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«Persönliche Begegnungen sind Highlights im Leben eines Divisionärs»

Divisionär Lucas Caduff ist Kommandant der Territorialdivision 3. Im Interview mit CUMINAIVEL erzählt er, wie wichtig Mensch und Mittel sind – und warnt: Die Einsatzbereitschaft steht auf dem Spiel!

17.05.2022 | CUMINAIVEL | ft


Domleschg, im Büro des Kommandanten der Territorialdivision 3 (Ter Div 3). Die Türe steht offen. Es ist ein kleiner Raum. Der Blick aus dem Fenster unspektakulär. Mit einem freundlichen Lachen begrüsst Lucas Caduff meinen Fotografen und mich. Handschlag, die Frage «wie geht’s», ein kurzer Willkommens-Smalltalk. Für das Fotoshooting gehen wir nach draussen auf den Parkplatz. Der Kommandant öffnet sein Auto, holt einen Kamm hervor, richtet seine Frisur. «Jetzt könnte ich mich schon fast als Bachelor melden», sagt Caduff. Wir lachen. Die Stimmung ist gut. Dann das Fotoshooting. Hinstehen, einmal Lächeln, flash, passt. Resultat siehe oben.

Wieder zurück im Büro setzen wir uns. Herr Caduff, Sie haben eine erfolgreiche militärische Karriere hinter sich. Nennen Sie drei Stichworte, die Ihnen bis heute wichtig sind.

Mensch, Können und Mittel.

Der Mensch zuerst…

Ganz klar. Ohne Mensch passiert logischerweise nichts. Er bringt das Können mit. Das ist die Voraussetzung. Wenn kein Know-how vorhanden ist, dann brauchen wir auch keine Mittel zur Verfügung zu stellen. Voilà. Ein Zweites möchte ich erwähnen: Die Menschlichkeit. Was bringt es, wenn die AdA untereinander keine Kameradschaft pflegen und sich gegenseitig nicht helfen? Gar nichts! Es geht darum, gemeinsam stark zu sein. Auf Rätoromanisch heisst es: In per tuts, tuts per in. Einer für alle, alle für einen. Daran haben wir uns zu halten, egal wer welchen Grad besitzt. Solche und andere Werte sind wichtig.

Welche anderen Werte?

Es gibt viele. Ein ganz wichtiger Wert ist für mich das Eingehen auf die Bedürfnisse der Menschen. Dazu gehört nicht zuletzt das menschenorientierte Führen. Andere wichtige Werte sind das Fachlich-überzeugend-sein oder das glaubwürdige Auftreten. Diese Werte vertrete ich als Kommandant und bringe sie in die Ter Div 3 hinein. Und ich hoffe, dass meine AdA diese Werte ebenfalls leben.

Schon, aber werden Sie konkreter. Was für Know-hows sollen die AdA in die Ter Div 3 mitbringen?

Zuerst geht es darum, den Sinn in der Sache zu sehen. Wenn Sie ein Ziel verfolgen, dann steht dahinter auch immer ein Sinn. Ein Ziel ohne Sinn macht keinen Sinn. Das ist der erste Punkt. Es folgt die Fähigkeit den Gesamtrahmen sehen zu können. Hier verlange ich von meinen AdA, dass sie über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Gerade in einer Territorialdivision ist dies von Bedeutung. Wir arbeiten mit verschiedenen Partnern zusammen, sei das militärintern oder mit Behörden wie etwa den Kantonen. Weiter versuchen wir unsere AdA dort einzusetzen, wo sie ihr Know-how zu 100 Prozent einsetzen können. Macht doch Sinn, oder? Hier sind wir wieder bei Punkt eins.

Einsetzen wo es Sinn macht, sagten Sie. Machen Sie ein Beispiel.

Ganz einfach. Wenn ich den Truppenkoch in einen Panzer stecke, kommt das ziemlich sicher nicht gut. Heisst: Der Truppenkoch hat den Auftrag, die Leute zu verpflegen. Dafür ist er ausgebildet und bringt das nötige Know-how mit. Wir müssen also dafür sorgen, dass jede und jeder seinen richtigen Platz in der Armee findet. Alles andere wäre völlig kontraproduktiv. Vor allem auch im Hinblick auf Leistung und Ressourcen. Beides soll in Einklang stehen. Deshalb setzen wir bei Ausbildung und Schulung unter anderem auf Mittel, die im Zivilen ebenso genutzt werden und mit denen sich die Leute auskennen. Hier schaffen wir eine Win-win-Situation für Mensch und Armee. Gleichzeitig erhalten wir eine top Leistung von unseren AdA.

