Führen durch Vorbild

In den 30er-Jahren, so die Geschichte, sah sich Mahatma Gandhi einer besonderen Herausforderung gegenüber: Er sollte das Kind einer besorgten Mutter von dessen Zuckersucht heilen.

Der kleine Junge schien bereits dem Zucker verfallen, als seine Mutter beschloss, sich von Gandhi helfen zu lassen. Nach einem langen Fussmarsch unter der brütend heissen Sonne Indiens erreichten Mutter und Sohn endlich die spartanisch eingerichtete Residenz Gandhis. Die Mutter bat Gandhi, dem Sohn ans Herz zu legen, weniger Zucker zu essen, da das schlecht für seine Gesundheit sei. Gandhi erwiderte der Mutter, dass er das leider nicht tun könne, sie aber doch in zwei Wochen erneut kommen solle. Die Mutter, verwirrt und verärgert zugleich, nahm ihren Sohn an die Hand und trat die Rückreise an.

Zwei Wochen später erschienen Mutter und Sohn erneut bei Gandhi. Dieses Mal wurden sie freundlich begrüsst und Gandhi ging direkt auf den Jungen zu. Er lächelte ihn an und sagte ihm: «Kleiner Mann, du sollst nicht so viel Zucker essen. Das ist nicht gut für deine Gesundheit!». Der Junge nickte und versprach dem weisen Mann, künftig weniger Zucker essen zu wollen. Die Mutter staunte nicht schlecht und fragte Gandhi: «Warum haben Sie ihm das nicht bereits vor zwei Wochen gesagt, als wir auch schon hier waren?». Gandhi lächelte und antwortete: «Gnädige Frau, vor zwei Wochen habe ich selber noch zu viel Zucker konsumiert».

Die Geschichte von Gandhi und dem kleinen Jungen zeigt, dass eine gute Einflussnahme und damit Führung nur möglich ist, wenn man die Tugenden selbst auch vorlebt. Und genau das tun die Unteroffiziere der Schweizer Armee. Sie führen durch ihr Vorbild. Kompetent, respektiert und anerkannt.

Kompetenz, Respekt und Anerkennung sind denn auch die tragenden Säulen im Projekt «Vision/Strategie Unteroffizierskorps der Schweizer Armee». Die Armee braucht Unteroffiziere, und zwar starke. Unteroffiziere, die einen lebendigen und dynamischen Korpsgeist haben – und diesen auch vorleben. Denn:

Die Unteroffiziere sind das Rückgrat der Schweizer Armee.

Jeder fünfte Angehörige der Armee ist ein Unteroffizier (Personelles der Armee, 2016), so auch die beiden Adjutant Unteroffiziere Chantal Sempach und Riccardo Pedretti. Diese beiden sowie viele weitere Unteroffiziere leisten in unserer Armee wertvollste Arbeit: Sie sind Betreuer, Ausbilder und Führer der Mannschaft in Personalunion. Sie verfügen über eigene Kompetenz- und Verantwortungsbereiche und bilden an Waffen, Geräten und Fahrzeugen aus. Unbestritten der wichtigste Aspekt ihrer Tätigkeit ist aber die Nähe zur Mannschaft – ob als Betreuer, Ausbilder oder Führer. Es ist deshalb an der Zeit, dass die Unteroffiziere der Schweizer Armee sowohl in Verbänden, der Gesellschaft und auch der Armee selbst bewusster wahrgenommen und gewürdigt werden. Unter der Leitung des mittlerweile in den Ruhestand getretenen ZSU CdA, Chefadjutant Pius Müller, wurde aus diesem Grund das Projekt «Vision/Strategie Unteroffizierskorps der Schweizer Armee» ins Leben gerufen. Unter Einbezug der Zentralpräsidenten aller Unteroffiziersverbände sowie zahlreichen Unteroffizieren aus Miliz- und Berufsfunktionen ist ein Konzept erarbeitet worden, das den Grundstein für das Projekt darstellt.

