kontin­gents von 165 auf maximal 195 Soldatinnen und Soldaten ab kommendem April und die Verlängerung bis 2023 wurden sehr positiv aufgenommen. Wir stehen für Kontinuität und Verlässlichkeit.