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«Dank dem Sport bewältige ich auch den Alltag leichter»

Para cycling ist die Sportart, die Roger Bolliger auf Weltniveau ausübt. Der 44-Jährige aus Bottenwil AG war früher elf Jahre Käser in Walde/Schmidrued und verlor bei einem Arbeitsunfall den rechten Oberschenkel. Heute ist er der erfolgreichste stehende Radfahrer der Schweiz und der erste Behindertensportler, der von der Armee mit Spitzensport-WK-Tagen bei seinem Sport unterstützt wird.

24.01.2019 | Kurt Henauer

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Roger Bolliger bei einem Strassenrennen (im blau-roten Trikot).

«Hast du einmal Militär gemacht?», diese Frage stellte René Ahlmann, damals Kommandant des Kompetenzzentrums Sport der Armee, Roger Bolliger vor einigen Monaten bei einem Bahnrennen im Velodrome in Grenchen. Der oberschenkelamputierte Standing-Radfahrer konnte diese Frage mit Ja beantworten; es war der Beginn seiner Re-Militarisierung, nachdem er nach dem Unfall im Jahr 2002 als militärdienstuntauglich erklärt worden war. Die Rekrutenschule und vier WKs hatte Bolliger bis dahin absolviert. Nach dem Aufenthalt in der Reha-Klinik Bellikon begann er 2004 mit dem Behindertensport. Mittlerweile ist er mehrfacher WM-Teilnehmer und Paralympionike (Rio de Janeiro 2016). Er brachte also die sportlichen Voraussetzungen mit, um als Sportsoldat in die Schweizer Armee eingeteilt zu werden. Zur Remilitarisierung von Bolliger sagt Korpskommandant und Ausbildungschef Daniel Baumgartner: «Wir wollen damit ein Zeichen setzen, zeigen, dass wir uns für unsere Soldaten und Kader einsetzen, auch wenn sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Dienst leisten dürfen.»

 

Viel Überzeugungsarbeit

Bis der Standing-Radfahrer wieder in der Armee eingeteilt war, galt es einige Überzeugungsarbeit zu leisten. «Wir mussten zwei Hürden überwinden», sagt dazu Brigadier Stefan Christen, Kommandant Lehrverband Genie/Rettung/ABC, zu dem die Sportsoldaten gehören. «Einerseits ging es darum, den militärärztlichen Bereich von unserer Idee zu überzeugen, weil nur dieser den Entscheid «tauglich» oder «untauglich» fällen kann. Andererseits galt es, die Militärversicherung ins Boot zu holen, die Roger Bolliger wieder aufnehmen musste.» Der Divisionär und Oberfeldarzt Andreas Stettbacher unterstützte die Wiederaufnahme von militärärztlicher Seite her unbürokratisch. «In seiner Funktion als oberster Militärarzt sah er unser Bestreben und leitete die nötigen Schritte ein, um Roger Bolliger tauglich zu schreiben. Dies war die Voraussetzung, dass die Militärversicherung ihn aufnehmen konnte», sagt dazu Christen. «Wir sind stolz, dass uns das gelungen ist, und Roger Bolliger nun eine Unterstützung geben können. Der erste Sportsoldat mit einer Behinderung soll zeigen, dass auch mit einem Handicap Spitzenleistungen möglich sind, und dass sich die Armee um ihre Soldaten kümmert, auch wenn sie Schicksalsschläge durchlebt haben», so Christen weiter. «Roger Bolliger ist ein Botschafter für unsere Werte.»

 

Im Therapieraum hing ein Bild

Roger Bolliger betrieb vor seinem Unfall Sportarten wie Faustball, Turnen, Aerobic und Volleyball. Aber wie kam er zum Radsport? «In der Rehaklinik trainierte ich viel auf dem Hometrainer, und im Therapieraum hing ein Bild von Beat Schwarzenbach, der 2000 an den Paralympics in Sydney als ebenfalls Oberschenkelamputierter in der 4-km-Verfolgung die Goldmedaille gewonnen hatte. Mein Ehrgeiz war immer noch da, weil ich schon vorher Sport getrieben hatte.» So probierte er auf einem Mountainbike mit Klickpedalen, ob das Radfahren geht. «2004 las ich dann in einer Zeitung, dass in Gippingen ein Behindertenrennen im Programm steht und ich ging an den Start.» So wurde der damalige Plusport-Nationaltrainer Daniel Huwyler auf ihn aufmerksam und der Weg in die Standing-Radkarriere und ins Schweizer Nationalteam nahm seinen Lauf.

Sport sei für ihn wie Luft zum Atmen, sagt Roger Bolliger. «Der Sport hilft mir, den Alltag besser zu bewältigen.» Er trainiert bis zu 25 Stunden pro Woche. Mitte Januar reiste er für Training und Wettkämpfe für drei Tage nach Manchester. «In England haben sie im Behindertensport praktisch die gleichen Mittel wie die ‘Fussgänger’» schwärmt er von den Bedingungen auf der Insel. «In diese Richtung muss es in der Schweiz auch gehen», so Bolliger. Immerhin konnte auch der frühere Radprofi Daniel Hirs, der heutige Para-Cycling Nationaltrainer, militarisiert werden. Er wurde 2017 von der Schweizer Paraplegikervereinigung und Plusport im Hinblick auf Tokio 2020 angestellt und kann auch Spitzensport-WK-Tage leisten.

 

Am stärksten benachteiligt

Roger Bolliger fährt in der Kategorie C2, insgesamt gibt es für die Radfahrer fünf Kategorien. «Der Weltverband UCI will grosse Felder, deshalb fahren auf der Strasse die C1, C2 und C3 zusammen», sagt er dazu. «Als C2 bin ich mit meiner Behinderung am stärksten benachteiligt», sagt er, der einbeinig in die Pedale tritt und sonst eine Prothese trägt. Trotzdem macht er im Training mehrstündige Ausfahrten – auch über Pässe wie Albula und Flüela. Mitte Februar stehen in Grenchen die Selektionsrennen für die WM von Mitte März in Apeldoorn (NED) an. Aber sein grosses Ziel sind die Paralympics 2020 in Tokio. «Vor vier Jahren in Rio habe ich viele Eindrücke gewonnen, das Feuer ist seither nicht erloschen, es brennt», blickt Roger Bolliger voraus. Bis dahin will er sich noch weiter steigern, nicht zuletzt mit der Unterstützung der Armee.

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Roger Bolliger an einer Siegerehrung (2. v. R.)