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«Der Einsatz 1953 in Korea prägte mich nachhaltig»

Vor knapp 70 Jahren meldete sich Leutnant Toni Oesch für den ersten friedensfördernden Einsatz der Schweizer Armee in Korea und zählte somit zu den ersten Schweizer Soldaten, die 1953 vor Ort eintrafen. Er engagierte sich zugunsten der NNRC und wechselte nach deren Ende in die NNSC. Eindrücklich berichtet der heute 95-jährige Berner über seine Erfahrungen.

22.05.2023 | Sandra Stewart, Kommunikation SWISSINT

Leutnant Toni Oesch ist einer der wenigen Schweizer Soldaten, der in beiden Missionen in Korea einen Einsatz geleistet hat. Vor 70 Jahren noch hinter den Hügeln würde sich ihm heute ein Rundblick auf die Hauptstadt Seoul bieten, wo heute rund zehn Millionen Menschen leben.
Leutnant Toni Oesch ist einer der wenigen Schweizer Soldaten, der in beiden Missionen in Korea einen Einsatz geleistet hat. Vor 70 Jahren noch hinter den Hügeln würde sich ihm heute ein Rundblick auf die Hauptstadt Seoul bieten, wo heute rund zehn Millionen Menschen leben.

Das Eidgenössische Militärdepartement lancierte im Sommer 1953 eine Inserate-Kampagne, um die erforderlichen Soldaten für die beiden Missionen NNRC und NNSC zu rekrutieren. «Mein Interesse war sofort geweckt. Ich war ungebunden und hatte einen verständnisvollen Arbeitgeber, der mir vorerst sechs Monate frei gab. Eine gewisse Abenteuerlust spielte auch mit, da über dieses ferne Land praktisch nichts bekannt war», erzählt Toni Oesch. Und dann ging alles Schlag auf Schlag. Nach der Rekrutierung für die NNRC folgte die Ausbildung, die sich auf das Schiessen mit der damals neuen 9 mm SIG-Pistole beschränkte. Das Packen war schnell erledigt, bestand die Ausrüstung doch lediglich aus der regulären Uniform und einem Rucksack mit dem Nötigsten. Bereits am 12. September 1953 trat der junge Leutnant die Reise an, die für sich allein bereits ein ausserordentliches Erlebnis war.

Mit einem Propeller-Flugzeug des US Military Air Transport Service ging es in fünf Tagen von Kloten via den Azoren nach San Francisco und von dort via Hawaii, der US-Basis auf der Insel Wake und Tokio weiter nach Seoul. Von einer Stadt konnte man nicht mehr sprechen, es war ein Trümmerfeld. «Seoul wurde im Verlauf des dreijährigen Krieges komplett zerstört – einzig das Parlamentsgebäude und das Osttor waren zu sehen», erinnert sich Toni Oesch. Per Helikopter erfolgte umgehend der Weiterflug nach Panmunjom.

Südlich der Demarkationslinie, dort, wo heute das Schweizer Camp steht, waren Sechser-Zelte für die Schweizer und Schweden der NNRC und NNSC aufgestellt. Im Sommer war es darin sehr heiss, im Winter sorgten stinkende Ölheizungen für eine erträgliche Temperatur. Nördlich der Demarkationslinie waren die Polen und Tschechoslowaken untergebracht. «Über die «Bridge of No Return» konnten wir uns in der Freizeit gegenseitig besuchen. Im Winter beispielsweise trugen wir auf den gefrorenen Reisfeldern «internationale» Hockeymatches aus», erzählt Toni Oesch schmunzelnd. Das Sportmaterial gelang wie auch alles andere via Versorgungsflug von Tokio nach Panmunjom.

Ebenfalls nach Panmunjom wurden die nordkoreanischen und chinesischen Kriegsgefangenen gebracht. Die Heimkehrwilligen überschritten im sogenannten «Big Switch» die Demarkationslinie, die rund 23 000 Nichtheimkehrwilligen wurden in einem Lager südlich der Demarkationslinie stationiert und von einer indischen Brigade bewacht. Die Schweizer, Schweden, Polen und Tschechoslowaken waren jeweils an den Hearings mit den Kriegsgefangenen als neutrale Beobachter präsent. Die meisten Kriegsgefangenen weigerten sich jedoch an einem Hearing teilzunehmen und mit fortschreitender Dauer wehrten sie sich immer stärker dagegen – entweder mit Streiks zum Antreten oder mit Händen und Füssen beim Betreten des Hearing-Zelts. Teils wurden sie von den indischen Soldaten gegen ihren Willen hineingezerrt und zu Boden gedrückt. «In solchen Situationen oder auch wenn der nordkoreanische respektive chinesische «Explainer» zu lange auf den Gefangenen einredete, protestierten wir und verlangten vom indischen Chairman einzuschreiten. Unternahm dieser nichts, verliessen wir das Zelt, womit das Hearing beendet war und der Gefangene zurück ins Lager konnte», schildert Toni Oesch.

