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Schweizer Offiziere im Regional Command West der KFOR

Zwei Vertreter der Schweizer Armee dienen der Friedensförderung im Kosovo und leisten ihren Einsatz im SWISSCOY Kontingent 47 als Stabsoffiziere beim Regional Command West in Pejë. Major i Gst Bernard De Sola und Major Sandro Abderhalden erzählen im Folgenden über ihre Erfahrungen im Camp Villaggio Italia.

03.11.2022 | Fachoffizier Cosimo Lupi, Presse- und Informationsoffizier SWISSCOY 47

Major i Gst Bernard De Sola und Major Sandro Abderhalden erzählen im Folgenden über ihre Erfahrungen im Camp Villaggio Italia.
Major i Gst Bernard De Sola und Major Sandro Abderhalden erzählen im Folgenden über ihre Erfahrungen im Camp Villaggio Italia.

Können Sie sich kurz vorstellen?

Major i Gst Bernard De Sola: Ich bin seit 2010 Berufsoffizier, arbeite im Kanton Freiburg und war bis zu meinem Einsatz für die Führung des Ausbildungszentrums Grandvillard zuständig. Im Rahmen meines KFOR-Einsatzes bin ich im Camp Villaggio Italia in der Nähe von Pejë stationiert, wo ich als Chief Assessment des Regional Command West (C Ass RC-W) arbeite. Diese Funktion ist in die Zelle Tactical Effect Center (TEC) eingegliedert, dessen Deputy Commander ich als zweithöchster Offizier bin. Meine Zelle analysiert die Daten aller Verbindungspatrouillen (LMT). Die Analyse ermöglicht, im Falle von besonderen Ereignissen sämtliche Stufen zu informieren und der höheren Stufe täglich einen klaren Überblick über die Lage sowie Anregungen zu liefern.

Major Sandro Abderhalden: Ich bin gebürtiger Tessiner und als Berufsoffizier im Stab des Lehrverbands Logistik in Thun tätig. Gegenwärtig befinde ich mich jedoch im Camp Villaggio Italia, in der Nähe von Pejë, wo ich als Current Operations Staff Officer (Current OP SO) im Tactical Operation Center (TOC) des Regional Command West (RC-W) im Einsatz bin. Ich habe verschiedene Aufgaben, von denen einige operativer, andere wiederum rein planerischer Natur sind. Bei Operationen ist das TOC in praktischer Hinsicht für die Führung der Aktion zuständig. Dabei gilt es, die Marschbereitschaftsgrade der kinetischen Einheiten zu erhöhen oder zu reduzieren, Patrouillen loszuschicken oder zu verschieben, Beobachtungsposten aufzustellen oder zu verlagern oder ganz einfach den Überblick über eine bestimmte Situation zu behalten. Im TOC werden die Lageanalysen vorgenommen und bei Bedarf weitere Massnahmen im Zusammenhang mit der laufenden Aktion ergriffen. In Notfällen agiert das TOC als Einsatzzentrale. Einer Notfallnummer gleich entsendet es Blaulichteinheiten (zum Beispiel die Militärpolizei oder die Feuerwehr des Camps) und organisiert medizinische Evakuierungen über den Luft- oder Landweg. Täglich wirke ich an der Erstellung der Lageanalysen mit, die sich mit den Aktivitäten und Bedingungen der unter dem Kommando des RC-W stehenden kinetischen Kräfte befassen.
 

Was ist für Sie das Spannendste an dieser Arbeit?

Major i Gst Bernard De Sola: Rein beruflich gesehen ist diese unvergleichliche Erfahrung eine enorme Bereicherung: eine neue Funktion in einer Struktur, die in dieser Form in der Schweiz nicht existiert, Kolleginnen und Kollegen mit einer unermesslichen Erfahrung (Kampfhelikopterpilot in der Türkei, italienische Spezialkräfte) und Erlebnisse während des operativen Einsatzes. Ich würde sagen, dass ich ständig Neues dazulerne. Zudem kann ich in dieser Funktion auch an der Erreichung eines Zieles arbeiten, das für mich sowohl beruflicher als auch privater Natur ist: Italienisch zu lernen. Da ich in einem italienischen Camp stationiert bin, sind auch meine Kolleginnen und Kollegen italienischsprachig. Zwar ist Englisch die offizielle Sprache, doch Italienisch trifft man ständig an.

Major Sandro Abderhalden: Das TOC ist dem Chef Operationen (S3) des RC-W unterstellt. Operativ gesehen werden hier für die Area of Responsibility die wichtigen Entscheidungen getroffen. Ich befinde mich demnach hier am Puls des Geschehens. In der Schweiz dagegen habe ich es mit ganz anderen Strukturen zu tun – und genau das finde ich an meinem Einsatz spannend. Jeden Tag lerne ich von Personen, die über Erfahrungen in Einsatzgebieten weltweit verfügen. Es ist eine konstante Bereicherung für mich.


