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Effektivere Auftragserfüllung durch Integration der Gender-Perspektive

Als erste Vertreterin der Schweizer Armee besetzt Fachoffizier Miranda Rohner die Funktion der Chief Gender Advisor im Hauptquartier der multinationalen Kosovo Force (KFOR). Ihr ziviles Know-how bringt sie direkt zugunsten des Kommandanten dieser Mission ein.

30.03.2023 | Wm Iris Probst, stellvertretende Presse- und Informationsoffizierin SWISSCOY 47

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Fachoffizier Miranda Rohner, Chief Gender Advisor

Seit Ende Oktober 2022 ist Fachoffizier Miranda Rohner als Chief Gender Advisor (Chief GENAD) im Hauptquartier der Kosovo Force (KFOR) in Pristina tätig. In ihrer Funktion führt sie das Gender Advisor's Office, dessen Hauptaufgabe es ist, den Kommandanten der KFOR und weitere Führungskräfte im Hauptquartier der Mission in der Planung, Durchführung und Auswertung bezogen auf den Gender-Aspekt zu unterstützen. Dabei sorgt sie dafür, dass eine Geschlechterperspektive in die Planungs- und Entscheidungsprozesse aller  KFOR-Operationen einbezogen wird. «Um als Gender Advisor operativ effektiv zu sein, muss ich die Prioritäten des Kommandanten verstehen und eine geschlechtsspezifische Perspektive anwenden, um mich mit seinen aktuellsten Fragestellungen auseinanderzusetzen», sagt Miranda Rohner. Als Chief GENAD nimmt sie an Stabsrapporten der KFOR teil, studiert operationelle Berichte und überprüft sogenannte Operation Orders (OPORDs) und Fragmentary Orders (FRAGOs) auf die geschlechtsspezifische Perspektive. Zudem muss die Chief GENAD präsent sein, indem sie das Büro verlässt und auch als Soldatin im Einsatzgebiet wahrgenommen wird. «Es ist wichtig zu verstehen, dass die Aufgaben der Gender Advisor immer nach aussen gerichtet sind. Es geht also nicht um Fragestellungen oder Schwierigkeiten innerhalb eines Kontingentes, sondern es geht darum die Aktivitäten der KFOR im Land mit einer "Gender-Brille" zu betrachten», erläutert Fachoffizier Rohner.

Genderperspektive in KFOR-Aktivitäten

Die KFOR ist davon überzeugt, dass ein dauerhafter Frieden im Kosovo nur erreicht werden kann, wenn alle Teile der kosovarischen Gesellschaft umfassend in den Friedensprozess einbezogen werden. Hierbei gilt es zu erwähnen, dass der Begriff "Gender" oftmals reduziert verstanden und angewandt wird: Es geht nicht nur um Themen, welche die weibliche Bevölkerung betreffen, sondern um Gender als gesamtes soziales Konstrukt, welches uns helfen kann, verschiedene Geschlechterrollen und Identitäten zu verstehen. Die Berücksichtigung von Gender in die Aktivitäten der KFOR ist somit wichtig für eine erfolgreiche Umsetzung der Mission. So besteht die Rolle der Chief GENAD darin sicherzustellen, dass die KFOR die unterschiedlichen Bedürfnisse bezüglich Sicherheit, Gesundheitsversorgung, Bildung und Rechtsstaatlichkeit der gesamten Bevölkerung berücksichtigt. «Geschlecht kann auch als nicht-kinetisches Mittel und Kraftmultiplikator angesehen werden.» Die Verwendung einer geschlechtsspezifischen Perspektive hilft, dem Gravitationszentrum der meisten Operationen, nämlich der Bevölkerung, näher zu kommen.

