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Historischer Anlass soll Kulturwandel einleiten

Erstmals in der neueren Geschichte der Schweizer Armee wurden alle eingesetzten Milizkommandanten bis Stufe Kompanie zu einem «After Action Review» eingeladen. Der Chef der Armee, Korpskommandant Thomas Süssli, will damit einen Kulturwandel einleiten und den Dialog über alle Stufen hinweg fördern.

25.06.2020 | Kommunikation Verteidigung, Michael Senn

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Korpskommandant Süssli: «Leadership heisst, Unsicherheit in Mut und Entschlossenheit umzuwandeln, eine Vision zu haben, Sinnvermittlung zu betreiben und Verständnis für die Sorgen der Einzelnen zu zeigen.» (Fotos: VBS, Dominic Walser und Jan Pegoraro)

Der am 16. März gefällte Bundesratsbeschluss sah einen Armeeeinsatz bis längstens am 30. Juni vor. Mit dem «After Action Review» vom 23. Juni konnte bereits eine Woche vor dem geplanten Ende ein vorläufiger Abschluss des Einsatzes vorgenommen werden. Rund 60 Kompanie- und Bataillonskommandanten folgten der Einladung des Chefs der Armee, Korpskommandant Thomas Süssli, und des Kommandanten subsidiärer Einsatz, Korpskommandant Aldo C. Schellenberg, zur Nachbetrachtung des Assistenzdiensts «Corona 20» in die Guisankaserne in Bern.

Wertschätzung und Kulturwandel

Offen, ehrlich und direkt soll gesprochen werden. Ungefiltert, nicht durch die vielen Stufen der Hierarchie, sondern von Angesicht zu Angesicht. Diese Erwartungshaltung machte der Kommandant subsidiärer Einsatz gleich zu Beginn klar: «Die Armee will lernen und sich stetig verbessern.» Er erwarte «schonungslose Ehrlichkeit», denn nur so könne man den Handlungsbedarf erkennen. Der Chef der Armee sprach von einem Kulturwandel, den er mit diesem Anlass einleiten möchte. Es gehe um die Wertschätzung für das Geleistete, aber auch darum, das Erlebte aufzuarbeiten und in einem nächsten Schritt die Lehren daraus zu ziehen und umzusetzen.

Vom Anspruch zur Umsetzung

Das Postulat sollte vor Ort gleich in die Praxis umgesetzt werden: Die Kommandanten waren zunächst angehalten, via eine App einen Fragenkatalog auszufüllen, in dem sie auch eine Gewichtung der Themenbereiche vornehmen konnten. Die Resultate der digitalen Befragung wurden anschliessend im Plenum präsentiert und durch Korpskommandant Schellenberg kommentiert. Jene Felder, in denen am meisten Handlungsbedarf erkannt wurde, sollten im Nachgang eingehend diskutiert werden. Die Kommandanten sahen einen solchen vorrangig in der Kommandoordnung: Denn dadurch, dass viele Truppenkörper über mehrere Kantone oder gar die ganze Schweiz verteilt zur Unterstützung ziviler Behörden im Einsatz standen und sich die Einsatzräume nicht mit der sonst üblichen Aufteilung in die vier Territorialdivisionen deckten, entstanden Herausforderungen bei den Zuständigkeiten.

Korpskommandant Schellenberg nahm das Gehörte auf und präsentierte umgehend erste Lösungsansätze. Um allfällige Unklarheiten in der Kommandoordnung aufzulösen, gebe es nur eines: «Üben, üben, üben.» So brauche es mehr Übungen mit zivilen Partnern, deren «Abschnittsgrenzen» nicht mit denjenigen der Armee übereinstimmen. Zudem müssen alle Betroffenen die Überlegungen kennen, die zu einer bestimmten Führungsstruktur führten, da jede Variante Vor- und Nachteile habe. Dafür sei eine alle Stufen durchdringende Kommunikation und Sinnvermittlung essentiell.

Abschluss mit Perspektive

Korpskommandant Süssli bedankte sich zum Schluss für die ehrliche Kritik und betonte, dass er den von ihm angestrebten Kulturwandel erstmals und sehr positiv erleben durfte. Er lobte den Kommandanten subsidiärer Einsatz für seinen Mut und seine Bereitschaft, sich den Belangen der Kommandanten angenommen und bereits unmittelbare Lösungsansätze präsentiert zu haben. Dieser wies trotz des positiven Verlaufs der Pandemie darauf hin, dass die Situation noch nicht ausgestanden sei.

Korpskommandant Schellenberg legte das Versprechen ab, die gewonnenen Erkenntnisse in den übergeordneten Aktionsnachbereitungsprozess einfliessen zu lassen und die Resultate den Kommandanten wieder zurückzuspielen. Am «After Action Review» in der Guisankaserne zeigte sich am Ende des Tages, wie durch konstruktive Zusammenarbeit der Weg offen ist für eine adaptive und lernende Armee, die sich auch für die Zukunft wappnet.

Fotos

CORONA 20