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„Ich werde die Leute vermissen“

Nach zwölf Jahren als Brigadier und Divisionär geht Hans-Peter Kellerhals, Kommandant der Territorialdivision 4, in Pension. Im Interview sagt er, worauf er sich im neuen Lebensabschnitt freut, was ihm bei der Armee Sorgen macht und erklärt, warum er auch als hoher Offizier die Bodenhaftung nie verloren hat.

30.06.2018 | Ter Div 4

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Herr Divisionär, bald gehen Sie in Pension. Müssen Sie nun als erstes Zivilkleider kaufen?

Nein, davon habe ich genug. Aber ich freue mich, dass ich nun auch andere Farben als grün tragen darf (lacht).


Mit welchen Gefühlen verlassen Sie die Armee?

Ich freue mich, dass ich meinen Ruhestand gesund antreten kann und gehe zuversichtlich in den neuen Lebensabschnitt. Frust verspüre ich nicht. Immerhin durfte ich zwölf Jahre lang als Brigadier und Divisionär einen grossen Verband führen. Das ist der schönste Job in der Armee.


Wehmut kommt keine auf?

Doch. Wenn ich an meine Verabschiedung im Landesmuseum in Zürich denke: Dort hatte ich die Tränen zuvorderst. Es erfüllt mich auch mit Wehmut, wenn ich mich erinnere, mit welcher Energie und Begeisterung etwa die Soldaten und Kader des Inf Bat 65 kürzlich die Übung „Fantassin“ bestanden haben. Oder etwa das „Glarner  85“ in der Übung „Skill“. Das waren motivierte und gut geführte Verbände. Diese Leute werde ich vermissen.


Als Divisionär lag Ihnen das Wohl der Truppe am Herzen. Das ist nicht selbstverständlich in dieser Funktion.

Die Zeiten haben sich geändert. Als ich in den 1970er-Jahren Soldat und Leutnant war, wurde man manchmal noch angebrüllt und es herrschte der Glaube, dass ein Chef alles korrigieren müsse. Heute ist für mich klar, dass ich einem Geniesoldaten nicht zu erklären brauche, wie er eine Brücke bauen muss. Ich bin zwar Divisionär, er bringt in seinem Bereich aber die Fachkompetenz mit . Mein Job ist ein anderer, aber es braucht sowohl den Soldaten als auch den Divisionär. „Kümmern, bevor es Kummer macht“, war immer mein Motto. Es gibt in der Armee leider noch immer Offiziere, die das nicht gemerkt wollen. Die muss man dann etwas „coachen“.


Wie erklären Sie sich, dass dies nicht alle Offiziere so sehen?

Je höher man im Rang steigt, je mehr Sterne man auf der Schulter trägt, desto grösser wird die Gefahr von Machtmissbrauch. Wenn meine Untergebenen alle meine Vorschläge und Ideen einfach abnicken weil ich Divisionär bin, besteht die Gefahr abzuheben. Es braucht eine gute Portion Demut, um dem entgegen zu wirken.


Wie haben Sie sich diese Demut geholt?

Ich habe mir immer wieder meine Verantwortung vor Augen geführt. Ich habe etwa die Aufgabe, im Katastrophenfall militärische Mittel zur Unterstützung der Zivilbevölkerung in den Einsatz zu bringen. Ich habe mich immer genau hinterfragt, ob wir dieses Versprechen gegenüber der Öffentlichkeit auch halten können. Es reicht nicht, wenn alle sagen, dass es im Ernstfall dann schon klappen wird.


In welchem Zustand ist die Armee, die Sie nun verlassen?

Mit wenigen Ausnahmen ist die Motivation in der Ter Div 4 sehr gut. Sorgen macht mir hingegen der Alimentierungsgrad der Truppe. Wir können nicht mit 65 Prozent des Sollbestandes an Soldaten einen WK durchführen. Auch die vollständige Ausrüstung ist ein schwieriges Thema. Ich frage mich, ob jedes Inf Bat wirklich vollständig und gleich ausgerüstet sein muss, oder ob man in Sachen Ausrüstung zwischen Schutz-, Kampf- und Unterstützungsaufgaben unterscheiden könnte. Auch die Entwicklung in Fragen der Taktik und der Operation macht mir Sorgen. Und dann noch: Wir pflegen immer noch eine Befehls- statt einer Auftragstaktik. Man hört zu wenig auf die Leute.


Sie sind bekannt dafür, dass Sie in Bern öfter für rote Köpfe gesorgt haben.

Das habe ich nie böse gemeint. Die Militärverwaltung arbeitet bestimmt nach bestem Wissen und Gewissen. Sie verliert aber manchmal den Fokus. Wenn ich „Diversität“ als Ziel bekomme und damit gemeint ist, dass ich alle Randgruppen gleich behandle, frage ich mich, ob das nun wirklich vordringlich ist. Für mich war eine faire Behandlung aller  immer ganz selbstverständlich.


Bern hat nun Ruhe vor Ihnen. Was machen Sie nach der Karriere?

Ich ziehe von Thun nach Appenzell. Dort suche ich mir eine Liegenschaft, die ich mitgestalten kann. Die letzte Zeit war streng und ich arbeitete regelmässig über 70 Stunden die Woche. Ich will nun zur Ruhe kommen, mehr Sport treiben und reisen. Zudem möchte ich wieder ehrenamtlich tätig werden, in welchem Bereich weiss ich noch nicht. Ich bin alleinstehend und in den vergangenen Jahren waren viele meiner Kontakte berufsbedingt. Ich werde nun wieder mehr Zeit für meine Freunde haben und diese Beziehungen pflegen. Panik, dass ich zu viel alleine bin, habe ich aber nicht.