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Der Weg ist noch kein Ziel

WK-Soldaten tauschen für 3 Wochen ihr ziviles Leben gegen ein militärisches Umfeld. In einer losen Reihe versucht sich Cuminaivel verschiedenen Phänomenen im Alltag eines Miliz-Soldaten anzunähern. Heute: Teil 1 – der Arbeitsweg.

17.01.2020 | CUMINAIVEL | sf

Militärischer Alltag: Die Anreise

 

Schoggi, Fondue, Miliz-System – die drei heiligen Pfeiler, auf die sich die Identität unserer Willensnation gründet. Besonders auf letzteres sind wir stolz, ist es doch eine der Ingredienzien, die unsere Institutionen vor Fachidiotie bewahrt und unser demokratisches System so einzigartig macht. Das gilt nicht nur für Politik und Feuerwehr, sondern auch für die Armee, in der sich die militärische Truppenkultur mit der zivilen Lebensrealität der Armeeangehörigen harmonisch zu einer untrennbaren Einheit verbindet, zu einer einzigartigen Symbiose von Kasernendrill und Berufsalltag.

Könnte man meinen. Denn wenn man genau hinschaut und sich mit minutiöser Sorgfalt dem täglichen Leben eines Soldaten widmet, erkennt man doch minime Abweichungen zu jenem des gemeinen Zivilisten.

Das beginnt schon unmittelbar vor dem Dienst. Während sich der urbane Student morgens um 13 Uhr auf sein Rad bequemt, um einer zweistündigen Vorlesung zu lauschen, und dabei allenfalls mit Jutebeutelchen und Bauchtäschchen bepackt ist, wird der Dienstbefohlene zu einer Zeit aus dem Schlaf gerissen, als sich der Morgen noch nicht einmal zu dämmern traut, um sich der dreiwöchigen Pflicht zu stellen. Und von der Bagage haben wir noch gar nicht gesprochen.

Hat man nämlich einen Weg gefunden, Rolli, Effektentasche, Tagesrucksack und Gewehr so zu sortieren, dass man mit einer Hand noch das Natel bedienen kann, gehen die Probleme erst richtig los: Wie steigt man jetzt ins Tram, ohne seine Würde zu verlieren? Auf keinen Fall in zwei Anläufen, das wäre ein Zeichen körperlicher Schwäche. Also wuchtet man den Rolli mit einem Ruck ins Innere – natürlich nicht ohne ihn je zweimal an Tür und Geländer zu schlagen –, während einem die nach vorne schwingende EF-Tasche das Natel aus der Hand schlägt und der Gewehrbändel derart in den Nacken einschneidet, dass man aussieht, als hätte man die Nacht mit Fesselspielen verbracht. Spätestens dann kann man sich der missmutigen Blicke des gesamten Wagens sicher sein.

Verzweifelt sehnt man sich nach den geräumigen Wagen der SBB-Waggons, und eine Woge der Freude durchströmt einen bei dem Gedanken an die unendlichen Weiten der Intercitys. Jauchzend und frohlockend, wie ein freigelassener Mustang nach Jahren in der Knechtschaft des Zaumzeugs, rennt man dann ins Zugabteil, reisst sich das Gewehr vom Leib und wirft es von sich, soweit es das Reglement erlaubt. Das Trauma überwunden, fällt man seinen Kameraden in die Arme und fläzt sich auf den Rollkoffern, Schlafsäcken, Taschen und Kampfrucksäcken, die auch den härtesten Zugboden zum Himmelbett werden lassen. Und stimmt sich ein in den WK, der gerade so richtig begonnen hat.