Innovation in der Minenräumung der UNO
Lionel Fragnière arbeitet seit 2020 im Rahmen des Armeeauftrags Friedensförderung bei der UNO in Genf. Zuvor leistete er verschiedene Auslandseinsätze und gewann dabei Erfahrungen, welche er nutzt, um in der humanitären Minenräumung der UNO technologische Innovationen zu implementieren. Mit Leidenschaft und Fachwissen trägt er dazu bei, den Einsatz moderner Technologien wie künstlicher Intelligenz für eine sicherere und effizientere Minenräumung voranzutreiben. Im Interview gibt er einen Einblick in seine Arbeit.
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Daniel Seckler, Kommunikation SWISSINT, sprach mit Lionel Fragnière, UNOPS PSC
Lionel, du engagierst dich seit 2020 bei der UNO in Genf als Teil der militärischen Friedensförderung. Was ist deine Aufgabe?
Meine Rolle hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Ursprünglich bestand meine Aufgabe darin, ein neues Informationsmanagementsystem für den United Nations Mine Action Service (UNMAS) zu implementieren – das sogenannte UNMAS Global Information Management System (IMS), welches auf dem Standard «IMSMA Core» des Genfer Internationalen Zentrums für Humanitäre Minenräumung (GICHD) basiert. Diese Implementierung, einschliesslich der Schulung der Nutzerinnen und Nutzer sowie ihrer anfänglichen Unterstützung, dauerte etwa zwei Jahre. Seither engagieren sich mit mir zwei Schweizer, die den Support dieses neuen Systems fortsetzen, das mittlerweile über 700 Nutzer zählt und bisher in rund zwanzig UNMAS-Missionen eingesetzt wurde.
Ich habe mich auf die Forschung und Entwicklung innovativer Werkzeuge und Methoden zur Minenbekämpfung spezialisiert. Mein Tätigkeitsbereich beschränkt sich mittlerweile nicht mehr nur auf das Informationsmanagement, sondern umfasst auch Bereiche wie Analyse, Kartografie und die allgemeine Anwendung künstlicher Intelligenz. Seit Kurzem bin ich vor allem in Projekten tätig, die vom Peace and Security Cluster (PSC) des United Nations Office for Project Services (UNOPS) geleitet werden, wie etwa in der Ukraine, im Jemen, in Myanmar, im Tschad sowie in speziellen UNMAS-Projekten, wie in Palästina.
Wie bist du zu dieser Stelle gekommen?
Ich habe ursprünglich eine Ausbildung in angewandter Physik mit Spezialisierung auf erneuerbare Energien absolviert. 2014 entschied ich mich für einen beruflichen Wechsel und bewarb mich bei SWISSINT, um bei der SWISSCOY zugunsten den KFOR einen Einsatz als Beobachter im Liaison and Monitoring Team (LMT) in Mitrovica, Kosovo, zu leisten. Anschliessend absolvierte ich zwei weitere Missionen dieser Art, zunächst als Teamleader und später als stellvertretender Kommandant des LMT. Während dieser Einsätze wurde ich auf die Position eines Informationsmanagers im Bereich der Minenräumung aufmerksam und nutzte die Gelegenheit, mich von SWISSINT in der Demokratischen Republik Kongo von 2016 bis 2018 in dieser Funktion einsetzen zu lassen. Dort hatte ich die Möglichkeit mich im Bereich Sicherheit und Informationsanalyse weiterzubilden und zur Entwicklung von IMSMA Core beizutragen.
Nach einem weiteren sechsmonatigen Einsatz als Human Terrain Analyst (HTA) der mittlerweile beendeten UNO-Mission MINUSMA in Gao, Mali, wechselte ich zur UNO-Mission in Genf. Seither bin ich im Information Management and Analytics Team (IMAT) des UNOPS PSC tätig und leite derzeit die Abteilung für Forschung und Entwicklung.
Gibt es ein Beispiel deiner Arbeit, das du hervorheben möchtest?