Per Ende Februar 1954 wurde die NNRC beendet, da ihr Auftrag erfüllt war: Von den rund 23 000 Nichtheimkehrwilligen hatten sich 258 zur Rückkehr nach Nordkorea respektive China überreden lassen. Die verbleibenden nordkoreanischen Kriegsgefangenen wurden in die südkoreanische Armee integriert, während ihre chinesischen Kameraden nach Taiwan ausgeschifft wurden.

Auch der Norden hatte Kriegsgefangene gemacht, aber praktisch alle kehrten im Rahmen des “Big Switch” in den Süden zurück. Lediglich 22 oder 23 amerikanische Soldaten sowie ein englischer Soldat wollten im Norden verbleiben und wurden in die nördliche DMZ gebracht. Vertreter der UNO-Truppen versuchten diese in den Hearing-Zelten unter Aufsicht der NNRC zur Heimkehr zu bewegen. “Der Engländer liess sich umstimmen und ich war dabei, als er im Dezember 1953 die militärische Demarkationslinie überschritt. Die Amerikaner hingegen kehrten erst ein bis zwei Monate nach Abschluss der Hearings zurück und wurden in den USA zu Strafarbeit verurteilt”, erinnert sich Toni Oesch.

Im Verlauf der Zeit fanden immer weniger Hearings statt, so dass einzelne NNRC-Angehörige bereits im Dezember 1953 in die NNSC wechselten. Unter ihnen auch Toni Oesch, der jedoch im Gegensatz zu den meisten seiner NNRC-Kameraden seinen Einsatz verlängerte, zum Oberleutnant befördert wurde und für weitere 15 Monate in Korea blieb. Seine erste Station war der Port of Entry Hungnam in Nordkorea, wo er zehn Wochen bei minus 20 Grad Celsius und starken Winden aus Sibirien ausharrte. Als Unterkunft diente ein notdürftig repariertes Haus. Zum Essen gab es morgens, mittags und abends Poulet mit Knochen aus der Konserve. «Wir nannten es überfahrenes Huhn», erzählt Toni Oesch lachend. Um die Unterkunft herum war eine Wand errichtet worden und die NNSC-Angehörigen durften das Areal nur mit Bewilligung und in Begleitung von bewaffneten nordkoreanischen Soldaten verlassen. Somit konnten, wie übrigens auch an den anderen vier Ports of Entry, in Nordkorea keine eigentlichen Inspektionen gemäss Waffenstillstandsabkommen stattfinden. «Die Rückkehr nach Panmunjom empfand ich wie eine Freilassung aus dem Gefängnis», erinnert sich Toni Oesch.

Als nächstes folgte ein Einsatz an einem Port of Entry im Süden. «Der Tagesablauf war hier komplett anders. Im Gegensatz zur Nordseite meldete die Südseite alle Truppenbewegungen und belegte diese mit Papieren. Wir von der NNSC kontrollierten diese Angaben, indem wir zum Beispiel im Hafen von Pusan mit Handuhren jeden aus den USA ankommenden Soldaten zählten, wie auch jeden, der zur Heimfahrt eingeschifft wurde», berichtet Toni Oesch. Zwischen den sich abwechselnden Einsätzen in Nordkorea und Südkorea waren die NNSC-Angehörigen in Panmunjom einquartiert. Von hier aus startete auch einmal wöchentlich der Kurier, der mit den Amerikanern nach Tokio flog, um auf der Schweizer Botschaft die Post abzuholen respektive die Briefe in die Schweiz aufzugeben und Filme zum Entwickeln zu bringen. Tokio fungierte als US-Nachschubbasis, da in Südkorea praktisch alles zerstört war. «Ich meldete mich immer sehr gerne für diesen Kurierdienst, wenn ich in Panmunjom weilte. Da die Amerikaner erst nach vier Tagen wieder zurückflogen, bot dies eine willkommene Abwechslung zum Alltagsleben in einer vom Krieg zerstörten Region.» Die vier Tage konnten sich auch verlängern, wenn ein Taifun den Rückflug nach Panmunjom verhinderte.

«Während meinen zahlreichen Stationierungen an den Ports of Entry in Nordkorea erlebte ich immer wieder, wie der Norden die Ausübung unserer Arbeit verunmöglichte. Zusätzlich verhielten sich die NNSC-Vertreter aus Polen und der Tschechoslowakai nicht neutral und teils sogar entgegen dem Waffenstillstandsabkommen. Diese erschwerenden Umstände bewog die Südseite schliesslich 1956 dazu, die Arbeit der Teams in den Ports of Entry aufzuheben», führt Toni Oesch aus.

18 Monate nach seiner Ankunft in Korea flog Toni Oesch wieder in die Schweiz zurück. «Dieser Einsatz hatte einen dauernden und positiven Einfluss auf mein persönliches, berufliches und militärisches Fortkommen. Worte reichen nicht aus, um das Erlebte zu beschreiben. Noch heute scheint es mir, als hätte das Erlebnis Korea gestern stattgefunden.»
 

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