Stichwort «Ressourcen». Es ist bekannt, dass das Militär langfristig zu wenig Personal haben wird. Schon vor zwei Jahren warnte der Armeechef, dass bald jeder vierte Soldat fehlen wird. Wie sieht es in der Personalabteilung der Ter Div 3 aus?

In der Tat hat das Militär zu wenige AdA. Ein voller Personalbestand wäre jedoch die Bedingung, um das Land verteidigen zu können. Aber nicht nur in Bezug auf die Verteidigung braucht es mehr Personalstärke, auch bei sogenannten subsidiären Einsätzen wie etwa nach Naturkatastrophen oder bei der Unterstützung von Anlässen ist die Armee gefragt. Ein gutes Beispiel ist das WEF. Was wir hier tun, ist nur möglich, wenn genügend AdA vorhanden sind. Auf den zweiten Teil ihrer Frage, also wie es konkret in der Ter Div 3 aussieht, kann ich so antworten: Die Division ist heute zahlenmässig gut alimentiert. Und doch blicke ich mit ein wenig Sorge in die kommende Zeit. Grund sind die immer kleineren Truppenbestände, die in den FDT einrücken. Warum? Weil auch in der Ter Div 3 viele AdA ihre Diensttage bereits aufgebraucht haben oder sie bald aufbrauchen werden. Eine Konsequenz davon ist unter anderem, dass AdA mit wichtigen Schlüsselfunktion nicht mehr aufgeboten werden können. Dies und anderes erschwert die Abläufe und Planungen ungemein.

Sie machen sich Sorgen…

Ja. Ohne AdA keine Armee. Hier schaue ich tatsächlich mit einem etwas kritischen Blick hin. Abgesehen davon sind kritische Blicke nichts Schlechtes. Ich bin aber davon überzeugt, dass langsam auch die politische Einsicht zurückkehrt, dass eine starke Armee wichtig ist. Dies liegt wohl an der momentanen internationalen Lage mit dem Krieg in Europa. Der Anspruch sich im Ernstfall verteidigen zu können, wird zunehmend ernst genommen. Ich erkenne zudem in der Politik vermehrt den Willen, der Armee mehr Mittel zur Verfügung zu stellen. Nur so können die in den letzten Jahren und Jahrzehnten entstandenen materiellen Lücken wieder einigermassen zielgerichtet geschlossen werden. Ich wiederhole mich: Materiell ist die Einsatzbereitschaft des Schweizer Militärs derzeit nicht gegeben. Das muss sich ändern.

Eine klare Erwartungshaltung Ihrerseits an die Politik.

Als Kommandant einer Territorialdivision darf ich eine gewisse Erwartungshaltung kundtun. Schliesslich trage ich die Verantwortung, dass wir unsere Aufgaben erfüllen. Ich erwarte von der Politik, dass sie uns die nötigen Ressourcen dazu gibt.

Lassen wir die Politik. Wie geht es Ihrer Ter Div 3 sonst so?

Ich bin sehr zufrieden. Meine Soldaten und mein Kader machen einen super Job. Das sage ich meinen Leuten auch. Schon ein kleines Lob ist Nährboden für die Motivation der Truppe. Es ist halt wie überall: Es steht und fällt mit den Menschen. In der Ter Div 3 hat es sehr gute Leute. Das sage ich nicht einfach so, sondern ich erlebe es Tag für Tag.

Das macht Sie stolz…

Ja, das macht mich stolz. Wenn ich am Abend auf dem Nachhauseweg sagen kann, dass wir heute etwas Gutes für unser Land und für unsere Bevölkerung getan haben, dann bin ich glücklich und stolz auf meine AdA.

Gibt es auch einen unglücklichen Lucas Caduff?

Haben Sie mich schon einmal unglücklich erlebt?

Eben bei der Kaffeemaschine. Dass dort der Wachmacher in sehr gemütlichem Tempo in den Becher tropft, machte Sie ein wenig unglücklich, nicht?

(lacht) Das hat nichts mit Unglücklichsein zu tun, sondern vielmehr mit Zeitverschwendung. Heute hat übrigens einer meiner Söhne Geburtstag. Deshalb möchte ich am Abend früher zuhause sein. Doch diese langsame Kaffeemaschine hält mich auf. Sie sollte pensioniert werden (lacht).

Wenn wir schon bei den Maschinen sind. Wie ist die Ter Div 3 diesbezüglich aufgestellt?

Bezüglich Kaffeemaschinen? Nein, Spass bei Seite. Hier zeigt sich ein ähnliches Bild wie beim Personal. Uns fehlen gewisse Mittel.

Mittel um den Auftrag erfüllen zu können?

