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MitteilungVeröffentlicht am 22. Mai 2024

Eingliederung von Peacekeeperinnen ins Milizsystem - eine Erfolgsgeschichte

Die beiden Einsatzkontingente der Schweizer Armee in Kosovo und Bosnien-Herzegowina verfügen mehrheitlich über einen Frauenanteil von über 15%. Die Mehrheit der Frauen weist keine militärischen Vorkenntnisse auf und absolviert im Vorfeld des Einsatzes eine militärische Grund- und Fachausbildung im Kom­petenzzentrum SWISSINT. Um ihr Potenzial weiterhin der Armee zur Verfügung zu stellen, können sich diese einsatzerfahrenen Peacekeeperinnen nach ihrem Einsatz in das Milizsystem einglie­dern lassen. Drei Frauen, drei unterschiedliche Wege: Sie geben dieser Erfolgsgeschichte stellvertretend für alle anderen ein Gesicht.

Ein Engagement in der militärischen Friedensförderung ist für Schweize­rinnen auch ohne absolvierte Rekrutenschule möglich. Dies ist der Fall, wenn die körperlichen Voraussetzungen, die persönliche Einstellung und die fachlichen Kompetenzen gegeben sind sowie ein entsprechen­der Bedarf der internationalen Mission ausgewiesen ist. Nach ihrem Ein­satz verfügen diese Frauen über militärische Grundfähigkeiten sowie eine Spezialausbildung, und sie sind sich gewohnt in einem militärischen Ver­band – auch im internationalen Umfeld – zu agieren. Um dieses Potential innerhalb der Armee zu erhalten, sind seit dem 1. Januar 2023 die notwen­digen Rechtsgrundlagen in Kraft, um Kandidatinnen aus den Einsatzkon­tingenten direkt in die Milizarmee einzugliedern, womit sie von sämtli­chen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten profitieren können. Dabei stehen drei Einteilungsmöglichkeiten zur Verfügung: Die Einteilung als Soldatin, der Übertritt in die Unteroffiziersschule oder die Ernennung zum Fachoffizier. Dabei sind jeweils verschiedene Verwaltungs- und Organisa­tionseinheiten, Lehrverbände sowie Stäbe zugänglich.

Von der Peacekeeperin zur Fachberufsunteroffizierin

Angelika Müller ist eine dieser Frauen, die mit Mut und Biss nach einem frie­densfördernden Einsatz die militärische Laufbahn eingeschlagen haben. Heute arbeitet sie als Fachberufsunteroffizierin auf dem Militärpolizeiposten in Thun und ist im MP Detachement West eingeteilt. Die 45-jäh­rige Berner Oberländerin ist gelernte Hotelfachassistentin EFZ, hatte mit 33 Jahren die Polizeischule absolviert und arbeitete anschliessend bei der Kantonspolizei Bern. 2022 leistete sie einen friedensfördernden Ein­satz zugunsten der EUFOR im Liaison and Observation Team Mostar in Bosnien-Herzegowina. «Die Arbeit in einem anderen Land, die fremden Kul­turen und die Menschen mit ihren verschiedenen Ansichten finde ich seit jeher sehr spannend. Da hat sich ein solcher Einsatz geradezu angeboten», erklärt sie ihre Motivation. Das Militär hat Angelika Müller bereits seit ihrer Jugend interessiert und fasziniert. Doch das Leben hätte andere Pläne mit ihr gehabt und Chancen blieben ungenutzt, führt sie weiter aus. Die Option, sich nach dem Einsatz einteilen zu lassen, schätzt sie deshalb umso mehr: «Dass ich dank dieser Möglichkeit trotz meines fortgeschrittenen Alters meinen Traum doch noch wahr machen konnte, war für mich fantastisch.» Der Weg über die Unteroffiziersschule sei dennoch eine Herausforderung gewesen, wie Angelika Müller zusammenfasst. Wenig Schlaf und die ste­tige Bereitschaft – da hätten es ihre jüngeren Kameraden und Kameradin­nen wohl etwas einfacher gehabt, meint sie. Allerdings hätte sie zu jeder Zeit volle Unterstützung gehabt, sowohl in der Truppe als auch von ihren Vorgesetzten. Angesprochen auf den Mehrwert, der ihre Eingliederung für sie persönlich und die Armee bietet, muss sie nicht lange überlegen: «Für mich hat sich ein weiterer beruflicher Horizont eröffnet, das ist toll. Und meine Erfahrungen als Polizistin und als Frau sowie meine Sichtweise auf die unterschiedlichsten Dinge kann ich in die Armee zurücktragen.»

