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Wieso der Wissens- und Entscheidungsvorsprung zentral ist

Die Cyberfähigkeiten der Schweizer Armee werden in den kommenden Jahren weiterentwickelt und ausgebaut. Im künftigen Kommando Cyber wird dem Sensor-Nachrichtendienst-Führungs-Wirkungsverbund eine wichtige Rolle zuteil, um den entscheidenden Wissens- und Entscheidungsvorsprung zu erhalten.

08.11.2022 | Kommunikation Verteidigung, Lorena Castelberg

Elektronische Kriegsführungstruppen können beispielsweise die Abstrahlung von Funksystemen steuern und einen gegnerischen Akteur daran hindern, einen Vorsprung zu erreichen.
Elektronische Kriegsführungstruppen können beispielsweise die Abstrahlung von Funksystemen steuern und einen gegnerischen Akteur daran hindern, einen Vorsprung zu erreichen. ©VBS/DDPS, Raphael Falchi

In der Gesamtkonzeption Cyber wird festgehalten: «Für den Erfolg von Armeeeinsätzen ist entscheidend, wie schnell Informationen für die Führung nutzbar gemacht werden können». Das heisst: Wer beispielsweise schneller entscheidet, wo Verbände oder Waffenwirkungen zum Einsatz gelangen, behält die Oberhand. Daraus resultiert das Ziel, den eigenen Truppen einen Wissens- und Entscheidungsvorsprung zu verschaffen. Gleichzeitig soll der gegnerische Akteur mit einem Wissens- und Entscheidungsrückstand zu kämpfen haben, um ihn in die Rolle des Reagierenden zu zwingen. Der Sensor-Nachrichtendienst-Führungs-Wirkungs-Verbund (SNFW-Verbund) wird dazu im künftigen Kommando Cyber eine zentrale Rolle spielen. Das Konzept ist nicht neu: Es ist unter OODA-Loop bekannt. Es ist ein Kreislauf bestehend aus den vier Schritten Beobachten (Observe), Beurteilen (Orient), Entscheiden (Decide) und Handeln (Act). Das Kommando Cyber stellt dabei einen Teil der Informationen und Daten zur Verfügung, welche benötigt werden, um diese vier Schritte schneller auszuführen als ein gegnerischer Akteur.

Schneller als der gegnerische Akteur

Ein Wissensvorsprung lässt sich auf zwei Wegen erzielen: Entweder durch den eigenen Wissensvorsprung oder durch einen Wissensrückstand des gegnerischen Akteurs. Der eigene Wissensvorsprung besteht dann, wenn die gesammelten Daten aktueller und besser verfügbar sind als diejenigen des gegnerischen Akteurs, wenn ihr Wahrheitsgehalt gewährleitstet ist und wenn sie rascher ausgewertet werden können. Welch katastrophale Folgen das Fehlen dieses Vorsprungs haben kann, zeigte sich zum Beispiel im Rahmen der Terroranschläge am 11. September 2001. Nachträgliche Untersuchungen haben ergeben, dass im Vorfeld der Angriffe durchaus gewisse Hinweise zur Planung der Anschläge in den einzelnen Ministerien und Abteilungen vorhanden gewesen wären. Da diese Informationen jedoch nie an einer Stelle zusammengeführt und verarbeitet wurden, entstand nie der notwendige Wissensvorsprung, um Gegenmassnahmen einzuleiten.

