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Bauen am Berg

Damit die Schweizer Armee in allen Lagen sichere Kommunikationsverbindungen hat, baut sie ihre eigenen Rechenzentren und ein eigenes Verbindungsnetz. Für dieses Kommunikationsnetz gelten besondere Anforderungen an den Schutz der Bauten. Das wiederum bringt Herausforderungen während den Bauarbeiten mit sich.

01.10.2021 | Kommunikation Verteidigung, Anna Muser

Unter dem Schnee liegt schützenswerte Flora und Fauna, die sonst nur in der Arktis vorkommt. Die Talstation ist deshalb gleichzeitig eine Forschungsstelle einer alpinen Forschungsstation. ©VBS/DDPS

Auf der einsamen Passstrasse vor Marco Schütz* schleicht ein Schwertransporter mit einem Deutschschweizer Kennzeichen. Wahrscheinlich mit demselben Ziel wie Schütz: Die Materialseilbahn auf der Passhöhe. Sie bringt Material zur Baustelle auf den Berg, wo eine IKT-Anlage für das Führungsnetz Schweiz gebaut wird. Schütz ist der Baustellenchef, wohnt im Raum Innerschweiz und konnte den direkten Weg zur Talstation wählen. Nicht so der Schwertransporter vor ihm. Wegen Gewichtsbeschränkungen auf den Passtrassen musste der Lastwagen wohl einiges früher losfahren und einen Umweg von mehreren Stunden machen. Der Wind peitscht Regen gegen die Windschutzscheibe von Schützs Wagen. Bei Ankunft wird er erstmal eine längere Pause machen müssen. Bei diesem Wetter fährt weder die Materialseilbahn, noch die Personenseilbahn hoch zur Baustelle auf über 2500 Meter über Meer. Das Wetter sollte im Verlauf des Tages besser werden. Falls nicht, wird Schütz auf der Passhöhe in einem kleinen Container übernachten. Die kommenden Sommerwochen müssen er und seine Mitarbeiter dringend nutzen, um auf der Baustelle am Berg voran zu kommen. Bereits jetzt sind sie gegenüber der Planung im Rückstand wegen einem schneereichen Winter wie auch viel Regen und Sturm im Frühling.

Planänderung ist Alltag

Auf der Passhöhe wartet ein kleines Durcheinander auf Schütz. Ein Zulieferer ist bereits mit einer Ladung Material vor Ort, das erst in zwei bis drei Wochen verarbeitet werden kann. Wegen schlechten Witterungsbedingungen hat sich die Planung verschoben und die Arbeiten des Zulieferers sind noch nicht fällig. «Auch wenn wegen äusseren Umständen oft neu geplant werden muss, kommt es selten vor, dass etwas falsch angeliefert wird. Auf solchen Baustellen arbeiten Leute mit sehr viel Erfahrung in der Planung und die braucht es auch», erklärt Schütz, bevor er sich dem Thema annimmt. Der Zulieferer möchte sein Material abladen und in zwei Wochen für die Verarbeitung wiederkommen. Die Platzverhältnisse vor Ort sind jedoch sehr knapp. Zudem keimen unter der Schneeschicht schützenswerte Pflanzen, die Möglichkeiten zur Lagerung von schwerem Material wird dadurch zusätzlich eingeschränkt. Der Zulieferer muss unverrichteter Dinge wieder zurückfahren. «Die Frusttoleranz muss schon hoch sein bei diesen Bauprojekten. Dem sind sich aber alle bewusst. Am Ende kann niemand das Wetter beeinflussen», führt Schütz weiter aus.

Das Wetter als Taktgeber

Während der Wind etwas nachlässt und es nur noch regnet, beginnen Schütz und seine Kollegen damit, einen kleinen Bagger zu zerlegen und in Transportkübel zu verteilen. Die Materialseilbahn, die extra für diese Baustelle errichtet wurde, kann maximal fünf Tonnen transportieren. Dafür ist das Baugerät dann doch wieder zu schwer. Auf der Bergstation bei der eigentlichen Baustelle wird der Bagger dann wieder zusammengebaut. Nach der Arbeit nimmt auch der Regen ab und Schütz zieht sich kurz in den Wohncontainer zurück, um trockene Kleidung anzuziehen. Alle, die auf der Baustelle tätig sind, haben immer genügend Kleidung für jede Witterung dabei. «Hier am Berg ist das Wetter unberechenbar. Wer nicht warm genug gekleidet ist und in eine Notsituation kommt, der spielt schnell mit dem Leben», sagt Schütz. Der Sicherheit der Arbeitenden wird höchste Priorität beigemessen, der Termindruck ist dann zweitrangig.

Sinn und Zweck der Bauarbeiten

Endlich oben bei der Baustelle angekommen, muss zuerst wieder Material für den Transport zur Talstation bereitgemacht werden. «Hier oben ist es ein bisschen wie bei Tetris», grinst Schütz. Der Platz ist auch hier beschränkt und die Planung der Arbeiten beinhaltet immer auch die Planung von Zu- und Wegtransport und die Lagerung des Materials vor Ort. Die Arbeit an der eigentlichen Baustelle kann nun beginnen. Am Gebirgsstandort wird eine IKT-Anlage für das Führungsnetz Schweiz gebaut. Hier laufen verschiedene Kommunikationsverbindungen zusammen. In der ganzen Schweiz gibt es mehr als hundert solcher Knoten.

Für eine sichere Schweiz

Nach der Arbeit kehrt Schütz mit seinen Kollegen wieder zurück zur Talstation. Das Wetter hat sich beruhigt und die Wolken verwandeln die Berglandschaft in eine magische Szenerie. Alle geniessen die Aussicht. «Die Arbeit ist oft strapaziös, das stimmt», bestätigt Schütz. «Es gibt aber auch sehr viele gute Momente. Die Kameradschaft über die eigene Organisation hinaus ist einzigartig und wir alle wissen, wofür wir diese Strapazen auf uns nehmen.» Damit verabschiedet sich Schütz und zieht sich in den Wohncontainer zurück. Dank dem Führungsnetz Schweiz ist es der Armee und auch dem Sicherheitsverbund möglich, die Kommunikation auch in ausserordentlichen Lagen zu gewährleisten. Für die Sicherheit der Schweiz.

*Name geändert

Fotos

Führungsnetz Schweiz

Was ist das Führungsnetz Schweiz?

Das Führungsnetz Schweiz lässt sich vergleichen mit Nervenbahnen, das Informationen von den Rechenzentren (den Gehirnen) über das Land verteilt. Das Führungsnetz Schweiz ist robust gebaut. Das heisst, die Kommunikationsverbindungen verlaufen beispielsweise durch den Talboden, anstatt über eine Brücke geführt zu werden. So bleibt die Verbindung auch bei Ereignissen wie bei einem Erdbeben bestehen. Da, wo sich Verbindungen vom Führungsnetz treffen, entstehen sogenannte Knoten. Diese müssen besonders geschützt werden. Die Telekommunikation der Armee funktioniert dabei wie Sinnesorgane. Das ist die mobile Erweiterung des Netzes im Gelände. So können Informationen auch von mobilen Standorten aus in das Netz eingespeist oder dort verwendet werden. Zum Beispiel kann das bei einem grossen Unwetter nützlich sein, wenn ganze Regionen wegen Erdrutsch von der Umgebung abgeschnitten werden. So passierte es im Jahr 2017 in Bondo.