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Auf Tuchfühlung mit der lokalen Kultur – ein Erfahrungsbericht

Soldat Marianne Berger, Observer LMT Prizren, SWISSCOY 46

12.10.2022 | Fachoffizier Norbert Jenal, Presse- und Informationsoffizier SWISSCOY 46

Sdt Marianne Berger macht sich bereit, um mit einem Kameraden des LMT K23 auf Patrouille zu fahren
Sdt Marianne Berger macht sich bereit, um mit einem Kameraden des LMT K23 auf Patrouille zu fahren

"Im Kontingent 46 habe ich die Funktion einer Observerin im Liaison and Monitoring Team (LMT) Prizren. Nach meinem Bachelorstudium in Internationalen Beziehungen habe ich zuletzt für eine NGO gearbeitet, deren Ziel es ist, den Friedensprozess in verschiedenen Ländern zu unterstützen. Hierher in den Kosovo führte mich die Frage, wie Akteure der zivilen und militärischen Gemeinschaft zusammenarbeiten, um eine Region auf dem Weg aus einer konfliktbehafteten Vergangenheit nachhaltig zu begleiten.

Zu Beginn des Einsatzes hatte ich ziemlich Respekt davor, Gespräche mit wichtigen Vertretern der Wirtschaft und Politik zu vereinbaren und zu führen. Bald aber gehörte das zur Routine und ich traute mich immer mehr, Fragen zu stellen, die tiefer auf den Grund der Thematik gehen. Der Arbeitsrhythmus eines Observers, bei welchem wir meist am Vortag unsere Meetings vereinbaren, passt mir sehr gut. Es erlaubt mir, mich ganz auf ein Gespräch und ein Thema zu fokussieren.

Unsere Arbeit ist sehr abwechslungsreich und fordert vernetztes Denken zwischen den Themen und den Ereignissen im Einsatzgebiet. Überrascht hat mich, wie sehr alle im Team ihre Stärken und ihr Hintergrundwissen in die Arbeit einbringen. Ich glaube, die Geheimzutat für guten Observer ist eine grosse Portion Neugierde und aufrichtiges Interesse für die Menschen, mit denen wir uns täglich unterhalten.

Die Gespräche mit unseren Kontakten können sehr intensiv sein und erfordern volle Präsenz und Konzentration. Da wir über unsere Sprachmittler indirekt mit der Lokalbevölkerung kommunizieren, kommt der Körpersprache und dem Gesichtsausdruck viel mehr Aufmerksamkeit zuteil, als man es sich in einem alltäglichen Gespräch gewohnt ist. Als schade empfinde ich, dass ich die Sprache der lokalen Bevölkerung nicht verstehe und mich nicht direkt mit ihnen austauschen kann. Umso mehr freue ich mich über die Treffen mit Vertretern von internationalen Organisationen und NGOs, die in meinen Verantwortungsbereich fallen. Diese sprechen normalerweise Englisch, was dem Gespräch eine ganz andere Dynamik und Nähe verleiht.

Im Rahmen unserer Tätigkeit als Observer erhalten wir vielfältige Einblicke, so beispielsweise auch in eine Koranstunde für Frauen bleiben, der ich mit meinen beiden Kameradinnen Lynn Brändli und Cora Stämpfli sowie unserer Sprachmittlerin beigewohnt habe. Bei allen Unterschieden – der Religion, Kultur, Sprachbarriere und dem diametral gegensätzlichen Lebensstil – wurde das Frau-Sein zu einem verbindenden Element. Mich hat fasziniert, junge Mädchen und ältere Frauen neben- und miteinander das Koranlesen üben, diskutieren, sich über die Lehren des Korans und des Lebensalltags austauschen. Und sich dabei plötzlich in diesem einen Raum der Moschee der ganze Mikrokosmos eines Dorfes widerzuspiegeln scheint. Natürlich gibt es noch viele andere Momente, die mich geprägt haben. Auch die Gastfreundschaft, die einem hier von allen Seiten entgegengebracht wird.

Gemeinsam im Field House den Alltag zu bestreiten ist ein wichtiger Teil der Erfahrung in einem LMT. Regelmässig wird zusammen gekocht, grilliert und ab und zu gibt es auch einen lockeren Spielabend. Für mich bietet das Zusammenleben mit meinen Kameradinnen und Kameraden im Speziellen die Möglichkeit, das Erlebte aus dem Observer-Alltag zusammen zu verarbeiten und enge persönliche Beziehungen aufzubauen, die hoffentlich über den Einsatz hinaus bestehen bleiben. Es bedeutet auch, dass wir die Hochs und Tiefs intensiver zusammen erleben. Um mich von der Arbeit abzugrenzen, habe ich versucht, mir bewusst Zeit für mich zu nehmen und mir eine Art Erholungsritual nach der Arbeit in den Tagesablauf einzubauen.

Nun, da sich das Kontingent 46 dem Ende zuneigt, möchte ich die letzten Tage im Einsatz noch einmal voll ausschöpfen. Ich weiss nicht, wann ich das nächste Mal einen Job machen werde, in dem ich sowohl viele verschiedene Einblicke sammeln und verarbeiten kann, und gleichzeitig in engem Kontakt mit Menschen einer anderen Kultur sowie mit einer anderen Geschichte stehe. Der Austausch mit der Lokalbevölkerung, und speziell die Zusammenarbeit mit unseren Interpretern, waren für mich äusserst bereichernd. Es erlaubte mir, auch Antworten auf einige meiner eigenen Fragen zu suchen. Einige dieser Fragen blieben offen – andere Fragen sind dazugekommen. Somit bleibe ich neugierig. Vielleicht für einen weiteren Einsatz, aber bestimmt für mein Masterstudium in Friedens- und Konfliktstudien, das ich als nächstes anpacken werde. Für mich ist der Einsatz schon jetzt eine bereichernde Zwischenstation auf meiner akademischen Laufbahn.

Jobs in der Friedensförderung


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