Vor wenigen Monaten untersuchte ich im Rahmen einer Arbeit, wie innovative Technologien in die humanitäre Minenräumung integriert werden können, um die Effizienz und Sicherheit zu erhöhen. Teil der Arbeit bestand aus einer Analyse der wichtigsten Vorhaben, wie der Entwicklung eines Kartierungsinstruments in Gaza, die Anwendung künstlicher Intelligenz für ein effizientes Datenmanagement bei der weltweiten Eindämmung der Bedrohung durch improvisierte Sprengkörper (IED) oder die Nutzung fortschrittlicher Fernerkundungs- und maschineller Lerntechnologien in Syrien und Afghanistan.
Dass die Ergebnisse dieser Innovationsarbeit auf der Plattform Insights von UNOPS veröffentlicht wurden, bestätigt, dass diese Projekte von allen Nutzern geschätzt und von meinen Fachkollegen anerkannt werden. Es freute mich auch, dass sogar der Exekutivdirektor von UNOPS die Arbeit auf seinem X-Account teilte! Ebenfalls wurde ein Teil der von mir entwickelten Innovationen im Journal of Conventional Weapons Destruction (JCWD), der führenden Fachzeitschrift für Minenbekämpfung, veröffentlicht.
Um einen besseren Einblick in die Arbeiten zu geben, die ich hervorheben möchte, lade ich Interessierte ein, den Artikel auf der Plattform Insights hier sowie die Veröffentlichung im JCWD hier einzusehen.
Was sind deine Herausforderungen im Alltag?
Mit dem Aufzeigen, welche Innovationen im Bereich des Informationsmanagements für die Minenräumung möglich sind, wurde das Interesse der Nutzer geweckt. Es ist nun entscheidend, den neuen Erwartungen gerecht zu werden. Unser Team ist sehr klein und es ist daher unerlässlich, dass wir kontinuierlich weiterarbeiten, um die vorhandene Dynamik und den Enthusiasmus aufrechtzuerhalten.
Da Innovation per Definition ständig im Wandel ist, erfordert sie eine laufende Beobachtung technologischer Fortschritte durch aktive Recherche. Es ist essenziell auf diesen Entwicklungen, wie der künstlichen Intelligenz aufzubauen, schnell zu lernen und sich ständig weiterzuentwickeln, um konkurrenzfähig zu bleiben und qualitativ hochwertige Ergebnisse zu erbringen.
Weil ich mich für diese Arbeit leidenschaftlich engagiere, stellen diese Herausforderungen für mich jeden Tag eine willkommene Motivation dar, die ich mit Begeisterung angehe!
Wie kann die Schweizer Armee von den Erfahrungen profitieren, die du im Rahmen deiner Arbeit gewinnst?
Ich habe kürzlich die nötigen Schritte unternommen, um wieder in die Milizarmee einzutreten und zwar in einem Bereich, in dem meine Erfahrungen sinnvoll eingesetzt werden können. Obwohl ich meine militärischen Verpflichtungen schon vor langer Zeit abgeschlossen habe, ist es mir wichtig, dass die durch die Schweizer Armee ermöglichte Erfahrung ihr auch wieder zugutekommt. Ein Ausbildungsplan wird ebenfalls geprüft, um mein Wissen mit zukünftigen Peacekeeperinnen und Pacekeepern, die von SWISSINT in den Einsatz entsendet werden, zu teilen.
Welchen Mehrwert bringt dir dieser Einsatz für deine berufliche Karriere?
Ich beteilige mich nun durchgehend seit neun der maximal zehn Jahren an Einsätzen in der militärischen Friedensförderung als Teil von SWISSINT. Diese sind ein fester Bestandteil meiner beruflichen Laufbahn geworden. SWISSINT respektive die Schweizer Armee ermöglichte mir den Zugang zu verschiedenen Abteilungen der UNO, zu denen ich sonst kaum Zugang gehabt hätte. Das Wissen und die Kontakte, die ich hierdurch erwerben konnte, waren wertvoll, um mein Masterstudium abzuschliessen. Wohin es mich künftig bringen wird, ist noch offen.
Weitere Informationen finden Sie im unten aufgeführten PDF.