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Sicherheit am Schweizer Himmel

Wenn zwei Kampfjets der Schweizer Luftwaffe zu einer «Hot Mission» starten, ist gleichzeitig Vollgas und Ruhe bewahren angesagt. Hat das Flugzeug, welches einen solchen Einsatz ausgelöst hat, nur ein technisches Problem oder steckt eine böse Absicht hinter der Verletzung der geltenden Luftverkehrsregeln? Ein Blick hinter die Kulissen des Luftpolizeidienstes.

01.07.2022 | Kommunikation Verteidigung, Nicole Anliker

Um den Luftpolizeidienst zu erfüllen, stehen rund um die Uhr zwei bewaffnete F/A-18 Kampfjets bereit, um innert 15 Minuten zu starten
Um den Luftpolizeidienst zu erfüllen, stehen rund um die Uhr zwei bewaffnete F/A-18 Kampfjets bereit, um innert 15 Minuten zu starten. ©VBS/DDPS, Donat Achermann

Am Donnerstag, 16. Juni 2022, um 18.50 Uhr, wurde die Schweizer Luftwaffe zu einem Notfall gerufen. Eine Airline brauchte Unterstützung. Der Einsatz musste mit Überschallflügen erfolgen, damit die Luftwaffe möglichst rasch vor Ort war und das Flugzeug sicher und unbeschadet zum Flughafen Zürich begleiten konnte. Doch schön der Reihe nach: Wird in der Einsatzzentrale der Schweizer Luftwaffe in Dübendorf ein Flugzeug entdeckt, das sich entweder in einer Notlage befindet, gegen Luftverkehrsregeln verstösst oder die Lufthoheit der Schweiz verletzt, löst der Chief Air Defence (CAD) den Alarm für den Luftpolizeidienst aus. Dann sind jederzeit zwei bewaffnete F/A-18 innert 15 Minuten in der Luft, um das entsprechende Flugzeug abzufangen. Wenn sich bereits unbewaffnete Kampfflugzeuge in der Luft befinden, können auch diese befohlen werden, um zu helfen.

Höchste Konzentration und Schnelligkeit

Der Einsatzleiter in der Air Defence Direction Center (ADDC) in Dübendorf ist umgeben von Bildschirmen und einem Team, das genau beobachtend das Geschehen im Schweizer Luftraum im Auge behält. Gibt es eine Unstimmigkeit, befiehlt er zwei F/A-18-Piloten für eine «Hot Mission». Dazu steigen die Piloten, die in erhöhter Einsatzbereitschaft standen, mit ihren Jets hoch und starten die Kontaktaufnahme mit dem regelverstossenden Flugzeug. Werden die Lufthoheit oder die Luftverkehrsregeln schwerwiegend verletzt oder befindet sich ein Flugzeug in einer Notlage, spricht man von einer «Hot Mission». Ähnlich, wie wenn die Polizei mit Sirene und Blaulicht ausrücken würde.

Als «Live Mission» wird das Kontrollieren eines Flugzeuges mit diplomatischer Bewilligung bezeichnet. Denn alle ausländischen Staatsluftfahrzeuge brauchen diese Bewilligung, um im Schweizer Luftraum fliegen zu dürfen. Bei der «Live Mission» wird überprüft, ob das Flugzeug mit der korrekten Bezeichnung zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist – wie bei einer Verkehrskontrolle der Polizei.

Handlungsspielraum ist begrenzt

Die Piloten sind für Situationen, wie die einer Hot Mission» ausgebildet. Sie müssen in dieser besonderen Lage schnell reagieren, richtig urteilen und konsequent handeln. Dabei ist der Handlungsspielraum für die Piloten relativ gering und von der Sachlage abhängig. Manchmal geht es darum, das Flugzeug zu identifizieren, ein anderes Mal um eine technische Hilfeleistung zu erbringen. Etwa, wenn keine Funkverbindung besteht. Sollte diese Kontaktaufnahme nicht funktionieren, könnten die Militärpiloten mittels standardisierten Zeichen – zum Beispiel mit Flügelschwenken – kommunizieren. Verhält sich der abgefangene Pilot dabei nicht kooperativ, dienen sogenannte «Flares», die normalerweise als Täuschkörper für Infrarotlenkwaffen eingesetzt werden, als letzte Warnung vor einem Waffeneinsatz.

Verhältnismässigkeit walten lassen

Der Luftpolizeidienst erfolgt bewaffnet. Damit ist, wie auch bei der Polizei, immer die Drohung verbunden, die Waffe als Ultima Ratio einzusetzen. Der F/A-18 verfügt über eine Bordkanone, Infrarot-Lenkwaffen und zwecks Allwettereinsatzfähigkeit Radar-Lenkwaffen.

«Bis jetzt haben wir das glücklicherweise noch nicht erlebt, und zu diesem drastischen Schritt würde nur im äussersten Notfall gegriffen», erzählt der Einsatzleiter. Die Befehlsgewalt über einen Abschuss ist dabei klar geregelt und liegt je nach Situation bei der Chefin VBS, beim Kommandanten der Luftwaffe oder beim Chief Air Defence. Bei jeder Intervention der Luftpolizei gilt das Credo der Verhältnismässigkeit. So kann ein Flugzeug nicht nur identifiziert oder abgeschossen werden, sondern auch aus einer Sperrzone geführt oder auf einem Flugplatz interniert werden.

Internationale Konferenzen

Viele mächtige Regierungs- und Organisationsvertreter aus aller Welt beraten sich gerne in der Schweiz – beispielsweise am 4. und 5. Juli anlässlich der «Ukraine Recovery Conference» in Lugano. Für den Luftpolizeidienst bedeutet das eine verstärkte Präsenz. Bei erhöhtem Bedarf, wie eben beim Konferenzschutz, wird die Überwachung mit mobilen boden- und luftgestützten Sensoren lokal zusätzlich verdichtet. Damit die Sicherheit und Souveränität im Schweizer Luftraum jederzeit gewährleistet ist.

Sicherheit rund um die Uhr

Um den Luftpolizeidienst zu erfüllen, stehen seit Ende 2020 während sieben Tagen die Woche rund um die Uhr zwei bewaffnete F/A-18 Kampfjets bereit, um innert 15 Minuten zu starten. Durchschnittlich gibt es pro Jahr rund 250 Live Missions und 20 Hot Missions, davon rund 15 Einsätze im Überschallbereich.

Luftpolizeidienst 24

Überschallknall

Im Zusammenhang mit Luftpolizeieinsätzen kann es jederzeit zu Überschallflügen mit entsprechendem Knall kommen. In diesen Fällen lässt sich Fluglärm nicht vermeiden. Die Luftwaffe ist jedoch stets bestrebt, die Anzahl der Überschallflüge auf einem absoluten Minimum zu halten und hält sich an restriktive Vorgaben.

Überschallflüge

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Identifikation eines Flugzeuges durch die Luftwaffe – Standby 121,5

Was muss ich als Pilot unternehmen, wenn neben mir plötzlich ein Militärflugzeug auftaucht? Wie muss ich mich verhalten? Was bedeutet es überhaupt und was will die Luftwaffe von mir? Jérôme «Geronimo» d'Hooghe, ehemaliger Chief of Air Defense Branch der Luftwaffe, erklärt in einem Video alles ausführlich.


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