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Unparteilichkeit – der Schlüssel im Nahen Osten

Sandra Stewart, Kommunikation SWISSINT, sprach mit Divisionär Patrick Gauchat, Missionschef UNTSO, Naher Osten

19.07.2022 | Kommunikation SWISSINT

Divisionär Patrick Gauchat wurde unter sieben internationalen Bewerbern ausgewählt und leitet als Missionschef die UNO-Mission UNTSO seit Dezember 2021. Zuvor diente er bereits in der UNTSO als Militärbeobachter auf den Golanhöhen und im Sinai (2000–2001) und als stellvertretender Missionschef (2011–2013)

 

Herr Divisionär, Sie sind der erste Schweizer Offizier an der Spitze einer UNO-Mission. Was bedeutet dies für die Schweiz und die Schweizer Armee? Und was für die UNO?

Für die Schweiz ist es eine Ehre, einen General als Chef der United Nations Truce Supervisory Organisation (UNTSO) zu entsenden. Dies unterstreicht die markante Aussenwirkung der Schweiz auf den obersten Ebenen der UNO sowie in den fünf mit dem UNTSO-Mandat verbundenen Ländern Israel, Syrien, Libanon, Ägypten und Jordanien. Es handelt sich um eine politisch sensible Region, so dass der Missionschef in seiner Arbeit taktvoll und diplomatisch vorgehen muss, typisch schweizerisch also. In einem Jahr, in dem die Schweiz sich um Einsitz im UNO-Sicherheitsrat bemüht, zeigt diese Berufung auch, wie sich unser Land für den Weltfrieden engagiert. Für die Schweizer Armee ist sie ein Beleg dafür, dass die UNO die Kompetenzen und die ausgezeichnete Ausbildung der Schweizer Armeeangehörigen respektiert und zu schätzen weiss. Für die UNO und die Gastgebernationen hat unsere Schweizer Nationalität den zusätzlichen Vorteil, dass sich ein neutraler, unparteiischer und bündnisfreier Mitgliedstaat engagiert. Wie wichtig diese unparteiische Haltung ist, zeigt sich daran, dass Israel, Syrien und Libanon mich direkt ersucht haben, bei der Arbeit der UNTSO neutral zu bleiben, insbesondere bei der Beobachtung und Meldung militärischer Zwischenfälle und vermuteten Verletzungen.

Was sind Ihre Aufgaben?

Als Missionschef trage ich die Verantwortung für sämtliche operationellen und administrativen Aktivitäten sowie für die Leitung, Verwaltung und Ressourcen der Mission. Die Umsetzung des Mandats erfordert ein zielführendes und effizientes Vorgehen innerhalb des von den Mitgliedstaaten genehmigten Rahmens. Meine politische und verbindende Rolle umfassen regelmässige Gespräche auf hoher Ebene mit den fünf Parteien der Waffenstillstandsabkommen. Diese Gespräche sind von entscheidender Bedeutung, um vertrauensvolle Beziehungen und eine solide Kommunikation mit den Parteien, internationalen Akteuren und Vertretern der UNO, einschliesslich der truppenstellenden Ländern, sicherzustellen. Im militärischen Bereich bin ich dafür zuständig, dass die Militärbeobachter die operationellen Überwachungsaufgaben gemäss Mandat korrekt ausführen. Dies ist eine zentrale Vorbedingung für längerfristige Friedensgespräche auf der politischen Ebene und für die relative Sicherheit der Bevölkerung.

Inwiefern profitieren Sie von Ihrer grossen Einsatzerfahrung?

Dank meiner Einsätze in Korea, in Kosovo und im UNO-Hauptquartier in New York bringe ich ein umfassendes Verständnis und reiche Erfahrung in ein hochpolitisch-militärisches Umfeld ein und verfüge zudem über Benchmarks zur Entwicklung neuer Ideen für vertrauensbildende Massnahmen. Während meinen Einsätzen in der UNTSO habe ich viel über die Geschichte und Geografie sowie die verschiedenen Kulturen und Religionen im Nahen Osten gelernt. Ich habe vertiefte Einsichten in den Umfang der UNTSO-Aufgaben und die Anforderungen an eine enge Zusammenarbeit mit deren regionalen Partnern gewonnen. Daher konnte ich von Anfang an neue Initiativen lancieren und die Integrität der Mission bewahren.

Welche Änderungen nehmen Sie im Umfeld der Mission wahr?

Die offensichtlichste Veränderung ist die Entwicklung des Konflikts in Syrien, der nun ins 11. Jahr geht. Die Beobachtergruppe Golan war hiervon direkt betroffen – in sicherheitstechnischer und operationeller Hinsicht. Die Auswirkungen werden nun durch eine schrittweise Rückkehr auf die von Syrien kontrollierte Seite und mit Hilfe von zusätzlichen Schutzmassnahmen, Konstruktionen und Verfahren überwunden. Neue Entwicklungen in den vergangenen drei Jahren waren insbesondere die israelischen Normalisierungsabkommen mit einigen Golfstaaten, die Nukleargespräche mit dem Iran und die Gefahr eines finanziellen Zusammenbruchs im Libanon.

Was sind die grössten Herausforderungen?

Die Dauer der Mission, die regelmässigen Rotationen in der militärischen und zivilen Belegschaft sowie Änderungen in den Beziehungen zwischen den Staaten in der Region haben meiner Ansicht nach dazu beigetragen, dass sich der Raum für die parteien- und standortübergreifende Umsetzung des Mandats verengt hat. Auf taktischer Ebene führt dies zu Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und des Zugangs sowie zu immer grösseren administrativen Anforderungen bei der grenzüberschreitenden Verlagerung von Menschen und Material in den fünf Ländern. Die COVID-19- bedingten Auflagen haben uns ebenfalls zu Adaptationen und Flexibilität gezwungen.

In welcher Form arbeitet die UNTSO mit UNDOF und UNIFIL zusammen?

Die Zusammenarbeit von UNTSO und UNIFIL bzw. UNDOF verläuft reibungslos, eng und umfassend. Dies ist ein Muss, damit alle drei Missionen möglichst effektiv arbeiten können und sichergestellt ist, dass die Wirkung der einzelnen Missionen durch die anderen beiden verstärkt wird. Die politische und friedensfördernde Architektur im Nahen Osten ist komplex, sie bemüht sich aber, auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Konfliktparteien einzugehen. Eine meiner Prioritäten besteht in der engen Zusammenarbeit mit meinen Pendants bei der UNDOF und der UNIFIL – eine gute Zusammenarbeit zieht sich logischerweise durch sämtliche zivilen und militärischen Stellen der Mission.

 

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