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«Beherrschen wir den bewaffneten Konflikt, sind alle Szenarien beherrschbar»

In den Überlegungen zum militärischen Gesundheitswesen der Zukunft liegt der Fokus auf dem Verteidigungsauftrag. Die Zusammenarbeit mit dem zivilen Gesundheitswesen ist jedoch in allen Lagen relevant. In der Strategischen Initiative «Militärisches Gesundheitswesen», unter der Leitung von Georg Zimmermann, geht es um Kompetenzen in der Militär- und Katastrophenmedizin, mobile Mittel und die Alimentierung von Fachpersonal zur medizinischen Versorgung.

01.09.2022 | Gaby Zimmer, Kommunikation Verteidigung

Die Kompetenzen in der Militär- und Katastrophenmedizin bei einem Massenanfall an Patienten ist eine der grossen Herausforderungen der Zukunft.
Die Kompetenzen in der Militär- und Katastrophenmedizin bei einem Massenanfall an Patienten ist eine der grossen Herausforderungen der Zukunft. ©VBS/DDPS Philipp Schmidli

Georg Zimmermann, wo besteht der grösste Handlungsbedarf im militärischen Gesundheitswesen?

Georg Zimmermann ist Leiter Grundlagen Sanitätstruppen und Verantwortlicher der Strategische Initiative «Militärisches Gesundheitswesen». Bild zvg.

Georg Zimmermann: Die grösste Herausforderung ist, die angemessene, heute geltende medizinische Versorgung in Ausbildung und Einsatz sicherzustellen. Die medizinische Versorgung erbringen wir während der gesamten Dienstpflicht: von der Rekrutierung über die medizinische Grundversorgung zur prähospitalen Notfallversorgung bis hin zur hospitalen Versorgung während des Dienstes und dies bis zum Ende der Dienstpflicht. Dabei hat jeder Armeeangehörige das verfassungsmässige Recht, gemäss zivilen Vorgaben behandelt zu werden. Dies hat zur Folge, dass sich das militärische Gesundheitswesen auf das zivile Gesundheitswesen abstützen muss, weil es nicht sämtliche Leistungen selber erbringen kann.

Im Alltag beschäftigt sich der Sanitätsdienst mit der Gesunderhaltung der Truppe. Bei einem Grossereignis oder gar einem Konflikt verschieben sich die Aufgaben. Was steht dabei im Zentrum?

Die Versorgung der Armeeangehörigen ist ein Prozess über alle Lagen. Zusätzlich verfügen wir über spezielle Kompetenzen bei einem Massenanfall von Patienten, für eine medizinische ABC-Abwehr – aktuelles Beispiel ist die COVID-Pandemie – und die medizinischen Auswirkungen von Terroranschlägen, Kriegen und Katastrophen. Dabei müssen die Leistungen des militärischen Gesundheitswesens unter speziellen taktischen Bedingungen erbracht und eng mit dem zivilen Gesundheitswesen koordiniert werden. All dies muss permanent auf dem neuesten Stand gehalten werden und auch zur Beratung und Unterstützung des zivilen Gesundheitswesens dienen. Ziel muss sein, durch besondere medizinische Massnahmen das Überleben möglichst vieler Patienten sicherzustellen. Klar ist, dass wir uns im militärischen Gesundheitswesen auf einen bewaffneten Konflikt ausrichten müssen. Beherrschen wir den bewaffneten Konflikt sanitätsdienstlich, sind alle Szenarien beherrschbar. Doch schaffen wir das nie alleine. Wir sind auf die Unterstützung durch das zivile Gesundheitswesen angewiesen, insbesondere im hospitalen Bereich.

Seit Jahren fehlen der Armee Ärzte. Wo liegt die Lösung?

Seit zehn Jahren steigt die Gewinnung von Militärärztinnen und -ärzten dank eines sehr attraktiven Ausbildungskonzeptes kontinuierlich. Langfristig sind wir jedoch auf die massgebende Beteiligung der Ärztinnen im militärischen Gesundheitswesen angewiesen, denn der Frauenanteil im Medizinstudium liegt massiv über fünfzig Prozent. Damit ist auch klar, wie stark die Wechselwirkungen dieser strategischen Initiative zu vielen anderen Initiativen sind, so zum Beispiel zur «Alimentierung der Armee» oder auch zur «Gewinnung der Miliz». In unserem Rahmen prüfen wir innovative Ansätze wie den Einsatz von Telemedizin oder die Unterstützung der Militärärztinnen und -ärzten durch sogenannte Physician Assistants. Diese übernehmen delegierte klinisch-medizinische Aufgaben selbständig und entlasten so die Ärztinnen und Ärzte.

Welche «Produkte» der aktuellen Doktrin werden sich auch in Zukunft bewähren?

Grundsätzlich sind wir mit der aktuellen Doktrin gut gerüstet. Insbesondere die Erweiterung der Selbst- und Kameradenhilfe durch das sogenannte Tactical Combat Casualty Care – der Verwundetenversorgung im Gefecht gemäss Grundsätzen für die erweiterten, präklinischen Erste-Hilfe-Massnahmen im Gefecht –, um das unmittelbare Überleben sicherzustellen. Doch nützen all diese Massnahmen nichts, wenn nach der Erstversorgung im Ablauf eine derartige Lücke klafft, dass ein Verwundeter den Transport in ein Spital nicht überlebt. Da haben wir Nachholbedarf. Doktrinal ist dieser Teil zwar schon heute mit den Sanitätshilfsstellen teilweise abgedeckt. Im modernen Gefechtsfeld wird die Evakuation von Patienten eine besondere Herausforderung, welche wir wieder angehen müssen. Auch im Bereich der Massnahmen bei einem Transportstopp müssen wir die bestehenden Ansätze weiterentwickeln, zum Beispiel die Verstärkung in der Notfallmedizin durch Spezialisten. Angedacht ist hier etwa der Einsatz sogenannter Forward Surgical Teams. Bei den mobilen Spitalkomponenten muss nebst der bewährten Integration in zivile Spitäler auch der eigenständige Einsatz in Modulen ausgebaut werden, sprich Notfallstation, stationäre Behandlung, Sterilisation und so weiter.

Georg Zimmermann, danke für dieses Gespräch.


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