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Departementschefin Viola Amherd im Interview mit SWISSINT

Im Interview mit SWISSINT spricht Departementschefin Viola Amherd über ihren Wunsch, das Schweizer Engagement in der militärischen Friedensförderung auszubauen. Sie erklärt, dass sie Schwerpunkte auf qualitativ hochwertige und stark gefragte Leistungen setzen will und warum sie den Einsatz von mehr Frauen in der Friedensförderung sowie in der Armee im Allgemeinen für wichtig hält.

15.01.2020 | Kommunikation SWISSINT

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In Bosnien-Herzegowina besuchte Bundesrätin Viola Amherd auch Mostar und schritt über die berühmte Brücke «Stari Most», welche seit dem Krieg die Stadt symbolisch in einen bosno-kroatischen und einen bosniakischen Teil trennt.

Die Friedensförderung ist einer der drei Armeeaufträge. Wie wichtig ist Ihnen die mili­tärische Friedensförderung?

Militärische Friedensförderung ist mir sehr wichtig. Ich erachte sie als vollwertigen Auftrag, nicht als «Neben- oder Alibi-Auftrag» der Armee. Mein Ziel ist klar, das Engagement in die­sem Bereich zu verstärken. Deshalb habe ich auch einen Bericht in Auftrag gegeben, der aufzeigen soll, wo und wie wir die militärische Friedensförderung künftig ausbauen können. Dieser Bericht soll bis im Sommer 2020 vorliegen.

Setzten Sie sich bereits vor Ihrem Amtsantritt als Bundesrätin mit der militärischen Friedensförderung auseinander?

Die Armee war nicht mein Schwerpunkt als Parlamentarierin. Ich war auch nicht in den Kommissionen, die sich mit den Themen des VBS beschäftigen. Aber natürlich habe ich als Parlamentarierin zum Beispiel den Mandaten der SWISSCOY zugestimmt, und dazu gehörte auch für mich eine solide Vorbereitung.

Im Mai 2019 besuchten Sie mit einer Delegation die SWISSCOY im Kosovo und die EUFOR in Bosnien-Herzegowina. Welchen Eindruck hatten Sie vom Schweizer Engagement?

Das Engagement der Personen und die Qualität der Arbeit vor Ort haben mich sehr beein­druckt. Nicht, dass mich das überrascht hätte. Aber es war für mich hochinteressant, mich mit den Menschen auszutauschen, die dort tagtäglich im Einsatz sind, und alles hautnah mit­zuerleben.

Gab es ein Erlebnis, das Sie besonders beeindruckt hat?

Ich denke immer wieder an die Austerlitz-Brücke in Mitrovica. Eine etwa 100 Meter lange Brücke trennt zwei Welten: Auf der einen Seite leben Kosovo-Albanerinnen und Kosovo-Al­baner, auf der anderen Seite die serbische Minderheit. Auf der einen Seite wird vorwiegend albanisch gesprochen, auf der anderen serbisch. Ein ähnliches Bild habe ich in Bosnien-Her­zegowina bei meinem Besuch der Mission ALTHEA der European Union Force in Mostar ge­sehen. Auch hier wurde eine Brücke mit der Absicht gebaut, die Menschen zu vereinen – doch heute steht sie leider symbolisch für deren Trennung. Diese Bilder haben mir gezeigt, dass die Lage vor Ort noch immer unsicher ist und es die internationale Zusammenarbeit braucht. In der militärischen Friedensförderung gibt es noch viel zu tun.

Haben Sie vor, weitere Einsatzgebiete zu besuchen?

Ja, denn es ist wichtig, selber einen Augenschein vor Ort zu nehmen und ein klares Bild der Verhältnisse zu erhalten. Nur so kann ich mich für die Friedensförderung einsetzen und diese in der Politik glaubwürdig und überzeugend vertreten. Ich werde gerne auch einmal unsere Schweizer Armeeangehörigen auf der koreanischen Halbinsel besuchen. Diese be­finden sich an einem für die internationale Sicherheit und Stabilität hoch relevanten, expo­nierten Ort. Die Präsenz und Arbeit unserer Leute dort ist deshalb zweifellos sehr wichtig.

In welchen Bereichen der internationalen Friedensförderung kann sich die Schweizer Armee auch in Zukunft gewinnbringend für alle Seiten engagieren?

