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Milizarmee: Der Bürger wird Soldat und dann wieder Bürger

Während im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert das Ausland stehende Heere auf- und ausbaute, bewahrte die Schweiz ihr Milizsystem. Dieses fusst auf dem fast 800 Jahre alten Prinzip des Bürgers in Uniform. Und noch immer haben wehrpflichtige Männer ihre Waffe griffbereit und leisten Dienst, wenn sie aufgeboten werden.

08.07.2021 | Kommunikation Verteidigung, Fahrettin Calislar

Typisch Miliz: Bei Bedarf tauscht der Bürger das Ziviltenü gegen den Tarnanzug.
Typisch Miliz: Bei Bedarf tauscht der Bürger das Ziviltenü gegen den Tarnanzug. ©VBS/DDPS, Nicola Pitaro

Das Milizsystem ist ein Pfeiler der Schweizer Identität. Und mit ihm die Milizarmee mit dem Militärdienst. Der Bürger wird für die Ausbildung und im Ernstfall zu den Waffen gerufen. Er ist bereit, seine Familie, sein Dorf und sein Land sogar mit dem Leben zu verteidigen. Sobald der Dienst vorbei ist, kehrt er zurück in sein Privatleben. Damit verbunden: das Prinzip der Wehrpflicht und des Volksheers aus der Französischen Revolution.

In vielen Bereichen übernimmt der Einzelne neben dem Beruf wichtige gesellschaftliche Funktionen in:

  • Parlamenten,
  • der Feuerwehr,
  • Gemeinden und Kirchen und
  • der Pflege von Alten und Kranken

Frühe Ursprünge

Die Schweiz im späten Mittelalter war ein loses Bündnis von Herrschaftsgebieten. Jedes führte eigene Miliztruppen. Diese unterschieden sich in Schlagkraft und Organisation. Wenn die Tagsatzung, der eidgenössische Rat zum Krieg rief, stellten die Orte Truppen. Die Tagsatzung versuchte erfolglos, aus diesen Verbänden eine einheitliche Armee zu schmieden.

Söldner und Soldaten

Die Kantone durften für die Aufgebote auch Söldner zurückrufen, die sie zuvor für den Kriegsdienst zu den Königen Europas geschickt hatten. Die Kantone erhielten mit den Heimkehrern jedoch kriegserfahrene und militärisch gut geschulte Soldaten.

Die Armee des Bundesstaats

Der Wiener Kongress bestätigte 1815 die Neutralität der Schweiz und verlangte ein Bundesheer. Eine Folge davon ist die Gründung der Zentralschule der Armee 1819. Der Bundesstaat von 1848 beschloss die allgemeine Wehrpflicht. Er führte eine einheitliche Armeeorganisation und Ausbildung samt Rekrutenschule ein.

Vor dem Bundesstaat hatte jeder Wehrmann sein Material selbst beschafft. Seither übernimmt der Bund die Kosten für Ausrüstung, Sold, Unterkunft und Verpflegung. Der Bürger-Soldat nimmt Waffe und Ausrüstung generell nach Hause. Er unterhält das Material und zieht sich die Uniform an, wenn er zur Ausbildung oder in den Aktivdienst gerufen wird.

Im Gegenzug kümmert sich der Bund um die Fürsorgeleistungen für Kranke, Verwundete und Hinterbliebene.

Bürger in Uniform

1940 wurde der Frauenhilfsdienst der Armee unterstellt. Teil der Milizlogik ist die Teilnahme am obligatorischen Schiessprogramm beim örtlichen Schützenverein. 

Eine weitere Besonderheit der Milizarmee: Die Führungsverantwortung liegt generell in der Rekrutenschule wie auch in Wiederholungskursen bei Milizkadern. Sie sammeln dort praktische Führungserfahrung und bringen diese im Dienst ein. Dabei werden sie von Berufsoffizieren und -unteroffizieren betreut und weiter ausgebildet.

Die moderne Milizarmee

Die Studie Sicherheit 2021 belegt, dass 58% der Bevölkerung die Milizarmee befürworten, Tendenz steigend. Die Zustimmung ist höher als zur Berufsarmee aus Freiwilligen (2021: 38%). Auch die Idee des Diensts an der Gesellschaft für alle mit freier Wahl zwischen Militär-, Zivil- oder Sozialdienst wird breit unterstützt.

Die Geschichte wie auch der Corona-Einsatz von 2020 und 2021 belegen: das Schweizer Milizsystem ist ein Erfolgsrezept.

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