Sieben Schlüsselprojekte

Die vom amtierenden ZSU CdA, Chefadjutant Jean-François Joye übernommene Arbeitsgruppe stellt sich die Frage, wie die Unteroffiziere der Schweizer Armee besser gefördert werden können, deren Ansehen gestärkt werden kann und deren Aufgaben an Attraktivität gewinnen können. Entstanden ist ein Konzept, das sieben Schlüsselprojekte enthält. Aufgrund der knappen Ressourcen ist entschieden worden, den Schwerpunkt auf folgende drei Schlüsselprojekte zu legen:

  • den Mehrwert der Unteroffiziere in der Gesellschaft und der Wirtschaft aufzeigen
  • die theoretische und praktische Weiterbildung der Unteroffiziere verstärken
  • die spezifische Weiterbildung im Hinblick auf kommende Herausforderungen intensivieren.
     

Die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich dadurch bieten, sind vielfältig: Die Unteroffiziere können beispielsweise die erlernten Fähigkeiten in die Wirtschaft einbringen, durch die Bereitschaft zur Kaderlaufbahn das Korps stärken oder ganz allgemein das vorherrschende Bild des Unteroffiziers positiv beeinflussen.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Bis es soweit ist, wird es allerdings noch eine Weile dauern. In einem ersten Schritt muss sowohl den Unteroffizieren wie auch allen anderen Angehörigen der Armee deutlich gemacht werden, was mit dem Projekt «Vision/Strategie Unteroffizierskorps der Schweizer Armee» gemeint ist. Die Vision muss zwingend in jeder Dienstleistung angesprochen werden. Anschliessend geht es darum, die Vision/Strategie vorzuleben, um klar zu machen, worin die Stärken dieser liegen. Sind die Schlüsselprojekte einmal umgesetzt, geht es um die Überprüfung von Haltung und Verhalten der Unteroffiziere sowie deren Wirkung zugunsten des Unteroffizierkorps. Werden diese Hürden erfolgreich gemeistert, so wird das Projekt «Vision/Strategie Unteroffizierskorps der Schweizer Armee» zahlreiche positive Auswirkungen nach sich ziehen.

Die Umsetzung der Schlüsselprojekte und damit des ganzen Konzepts wird über das Jahr 2018 hinweg andauern. Dennoch sind bereits für das Jahr 2017 konkrete Etappenziele erreichbar, z.B. die Sicherstellung der Betreuung der Unteroffiziere, die Förderung des Verständnisses der Vision oder die Durchführung von Marketingauftritten bei KMUs. In Anbetracht dessen, dass das Konzept eine Änderung der Kultur und des Bewusstseins bewirkt, muss das Projekt aber aus langfristiger Perspektive betrachtet werden. Entsprechend wird es einige Zeit dauern, bis das Konzept vollständig umgesetzt ist.

Chancen für die Schweizer Armee

Die Förderung dieses Projekts ist für die Unteroffiziere der Schweizer Armee von erheblicher Bedeutung. Sie profitieren von einer besseren Ausbildung, höherem Ansehen und besserem «Teamgeist». Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass insbesondere die Schweizer Armee als Gesamtes von einem starken Unteroffizierskorps profitiert – zumal dieses das Rückgrat der Armee ist. Fördert man die Beachtung von Unteroffizieren in der Schweizer Armee, so steigt deren Ansehen, was dazu führt, dass sich mehr Dienstleistende für die Position als Unteroffizier interessieren. Damit steigt das Niveau des gesamten Korps, da die Anzahl Anwärter grösser und die Auswahl der geeignetsten Personen wahrscheinlicher wird. Dank der Chancengleichheit durch Mitsprache wird zudem eine Zweiklassengesellschaft (Offiziere vs. Unteroffiziere) verhindert und die Möglichkeit der Mitbestimmung der eigenen Entwicklung eröffnet. Diese Aspekte führen dazu, dass es erstrebenswert ist, Unteroffizier der Schweizer Armee zu werden. Oder, in den Augen von Sempach und Pedretti, um Unteroffizier zu bleiben.

Zum Autor

Rafael Bittel absolviert ein Hochschulpraktikum im Bereich Verteidigung. Parallel dazu belegt er an der Universität Bern den Masterstudiengang Arbeits- und Organisationspsychologie. Der Sdt der Schweizer Armee stand als Trp Buchh DD in der Kaserne Fribourg im Einsatz.