print preview Zurück zur Übersicht Militärakademie an der ETH Zürich

Transparenz in den sozialen Medien: Chance oder Risiko?

Transparenz in den sozialen Medien: Ist diese sinnvoll oder, mindestens für die Armee, ein Widerspruch? Fachleute aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik haben dieses Themenfeld an der Herbsttagung der Militärakademie (MILAK) vom 7. September durchleuchtet. «Wir möchten heute eine Brücke schlagen zwischen Praxis und militärischem Kontext», fasste Brigadier Peter C. Stocker, Kommandant der MILAK, das Ziel der Tagung zusammen.

10.09.2019 | Kommunikation Verteidigung, Franziska Walt

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Das Publikum ist gefordert: Interaktiver Austausch zum Thema Transparenz. Fotos: Dominik Schütz / VBS/DDPS

«Neun von zehn Schweizerinnen und Schweizern nutzen das Internet», führte Tibor Szvircsev Tresch, Dozent für Militärsoziologie an der MILAK, im Auditorium Maximum der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich ins Thema ein. Und bat die Anwesenden sogleich, sich mit ihren Handys auf einer Homepage einzuloggen, um dort interaktiv an der Umfrage «Was verbinde ich mit Transparenz?» teilzunehmen.

Um Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter ging es im ersten Referat. Der Philosoph Vincent F. Hendricks, Direktor des Center for Information and Bubble Studies in Kopenhagen (DK), wies darauf hin, dass im digitalen Zeitalter die Aufmerksamkeit der Konsumentinnen und Konsumenten das Wertvollste sei. Egal, ob es sich um Fakten oder «fake news» handle: «Aufmerksamkeit ist Geld, Einfluss, Status, Macht», so Hendricks. Die Nutzung der sozialen Medien sei für die User nur zum Schein kostenfrei. Wer soziale Medien nutze, sei nicht Kunde oder Kundin, sondern Produkt: Die sozialen Medien verkauften die Aufmerksamkeit des Nutzers an (Werbe-)Partner, welche für die Plattform letztlich aufkommen würden. In einer post-faktischen Ära, in der sich Wahrheit und Lügen in der öffentlichen Meinung oftmals vermengen würden, sei es wichtig, dass öffentlich-rechtliche Medien nicht verschwänden.

Im Zentrum des Referats von Reto Müller, Dozent für Öffentliches Recht an der Universität Basel und der ETH Zürich, standen die demokratischen Grundrechte der Medien-, Informations- und Meinungsäusserungsfreiheit und die daraus erwachsenden Spannungsfelder in Zusammenhang mit Social Media. «Es besteht gesetzgeberischer Handlungsbedarf», resümierte Müller. «Neue Medien sind eine Realität, 'fake news' auch. Regulierungen wirken aus Erfahrung meist besser als Verbote.» Austausch, Widerspruch und Diskurs sollten zur Findung von einheitlichen Richtlinien im Vordergrund stehen.

Zuverlässigkeit schafft Vertrauen – auch in den sozialen Medien

Nach zwei wissenschaftlichen Betrachtungen folgten vier Perspektiven aus der Praxis. «Wir leben in Zeiten der totalen Transparenz. Die Masse und das Tempo, in denen News in den sozialen Medien verbreitet werden, sind für traditionelle Medienhäuser eine grosse Herausforderung.» Ladina Heimgartner, Direktorin Radiotelevisiun Svizra Rumantscha und stellvertretende Generaldirektorin SRG, unterstrich in ihrem Referat, dass die klassischen Medien nicht mehr die Informationshoheit hätten. Für sie sei aber Qualitätsjournalismus nicht verhandelbar. Dank Zuverlässigkeit könne langfristig Vertrauen behalten werden. «Hier haben die SRG und die Schweizer Armee eine Gemeinsamkeit.» Heimgartner sagte, dass Transparenz nicht nur mit Zugänglichkeit zu Informationen für die breite Öffentlichkeit zu tun habe: «Es braucht immer wieder politisches Commitment zu Qualitätsmedien.»

«Was die Wirtschaft von den Kardashians lernen kann», war der Titel von Karin Baltisbergers Beitrag. Die Leiterin Digitales Geschäft der Mobiliar präsentierte drei Thesen, weshalb die fünf Kardashian-Schwestern mit bis zu 148 Millionen Followern (pro Person!) in den sozialen Medien so erfolgreich seien: Erstens würden sie eine gewisse Nähe oder Nahbarkeit suggerieren, zweitens im Dialog mit ihren Followern sein und so Transparenz schaffen und drittens mit altruistischen Tätigkeiten Sinn stiften oder zumindest vorgeben, dies zu tun. «In meinem Unternehmen wenden wir diese drei Thesen erfolgreich in abgewandelter Form an, um Kundschaft auf unsere Social-Media-Kanäle aufmerksam zu machen und zu binden», erklärte Baltisberger.

Mit Social Media Propaganda und Gegenpropaganda

Oberst Juanita Chang, Chief of Public Affairs der US-Armee im Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa, thematisierte Transparenz und soziale Medien in der Armee-Kommunikation. Den US-Streitkräften gehe es vor allem darum, Botschaften zu vermitteln: «Wie wir trainieren, was wir beschützen, was wir unterstützen, wen wir inspirieren: Das sind unsere Botschaften», so Chang. Als taktisches Beispiel nannte sie die Instagram-Auftritte der Taliban und die Gegenmassnahmen der afghanischen Regierung. Mit US-Unterstützung könne die Regierung in Kabul die Taliban-Propaganda in den sozialen Medien mit Fakten widerlegen.

Doris Fiala, Nationalrätin FDP und Mitglied der Parlamentarischen Versammlung am Europarat, schilderte Risiken und Chancen der sozialen Medien aus Sicht der Politik. Die Zivilgesellschaft habe im digitalen Zeitalter mehr Gewicht erhalten, so Fiala, das Fehlverhalten von öffentlichen oder Privatpersonen werde sofort an den Pranger gestellt. Die digitale Kommunikation mache auch verletzlicher: «Wer will sich da noch exponieren? Darunter leidet auch unser Milizsystem», so Fiala. Nur wer das Kommunikationshandwerk beherrsche, sei gewappnet.

100'000 Influencer für die Schweizer Armee

In der abschliessenden Podiumsdiskussion ging Korpskommandant Daniel Baumgartner, Chef Kommando Ausbildung der Schweizer Armee, auf die Chancen und Risiken der Social-Media-Nutzung durch die Schweizer Armee ein. «Wir haben jährlich 100'000 Influencer, nämlich alle, die Dienst leisten», so Baumgartner. Hendricks empfahl, auf Armee-ferne Influencer zu verzichten. Und unterstrich, dass sich jede Organisation, die Social Media nutze, bewusst sein müsse, wen und was sie damit erreichen wolle.

Zum Abschluss der Herbsttagung gab Eva Moehlecke de Baseggio, Leiterin des Forschungsprojektes Social Media an der MILAK, die Umfrageergebnisse im Saal bekannt: Rund 85% der Anwesenden stuften Transparenz in der Schweizer Armee als «wichtig» oder «eher wichtig» ein.