Mit Einsatz und Wille zum Offiziersgrad

Stephanie Vögeli wagte den Schritt in die Milizlaufbahn, absolvierte die Unteroffiziersschule bei der Elektronischen Operationen Schule 64 (Elo Op S 64) in Jassbach und die Offiziersschule. Heute trägt sie den Grad eines Leutnants. Ihre ersten militärischen Erfahrungen sammelte die 33-jäh­rige Solothurnerin 2021: Im Sommer rückte sie in Oberdorf bei Stans ein, durchlief die allgemeine militärische Grundausbildung sowie die einsatz­bezogene Ausbildung und war anschliessend für sechs Monate in Kosovo zugunsten der SWISSCOY als Beobachterin in Mitrovica tätig. «Ich wollte meine Komfortzone verlassen und mir gefiel die Idee, mit einem friedens­fördernden Einsatz etwas Sinnvolles zu tun», begründet sie den Entscheid für dieses Engagement. Stephanie Vögeli hat einen Bachelor in Geschichte und Sozialwissenschaften sowie einen Master in Public Management and Policy und arbeitete bei der Bundesverwaltung in der internationalen For­schungszusammenarbeit. Für sie war insbesondere die Aussicht auf inter­nationale Einsätze in UNO-Missionen mit ein Grund, sich eingliedern zu lassen. Für solche Einsätze ist ein Offiziersgrad nötig. Dass der Weg dahin kein einfacher sein würde, war Stephanie Vögeli bewusst. «Ich hatte zwar Erfahrungen in der Friedensförderung gesammelt, dennoch war ich in vie­len Bereichen das ‹Greenhorn›. Der Betrieb an einer Schule unterschei­det sich von dem in der einsatzbezogenen Ausbildung bei SWISSINT oder im Einsatz», konstatiert sie. Ausserdem war es teils herausfordernd, mit Kameraden die UOS und OS zu absolvieren, die nicht nur zehn Jahre jün­ger waren, sondern sich teilweise bereits aus 18 Wochen Rekrutenschule kannten. Zudem war sie oftmals die einzige Frau. Doch sie schaut mit sehr positiven Gefühlen zurück: «Es war eine spannende Zeit, ich konnte viele interessante Leute kennenlernen und habe meinen Horizont stark erweitert.» Stephanie Vögeli ist überzeugt, dass der eingeschlagene Weg nicht nur ihr einen persönlichen Mehrwert bringt, sondern in Form von gemischten Teams auch der Armee.

Mehrwert auch für den zivilen Beruf

Vor gut zwei Jahren, als sich die Eingliederung von weiblichen Kontingents­angehörigen im Projektstatus befand, hatte sich auch Laura Marty in die Milizarmee einteilen lassen. Zuvor war die 35-Jährige aus Zug während eines Jahres in der SWISSCOY in Kosovo im Einsatz, als Beobachterin im Liaison and Monitoring Team in Prizren sowie als stellvertretende Presse- und Infor­mationsoffizierin. Dank ihres Know-hows konnte Laura Marty als Fachoffizier direkt in den Stab der Logistikbrigade 1 eingegliedert werden. Mit einem Bachelor in Organisationskommunikation und der zivilen Tätigkeit als Kom­munikationsfachfrau bei der Stadtpolizei Zürich kümmert sie sich dort um die kommunikativen Belange. Doch wie kommt eine junge Frau wie sie dazu, den Schritt in die Armee zu wagen? «Nach der Ausbildung im Kom­petenzzentrum SWISSINT und meinen beiden Einsätzen in Kosovo wollte ich meine Erfahrungen im Militär nicht einfach beenden, sondern weiter vertiefen», erklärt Laura Marty. Sie sieht in der Eingliederung ins Milizsys­tem auch eine grosse Chance, ihre zivilen Kompetenzen und Erfahrungen aus dem Auslandeinsatz in das System einzubringen. Ebenfalls auf persön­licher Ebene hat sie von ihrem Engagement in der Friedensförderung und in der Miliz profitiert. «Meine Erfahrungen im Militär, insbesondere auch aus dem Einsatz, geben mir ein gewisses Selbstvertrauen, neue oder schwie­rige Situationen meistern zu können», erläutert sie. Eine gewisse Flexibilität und Wissensdurst musste sie allerdings bei ihrer Eingliederung mitbringen. Eine der Herausforderungen seien unter anderem kleinere Wissenslücken beispielsweise in der militärischen Stabsarbeit gewesen, die sie in Eigen­regie nach und nach aufgefüllt habe. «Meine Kameradinnen und Kamera­den sind sehr geduldig und dank ihnen kann ich diese Lücken füllen. Vor allem kann ich auch von ihren Erfahrungen profitieren», so Laura Marty.

Die Geschichten von Angelika Müller, Stephanie Vögeli und Laura Marty zeigen das Potential der Eingliederung von weiblichen Angehörigen aus dem Friedensförderungsdienst in die Miliz auf. Wissen und Erfahrungen aus den internationalen Einsätzen bleiben erhalten und werden erwei­tert, neue Perspektiven eröffnen sich. Profitieren können davon nicht nur die eingeteilten Frauen, sondern auch die Armee als Organisation – denn Sicherheit ist auch weiblich.