Genau. Ich frage Sie: Wenn Sie ein Bild von der Armee zeichnen, was malen Sie?

Männer in grün mit Helm und Gewehr.

Eben. Aber schauen Sie. Das Militär besteht nicht nur aus Kampftruppen, wie auf Ihrem Bild. Zur Armee gehören auch Logistik, Führungsunterstützung, Ausbildung etc. All das muss ausgerüstet sein. Doch das ist nicht der Fall, was die Auftragserfüllung erschwert.

Apropos «Auftragserfüllung». Zum Auftragsbuch der Ter Div 3 gehört der sogenannte Assistenzdienst am WEF. Was steht sonst noch an?

Sie meinen, was die Aufträge der Ter Div 3 sind?

Richtig, vielleicht geben Sie uns einige Beispiele.

Also, der Auftrag einer Territorialdivision kann als Trilogie zusammengefasst werden.

Wie? Triller?

Das vielleicht auch manchmal (lacht). Mit Trilogie meine ich den Dreischritt von: Kämpfen, Schützen, Helfen. Die beiden letzten Punkte gehören zu den Kernaufgaben einer Territorialdivision. So war die Ter Div 3 unter anderem nach dem Bergsturz in Bondo im August 2017 im Einsatz. Weitere Beispiele sind Waldbrandbekämpfung, Grenzschutzunterstützung oder unsere Dienste bei nationalen und internationalen Anlässen wie etwa jetzt am WEF oder die anstehende Ukraine-Konferenz Anfang Juli in Lugano. Die Territorialdivision ist quasi die Partnerin von Behörden und Organisationen.

Die Ter Div 3 wird also von Behörden und Organisationen um Unterstützung angefragt?

So ist es. Nehmen wir als Beispiel den Kanton Graubünden. Braucht er unsere Hilfe, stellt er sogenannte Leistungsbegehren. Dafür muss der Kanton nachweisen, dass die zivilen Mittel für die Auftragserfüllung erschöpft sind. Bei einem Waldbrand etwa werden immer zuerst die Löschhelikopter ziviler Unternehmen aufgeboten. Reichen diese nicht aus, kann der Kanton bei der Territorialdivision um zusätzliche militärische Helikopter anfragen. Wir klären ab, ob das Gesuch gerechtfertigt ist und mit welchen Mitteln wir die Aufgabe anpacken. Anschliessend befehle ich die aufgebotenen Truppen in den Raum. Dort erfüllen sie die Aufträge, welche der Kanton vorgibt.

Vom Formellen jetzt zu etwas mehr Persönlichem. Sie haben heute Mittag mit der Truppe gegessen. Und das nicht am Offizierstisch, sondern mittendrin bei den Soldaten.

Das sind für mich schöne Momente im Leben eines Divisionärs. Ich finde es sehr bereichernd, wenn ich gemeinsam mit der Truppe sein darf. Die Gespräche mit den Soldaten sind enorm wichtig. Ich lerne dabei den Menschen in der Uniform besser kennen und frage, wie es ihm geht, von wo er kommt, was er macht und kann, wie er sich fühlt und wie es mit der Kameradschaft steht. Ich bin für alle da, ob Truppenkoch, Fahrer, Betriebssoldat, Kompaniekommandant. Kurzum: Die persönlichen Begegnungen sind Highlights im Leben eines Divisionärs.

Herr Divisionär, kommen wir langsam zum Schluss unseres Gesprächs und damit zum Blick in die Zukunft. Was wünschen Sie sich für die Ter Div 3?

Der Ter Div 3 wünsche ich weiterhin gleichstarken Rückhalt und Akzeptanz bei unseren Partnern und bei der Bevölkerung. Dem Kader und den Soldaten wünsche ich, dass sie wie bis anhin zielgerichtet arbeiten und dadurch die Glaubwürdigkeit der Ter Div 3 erhalten bleibt. Zudem wünsche ich der Division, dass sie an den geschaffenen Voraussetzungen festhält. Sie ebnen den Weg für die richtigen Schritte in eine erfolgreiche Zukunft.

Und für Sie? Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir noch viele spannende, interessante und unvergessliche Begegnungen mit Soldaten und Kader. Auch wünsche ich mir, dass ich in meinem letzten Kommandojahr Vollgas spüre und gebe. Hoffentlich darf ich noch viele kameradschaftliche Momente erleben und geniessen. Und zu guter Letzt wünsche ich mir ganz persönlich einen friktionslosen Übergang vom Divisionär zum Pensionär.

Danke für das Gespräch.

Gerne. Nehmen Sie auch einen Kaffee? (lacht).


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