Kontakt mit allen Bevölkerungsteilen

Diesbezüglich stellt die GENAD sicher, dass die Angehörigen der KFOR, insbesondere die Liaison and Monitoring Teams (LMT), darin geschult werden, alle sozialen Gruppen, wie ethnische Minderheiten, ältere Menschen, Frauen und Kinder in ihren Einsatzgebieten zu erreichen, um die Informationsbeschaffung und Informationsverbreitung zugunsten der KFOR zu verbessern. «Ein Grossteil meiner Zeit widme ich der Schulung der Teams – ich erkläre ihnen die Vorteile der Kontaktaufnahme mit benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft und wie eine solche Kontaktaufnahme erfolgen kann», sagt Fachoffizier Rohner. So sollen die LMT mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern in ihren Gemeinden in Kontakt treten und dabei besonders auf die Schwächsten in der Gesellschaft achten, die oft übersehen werden. Dies ergibt ein vollständiges Bild der Sicherheitslage im Einsatzraum. «Hierbei geht es darum, dass nicht – so wie es früher oft passierte – beispielsweise nur Männer, die wichtige politische Ämter bekleiden, als Informationsquelle dienen. Es geht auch um die Frauen oder die Älteren im Dorf, die durch ihre Erfahrungen und persönliche Hintergründe andere Aspekte bedenken und andere Prioritäten setzen. Nur so kann die Unterstützung auch langfristig Früchte tragen und das ist das Ziel», so Miranda Rohner.

Herausforderungen als GENAD

Eine der grössten Herausforderungen für das Gender Advisor's Office ist der ständige Wechsel der KFOR-Angehörigen, wobei die meisten nicht länger als sechs Monate im Einsatzraum bleiben. Darum ist die Chief GENAD auch dafür verantwortlich sicherzustellen, dass ankommende Soldatinnen und Soldaten ausreichend darin geschult werden, wie und warum sie während einem Militäreinsatz eine geschlechtsspezifische Perspektive einnehmen sollten. «Was manchmal auch eine Herausforderung darstellen kann, ist, dass die Mehrheit der Offiziere hier im Hauptquartier der KFOR nur eine vage Vorstellung davon haben, was ich als Gender Advisor eigentlich mache. Ich muss es also immer wieder erklären. Es ist aber interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die verschiedenen Nationen mit dem Thema umgehen, und wie offen die meisten dem Konzept gegenüber sind sobald sie den Kern verstanden haben».

Wertvolle Erfahrungen für die KFOR und die Armee

Fachoffizier Miranda Rohner hat Geschichte studiert, mit Erziehungswissenschaften im Nebenfach. Danach hat sie als Rekrutierungsspezialistin im Industriebereich gearbeitet. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung, hat sie von einem Kollegen von der SWISSCOY erfahren. Für sie war schnell klar, dass sie gerne einen Einsatz im personellen Bereich im SWISSCOY-Kontingent 46 leisten wollte. Da sie als Personalverantwortliche auch gleichzeitig den «Gender Focal Point» (GFP) des Schweizer Kontingents an die KFOR stellte, hatte sie regelmässigen Kontakt mit dem damaligen Chief GENAD aus Österreich und konnte viel über ihre aktuelle Funktion erfahren und lernen. Vorbereitet für ihren Einsatz als Gender Advisor wurde sie dann während dem GENAD-Kurs des Nordic Centre for Gender in Military Operations (NCGM) in Schweden, sowie auch der intensiven Übergabe-Phase mit ihrem Vorgänger. Während dieser Zeit konnte Miranda Rohner bereits viele wichtige Kontakte knüpfen und die Arbeit der GENAD nahtlos weiterführen. 

In einem internationalen Umfeld als Gender Advisor zu arbeiten kann durchaus gewisse Herausforderungen mit sich bringen. Für Fachoffizier Miranda Rohner ist das jedoch gleichzeitig sehr bereichernd: «Für mich ist diese Funktion perfekt. Es entspricht mir sehr, dass ich Projekte pragmatisch angehen und umsetzen kann und diese direkt zu einer Verbesserung der Lebensumstände der lokalen Bevölkerung beitragen können. Ich bin jeden Tag mit neuen Situationen konfrontiert und musste lernen mich durchzusetzen. Dadurch wurde ich abgeklärter. Gleichzeitig wurde ich darin bestärkt auf mein Bauchgefühl zu hören. Dies nehme ich auf  persönlicher Ebene mit.» Für Miranda Rohner ist klar, dass sie auch nach dem Einsatz in diesem Bereich tätig bleiben wird – in der Schweiz oder auch international. Ihre Erfahrung wird nach dem Einsatz zudem genutzt, um innerhalb der Schweizer Armee diese Fähigkeit aufzubauen und die Rekrutierung von Frauen für die Armee zu fördern. Hierbei wird die gewonnene Praxiserfahrung aus dem Einsatz im Kosovo einen wertvollen Mehrwert darstellen.

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