Wir sollten weiterhin vor allem auf qualitativ hochwertige und stark gefragte Leistungen zum Beispiel in den Bereichen Aufklärung, Logistik, Genie oder Ausbildungsunterstützung setzen. Hier liegen unsere Stärken. Wir sind heute mit unseren Beiträgen auf der richtigen Linie, kön­nen diese aber noch verstärken. Dank unserem Milizsystem haben wir sehr gut ausgebil­dete, auch sprachgewandte Personen, die sich in einem militärisch-zivilen Umfeld ausge­zeichnet bewegen können und sich überall zurechtfinden. Wie ich im Kosovo oder in Bos­nien-Herzegowina gesehen habe, ist das heute besonders gefragt. Die Liaison and Monito­ring Teams, respektive die Liaison and Observation Teams, bewegen sich mit der Bevölke­rung, pflegen den Dialog mit ihr und erfahren so mehr über die Sorgen und alltäglichen Probleme der Menschen vor Ort.

Wo möchten Sie Schwerpunkte setzen?

Den Anteil Frauen weiter zu erhöhen, ist sicherlich ein wichtiges Ziel für mich. Er ist in der Friedensförderung ja erfreulicherweise schon deutlich höher als in anderen Bereichen der Armee. So verzeichnen wir bei den Auslandeinsätzen der SWISSCOY einen Frauenanteil von bis zu 20 Prozent. Betrachtet man die Zahlen für die gesamte Schweizer Armee, so sind es gerade mal rund 0,8 Prozent Frauen. Dieser Unterschied hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass die Einsätze zugunsten der Friedensförderung als besonders sinnvoll wahrge­nommen werden. Ich möchte aber noch mehr Frauen für die Friedensförderung motivieren. Ich bin überzeugt, dass sie wertvolle Arbeit und Impulse einbringen können, auch das hat mir der Besuch auf dem Balkan bestätigt.

Welchen Mehrwert für die Schweizer Armee sehen Sie in der militärischen Friedensförde­rung?

Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, Einsatzerfahrung zu sammeln. Es geht einerseits um Erfahrungen für den einzelnen Armeeangehörigen, andererseits für das System als Gan­zes. Zudem können wir mit Friedensförderung auch die Zusammenarbeit mit anderen Staa­ten und Streitkräften üben und leben. Auch das halte ich für zentral. Wir wollen eine Armee, die fähig ist, mit den Armeen unserer Partnerländer zu kooperieren. Gerade dafür sind sol­che Einsätze – neben gemeinsamen Übungen – natürlich besonders wertvoll. Und schliess­lich ist es auch eine Möglichkeit für die Armee, sich in einem internationalen Umfeld zu zei­gen, ihre Leistungsfähigkeit und Qualität unter Beweis zu stellen. Hier kann auch der direkte Vergleich mit anderen nützlich sein. Das gibt wichtige Impulse für die eigenen Überlegun­gen und Planungen. Die Schweiz kann mit der Friedensförderung einen Beitrag an die inter­nationale Gemeinschaft leisten.

Zurzeit wird diskutiert, ob Frauen ohne Rekrutenschule, aber mit einem friedensfördernden Einsatz im Lebenslauf in die Milizarmee integriert werden können. Befürworten Sie diese Diskussion?

Es ist mein erklärtes Ziel, den Frauenanteil in der Armee substanziell zu erhöhen. Dabei geht es mir hier um Grundsätzliches. Ich halte einen höheren Anteil Frauen für die Frauen sel­ber, aber auch für die Armee für wichtig. Die Armee sollte nicht nur aus der einen Hälfte der Gesellschaft bestehen, sondern deren Abbild sein. Ich bin überzeugt, dass Frauen wichtige Beiträge für das Funktionieren, das Wesen und das Betriebsklima der Armee leisten und dies positiv, ja sehr positiv für alle ist. Auch in der Wirtschaft ist inzwischen allen klar, dass gemischte Teams effizienter und innovativer arbeiten. Ich bin hier deshalb offen für Ideen. Diese dürfen – sie sollen sogar – kreativ und unkonventionell sein. Auch hier habe ich Arbei­ten in Auftrag gegeben, um Möglichkeiten und Lösungen aufzuzeigen, wie wir den Anteil Frauen erhöhen können.

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