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Drei Schauspieler zwischen Realität und Irrsinn

In der «Box» des Theaters Luzern wird die Geschichte von Stefan, Konni und Katrin erzählt. Sie leben als Arbeitsgemeinschaft in einer vollautomatisierten Welt, beherrscht von einer künstlichen Intelligenz. Als Tagesaufgabe wollen sie eine Waffe mit Moral als der «besten Waffe der Welt» bauen.

19.03.2020 | Kommunikation HKA, Michelle Steinemann

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Die «Arbeitsgruppe» musste schon elf andere Aufgaben lösen. Dementsprechend sieht das Bühnenbild im Hintergrund aus. Quelle: VBS/DDPS

Stefan hat Mist gebaut. Früher arbeitete er als Programmierer, und hat die Taylor AG, die alles kontrollierende künstliche Intelligenz, mitentwickelt. Die Menschheit wurde in dieses System integriert und mit Aufgaben versehen. Das ist der Inhalt von «Taylor AG», eines aussergewöhnlichen Theaterstückes über eine mögliche Arbeitswelt 4.0 in der «Box» des Luzerner Theaters.

Leider ist Stefan ein Fehler in der Programmierung unterlaufen, der sonst nur Anfängern passiert. Er hat durch eine falsche Zählweise nur die Hälfte der Menschen auf der Welt erfasst. Die andere Hälfte lebt frei in den Wäldern, und es gibt Anzeichen dafür, dass sich diese «Rausprogrammierten» gegen die Menschen auflehnen wollen, die zum System gehören. Zum Selbstschutz will die Arbeitsgemeinschaft von Konni, Stefan und Katrin eine Waffe bauen. Sie soll zwar ihren Zweck erfüllen, aber den Gegner möglichst nicht verletzen. Sie wollen sozusagen eine «Waffe mit Moral» entwickeln – eine knifflige Aufgabe.

Ein Experte wird gerufen

Jede Aufführung in der Box besteht aus einem Teil, in dem die Geschichte der Arbeitsgruppe weitererzählt wird und einem Diskussionsteil. Für diese wird jeweils eine externe Fachperson aus dem Raum Luzern eingeladen. Das führt zu einer erfrischenden Mischung von Schauspielerei, Wissensinput aus unterschiedlichen Bereichen und einer Diskussion.

Da Konni, Katrin und Stefan eine Waffe entwickeln wollten, verlangten sie bei der Taylor AG, dem alles kontrollierenden, selbstlernenden System, Unterstützung. Dieses System schickte den dreien Brigadier Peter Baumgartner, Kommandant Zentralschule, zu Hilfe. Der «echte» Referent des Abends wurde damit zu einem Teil der Inszenierung. Auf Konnis Frage, worauf er denn «programmiert» sei, antwortete er, er sei Experte für Sicherheitspolitik, Krisenmanagment, Führungsausbildung und dafür, eine brauchbare Lösung in der verfügbaren Zeit zu erarbeiten. Baumgartner brachte genau die Kenntnisse ein, die sie für die Entwicklung einer innovativen Waffe brauchen.

Input eines Experten         

In einem ersten Schritt erklärte Baumgartner den ursprünglichen Zweck der Waffe: der Selbstschutz, der Angriff auf Widersacher und die Jagd. Nicht jede Waffe sei aber zum Töten konstruiert, führte Baumgartner aus. Beispiele für nichttödliche Waffen sind Pfeffersprays oder Schlagstöcke, die primär dazu da sind, andere Personen von sich fernzuhalten oder handlungsunfähig zu machen. Baumgartner erklärte, wie die Schweizer Armee ihre Soldaten im Umgang mit Waffen ausbildet. «Unsere Soldaten werden geschult, nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit zu agieren: Nur so viel wie nötig, um den Zweck zu erreichen, und keinesfalls mehr», stellte er klar. Welche Waffe Baumgartner denn als die Allzweckwaffe bezeichnen würde, wollte Stefan von ihm wissen. Auch hier war Baumgartners Antwort klar: «Es gibt nicht ‹die beste Waffe›. Jedes Waffensystem und jede Waffenart ist für ihren Zweck geeignet. Nur im Kampf der verbundenen Waffen kann eine Armee als Gesamtsystem bestehen.»

Die Theaterfolgen spielen in einer Welt, die vollautomatisiert funktioniert und in der die Taylor AG als künstliche Intelligenz alles kontrolliert. In diesem Rahmen kamen die Schauspieler während der Diskussion mit Baumgartner auf Waffen mit künstlicher Intelligenz zu sprechen und wie zukünftig solche selbst agierenden Waffen eingesetzt werden könnten. Baumgartner erklärte, dass die künstliche Intelligenz zwar unterstützen, indem sie dem Menschen Informationsgrundlagen liefern könne. Denn sie sei in der Lage, Daten schneller und mehr Informationen gleichzeitig zu verarbeiten als der Mensch. Allerdings sei es ihr nicht möglich, Täuschungen und Intentionen des Gegners zu lesen und sie könne daher falsche Entscheidungen treffen. Und wenn die drei eine «Waffe mit Moral» entwickeln wollen, müssten sie sich überlegen, was genau diesen moralischen Faktor ausmache. Für Baumgartner lassen sich die Moral und der Mensch nicht voneinander trennen. «Wenn im Umgang mit Waffen moralische Entscheidungen getroffen werden sollen, wird der Mensch immer derjenige sein, der moralische Aspekte in die Entscheidung «Abschuss oder nicht» einbeziehen kann. Eine künstliche Intelligenz darf das nicht übernehmen.»

Kreative Lösung aufgrund der Inputs

Die «Arbeitsgruppe» dankte Baumgartner für dessen Inputs. Dennoch wollte sie eine völlig neue, kreativere, und nicht schädliche Waffe kreieren. Denn es ging immer noch darum, sich vor den «Rausprogrammierten» zu schützen. Die Idee der Theateraufführung war, über den Horizont hinaus zu denken – da waren neue Ansätze gefragt. Zuerst kam der Arbeitsgruppe die Idee, potenzielle Gegner zu beschallen. Denn ein Ton mit einer hohen Frequenz kann unangenehm und schmerzhaft sein. Da die neue Waffe jedoch nicht schaden sollte, entwickelten sie ein Konzept für eine Drohne, die über dem Gegner fliegt und laute Musik abspielt. Deren Melodie ist so eingängig, dass die potenziellen Gegner gar nicht anders können, als zu tanzen – und deshalb nicht mehr angreifen können. Das Team hat sogar einen Plan B ausgearbeitet: Falls die Drohne die gewünschte Wirkung verfehlen sollte, würde es sich als Notlösung mit einer Schleimpistole schützen, um den Gegner handlungsunfähig zu machen.

Um sich selber weiterzubringen, muss man sich in ein ungewohntes Umfeld begeben. Die kritischen Fragen und irrsinnigen Ideen liessen keine Standardantworten zu.

            Brigadier Peter Baumgartner, Kommandant Zentralschule

Ein kreatives Experiment

Das Experiment ist gelungen: Der Mix aus Wissensvermittlung und dem künstlerischen Ansatz hat spannende Diskussionen auf der Bühne ermöglicht. Experte Baumgartner hat es dabei verstanden, den Standpunkt der Schweizer Armee zu vertreten, sich ungewohnten Fragen zu stellen und mit seinen Anregungen und Fachwissen Teil dieses kreativen Experiments zu sein. Ausserhalb der Box zu denken und Neues wagen – auch das ist die Schweizer Armee.