Durch gezielte Störung der Kommunikation des gegnerischen Akteurs, eine gute Tarnung der eigenen Kommunikation oder über die Versorgung des gegnerischen Akteurs mit falschen Informationen und die Beeinträchtigung der feindlichen Führungssysteme mit Hilfe von Cyberangriffen lässt sich ein Wissensrückstand des gegnerischen Akteurs erzeugen. Dies geschah in verschiedenen Situationen während des aktuellen Ukraine-Kriegs. Symbolhaft waren zum Beispiel Ende Mai die missglückten Flussüberquerungen im Osten der Ukraine durch die russischen Streitkräfte. Der Ursprung der massiven Verluste war in beiden Fällen fehlende oder falsche Informationen zu den Positionen, Absichten und zur Stärke der Ukrainischen Streitkräfte sowie mutmasslich ein massiver Zeit- und Erfolgsdruck unter den russischen Befehlshabern. Die Kombination dieses Wissensrückstands mit einer hohen Risikobereitschaft führte schliesslich zu massiven Verlusten an Personal und Material. Dieselben Probleme und Fehler waren schlussendlich auch die Ursache für den Rückzug der russischen Streitkräfte aus dem Nordosten der Ukraine. Gleichzeitig resultierte für die Ukraine aus dem Vorsprung sowohl ein taktischer als auch ein propagandistischer Erfolg. Für Streitkräfte ist der Entscheidungsvorsprung wichtig, um entweder schneller zu handeln als der gegnerische Akteur oder ihn in seiner Handlungsfähigkeit einzuschränken. Dies kann über defensive oder offensive Aktionen erfolgen.

Sphärenübergreifende Wirkung

Defensive Aktionen haben die Absicht, die eigenen Systeme, die technische Infrastruktur und Informationen jederzeit vor Einwirkungen des gegnerischen Akteurs zu schützen. Dies kann in allen Wirkungsräumen erfolgen: Elektronische Kriegsführungstruppen (EKF-Truppen) können beispielsweise die Abstrahlung von Funksystemen steuern. Cyberspezialistinnen und -spezialisten können den Schutz der Informations- und Kommunikationstechnologie-Systeme gewährleisten, wohingegen die Bodentruppen und die Luftwaffe Infrastrukturen physisch vor Einwirkungen eines gegnerischen Akteurs schützen können. Offensive Aktionen hingegen können direkte Angriffe und Störungen im Cyber- und elektromagnetischen Raum auf Systeme des gegnerischen Akteurs vorsehen. Cyberaktionen haben dabei insbesondere den Fokus, in den informationsverarbeitenden Systemen des gegnerischen Akteurs die Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit von Daten zu untergraben. Aktionen im elektromagnetischen Raum dienen hingegen mehrheitlich der Nachrichtenbeschaffung und der Störung von Funksignalen. Mit Angriffen am Boden oder aus der Luft können wichtige Infrastrukturen. Ein praktisches Beispiel für eine Operation mit sphärenübergreifender Wirkung ist die Operation «Orchard» der Israelischen Streitkräfte. Diese kombinierten 2007 zur Zerstörung eines syrischen Nuklear-Reaktors Cyber- und elektromagnetische Angriffe auf das Luftlagebild sowie die Luftabwehr der syrischen Streitkräfte mit direkt darauf aufbauenden Luftangriffen auf den Reaktor. Nachdem die israelischen Kampfflugzeuge unentdeckt in den syrischen Luftraum eingedrungen waren, konnten sie ungehindert die von Spezialkräften am Boden markierten Ziele angreifen und zerstören.

Im Alltag und im Konflikt

Zur Sicherstellung des Wissens- und Entscheidungsvorsprungs über alle Lagen verfolgt das Kommando Cyber permanent die Lage im Cyber und elektromagnetischen Raum. Um die Bereitschaft der Armee zu gewährleisten, muss sich die Armee auch im Alltag gegen Akteure mit kriminellen und nachrichtendienstlichen Absichten schützen. Dieser Schutz im eigenen Cyberraum bedeutet für die Armee, Cyberangriffe jederzeit zu erkennen und die Angreifer in der Erreichung ihrer Ziele stören zu können. Der Sensor-Nachrichtendienst-Führungs-Wirkungsverbund greift nicht erst im Ernstfall – sondern in allen Lagen.

Der Sensor-Nachrichtendienst-Führungs-Wirkungs-Verbund hat zum Ziel, schneller als ein gegnerischer Akteur zu sein oder den gegnerischen Akteur in die Position des Reagierenden zu zwingen.
Der Sensor-Nachrichtendienst-Führungs-Wirkungs-Verbund hat zum Ziel, schneller als ein gegnerischer Akteur zu sein oder den gegnerischen Akteur in die Position des Reagierenden zu zwingen. ©VBS/DDPS, Raphael Falchi


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