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Vom Assessment bis zum Einsatz

Major Mark Styblo leistete verschiedene Einsätze zugunsten der militärischen Friedensförderung – unter anderem in Georgien, in Korea, im Nahen Osten und aktuell im Kaschmir. Um die Herausforderungen in solch wechselhaften und angespannten Regionen erfolgreich zu meistern, durchlaufen angehende UNO-Militärbeobachter und Stabsoffiziere eine intensive Vorbereitungsphase und werden in unterschiedlichen Ausbildungssequenzen auf die Probe gestellt. Wie der Weg von der Bewerbung bis zum Einsatz abläuft, zeigt Major Styblo auf.

21.10.2021 | Major Mark Styblo, Militärbeobachter UNMOGIP, Kaschmir

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Eine praktische Übung des Ausbildungskurses für angehende Militärbeobachterinnen und Militärbeobachter umfasst Erste Hilfe bei einem Verkehrsunfall (Juli 2018).

Es ist schummrig und stickig im Raum, in dem ich mich befinde. Durch ein Fenster, das mit Sandsäcken und Holzlatten improvisiert geschützt ist, schimmert etwas Licht. Licht gelangt ebenfalls durch die verschieden grossen Löcher, die das Fenster umranden und vom Einschlag eines Mörsers stammen. Meine Aufgabe als unparteiischer, neutraler Militärbeobachter der UNO besteht an diesem Ort darin, die Aussagen der aufgebrachten Zeugen aufzunehmen – also der Bewohner dieser abgelegenen Hütte, die durch das Gebirge nur zu Fuss erreichbar ist und sich auf über 3000 Meter Höhe befindet. Diese geriet ins Kreuzfeuer zweier Parteien entlang der Demarkationslinie, der sogenannten Line of Control, welche den indischen und pakistanischen Verwaltungsteil des Kaschmirs voneinander trennt. Die Informationen, die ich von den Bewohnern erhalte, sind sicherheitsrelevant und fliessen in die Lagebeurteilung der UNO-Mission vor Ort ein. Sie zeigen einen möglichen Verstoss gegen das Waffenstillstandsabkommen auf.

Heikle, von einem Dolmetscher übersetzte Gespräche, wie jenes in der abgelegenen Hütte, sind Teil meiner Aufgaben in der militärischen Friedensförderung. Fingerspitzengefühl ist hier gefragt. Genau dieses wurde mir vor mehreren Jahren im Verlaufe der Ausbildung zum Militärbeobachter vermittelt und bis heute wende ich dieses an. Es gibt mir Sicherheit in meiner Arbeit.

Die Vorbereitung für einen Einsatz beginnt lange vor der Entsendung in eines der aktuell 19 Einsatzgebiete, wo die Schweizer Armee internationale friedensfördernde Missionen unterstützt. Sie fängt mit der Entscheidung des Offiziers oder der Offizierin an, sich für einen Einsatz zugunsten der UNO zu bewerben. Hier gilt es die Grundvoraussetzungen der UNO zu berücksichtigen, wie Vorgaben bezüglich des Alters oder der Absolvierung einer Offiziersschule. Erfüllt ein Bewerbender diese, erfolgt ein medizinischer Check-in einem der Rekrutierungszentren der Schweizer Armee. Ist dieses Ergebnis positiv, werden die Kandidierenden im Kompetenzzentrum SWISSINT während eines zweitägigen Assessments auf ihre Eignung hin überprüft: Bestandteil sind beispielsweise Abklärungen zur Motivation für den Einsatz sowie zu körperlichen und geistigen Voraussetzungen, Englischtests und Fragen über den Charakter. Diese Überprüfungen dienen der Feststellung, ob eine Kandidatin oder ein Kandidat die Grundvoraussetzungen zum Bestehen der einsatzbezogenen Ausbildung erfüllt sowie den physischen und psychischen Anforderungen während dem Einsatz gewachsen ist.

Wer dieses Assessment erfolgreich meisterte, wird für die einsatzbezogene Ausbildung bei SWISSINT aufgeboten. Diese erfolgt mit der Teilnahme am fünfwöchigen Swiss United Nations Military Observer Course (SUNMOC), der in nationale und internationale Teile gegliedert ist. Die nationalen Ausbildungen umfassen medizinische Hilfe, den sicheren Umgang mit militärischen Fahrzeugen im unwegsamen Gelände, Funkregeln der UNO sowie die Handhabung von GPS-Geräten und internationalen Karten. In den internationalen Ausbildungsteilen wird der Fokus einerseits auf theoretisches Grundlagenwissen über die UNO, deren Funktionsweise sowie die Ansätze von multidimensionalen Operationen in der Friedensförderung gelegt – andererseits auch auf das praktische Handwerk. So bilden Sicherheit und Selbstschutz, Verhandlungsführungen und Investigationen, Beobachtungstechniken und Reporting elementare Ausbildungsinhalte. Mittels anspruchsvollen und realitätsnahen Szenarien werden die angehenden Militärbeobachterinnen und Militärbeobachter geschult, um bei herausfordernden Gesprächssituationen, Verkehrsunfällen mit Verletzten oder dem Austausch mit Kommandeuren von Streitkräften oder Aufständischen bestehen zu können.

Mit dieser Ausbildung werden optimale Voraussetzungen für die Ausübung der künftigen Tätigkeit geschaffen. Die Kursteilnehmenden werden zudem auf aussergewöhnliche Situationen wie Überfälle oder Minen vorbereitet, mit denen sie während dem Einsatz plötzlich und unerwartet konfrontiert werden könnten. Die Reaktionen und der Umgang mit solchen Stresssituationen erlauben zudem den einsatzerfahrenen Ausbildenden ein abschliessendes Urteil darüber, wer für einen Einsatz geeignet ist und wer nicht.

Nach Bestehen des SUNMOC geht es für die Schweizer Teilnehmer direkt weiter: Um ebenfalls als UNO-Stabsoffizier eingesetzt werden zu können, besuchen sie einen weiteren durch die UNO zertifizierten Kurs. Dort werden sie in Stabsprozessen geschult und erfahren die Unterschiede zwischen der Arbeit in internationalen Stäben und jenen der Schweizer Armee. Als letzter Ausbildungsabschnitt, kurz vor der Entsendung, folgt der Einsatzvorbereitungskurs. Dieser bereitet die Schweizer Offiziere spezifisch auf das Einsatzgebiet vor. Thematisiert werden hierbei zum Beispiel Umweltrisiken, Kriminalität oder die aktuelle Lage und zu erwartende Herausforderungen. Nach diesen intensiven Ausbildungen sind die Frauen und Männer, die sich freiwillig für einen Einsatz bewarben, bereit, um in einer der aktuell über einem Dutzend von der Schweiz unterstützen Missionen anzutreten und erfolgreich zu bestehen.

 

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