Was können Sie von diesem Einsatz für Ihre militärische Laufbahn mitnehmen?

Major i Gst Bernard De Sola: Von meinem Einsatz werde ich neue Arbeitsabläufe sowie die Fähigkeit zur Synthese und Analyse von Informationen mitnehmen. Als künftiger Projektleiter und Chef Ausbildung der Querschnittsbereiche beim Lehrverband Fliegerabwehr 33 werde ich für den Nachrichtendienst zuständig sein. Insofern gibt es nichts Besseres als eine sechsmonatige Erfahrung in der TEC-Zelle, die in genau diesem Bereich spezialisiert ist.

Major Sandro Abderhalden: Nach und nach mache ich mich mit einer Arbeitssystematik vertraut, die sich komplett von jener unterscheidet, die ich gelernt und viele Jahre angewandt habe. Mein erster Eindruck ist, dass man hier operativ sehr agil ist. Es wird breitflächig nach der sogenannten Auftragstaktik gearbeitet. Vom Kommandanten werden Leitlinien auferlegt. Anschliessend fällen Offiziere oder Unteroffiziere – die häufig über eine grosse Erfahrung verfügen – die Entscheidungen, ohne dass Varianten oder eingehende Analysen präsentiert werden müssen. Dieses Vorgehen kann vielleicht dadurch erklärt werden, dass diese Einheiten bereits in viel anspruchsvolleren Einsatzgebieten weltweit tätig waren und dass aufgrund der jahrelangen Zusammenarbeit ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den Unterstellten oder Kolleginnen und Kollegen besteht. In der Schweizer Armee bin ich in der Milizfunktion als S3 im Logistikbataillon 92 tätig. Bei Operationen müssen wir, um effizient zu sein, rasch handeln können. Von meinem Einsatz werde ich bestimmt mit verschiedenen Tricks und Kniffen zurückkehren, die mir helfen werden, noch rascher zu agieren.


Welche Erwartungen hatten Sie vor Ihrer Abreise an die Mission? Wurden diese erfüllt oder nicht?

Major i Gst Bernard De Sola: Ich erwartete eine Herausforderung, ein angenehmes Umfeld und viel Neues. Sämtliche Erwartungen haben sich erfüllt. Das erweiterte Team, wenn man das ganze Camp Villaggio Italia mitrechnet, ist eine grosse Familie, die mich aufgenommen hat. Die Arbeit ist neu und täglich anders. Jeder Tag bringt Überraschungen mit sich (ein Bericht für den General, eine Sitzung an einem anderen Stützpunkt usw.).

Major Sandro Abderhalden: Ich bin mit einer offenen Haltung zu diesem Einsatz aufgebrochen. Mit der Vorstellung, neue Prozesse, Strukturen und Kulturen sowie interessante Menschen kennenzulernen. Bis jetzt läuft alles so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe wirklich keinen Grund, mich zu beklagen.


Was bedeutet es, für eine gewisse Zeit weit weg von zuhause und der Familie zu sein?

Major i Gst Bernard De Sola: Als Familienvater ist es etwas schwierig. Glücklicherweise kann ich meine Familie dank technologischer Hilfsmittel täglich sehen. Und ich habe die beste Ehefrau der Welt: Sie hat mir geholfen, eine Abschiedsfeier zu organisieren, und hat mich bei dieser Gelegenheit überrascht. Sie hat eine Liste angefertigt, auf der sich alle meine Freunde eintragen konnten, um mir jede Woche ein Paket zu senden. Jetzt erhalte ich wöchentlich mindestens zwei Pakete. Das freut mich ebenso wie meine Kollegen. Allerdings rücken nun die Ferien näher und dank der Unterstützung von SWISSINT und des Kontingents 47 werde ich bald bei meinen Angehörigen sein. Um nicht in Traurigkeit zu verfallen, habe ich mir drei private Ziele gesetzt: Italienisch zu lernen, im Englischen das C1-Zertifikat zu erwerben und athletisch zu werden.

Major Sandro Abderhalden: Ich gebe zu, dass es nicht einfach ist, von meiner Frau und meiner Familie getrennt zu sein, aber dank der modernen Kommunikationsmittel können wir jeden Tag in Kontakt bleiben. Ausserdem habe ich die Möglichkeit, in den Ferien nach Hause zu fahren. Kameraden aus anderen Ländern haben diese Möglichkeit nicht, daher kann ich mich glücklich schätzen. Ironischerweise bin ich jedoch auch weit von zu Hause entfernt, wenn ich in der Schweiz meinem Beruf nachgehe. Da ich in der Innerschweiz arbeite, ist das Tessin für mich immer weit weg, kulturell gesehen bin ich in mancher Hinsicht hier meinem zu Hause vielleicht näher als in der Schweiz. Hier spreche ich Italienisch und lebe die italienische Kultur. Im Villaggio Italia kennen wir alle einander, es ist wie eine grosse Familie, Bindungen entstehen schnell und man ist nie allein.


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