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Überwachen des Waffenstillstandes im Kaschmir

Major Mark Styblo leistete in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Einsätze in der militärischen Friedensförderung und verfügt damit über umfangreiches Fachwissen und einen grossen Erfahrungsschatz. Auf diese kann er auch während seinem laufenden Einsatz zurückgreifen: Zurzeit befindet er sich im Kaschmir, der Grenzregion zwischen Indien und Pakistan, in der UNMOGIP. Im Interview gibt er einen Einblick in seine Tätigkeit.

08.06.2021 | Kommunikation SWISSINT, Daniel Seckler

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Herr Major, Sie leisten zurzeit einen friedensfördernden Auslandseinsatz in der UNMOGIP im Kaschmir. Welche Rolle spielt die Mission vor Ort?

Der UNO-Sicherheitsrat fordert mit der Resolution 307 die Einstellung der Feindseligkeiten in allen Konfliktbereichen und einen dauerhaften Waffenstillstand in Jammu und Kaschmir. Die Rolle der UNMOGIP besteht darin, Entwicklungen im Zusammenhang mit der Einhaltung des Waffenstillstands zu beobachten und darüber zugunsten des Hauptquartiers der UNO in New York Bericht zu erstatten. Dazu gehört ebenfalls das Untersuchen von mutmasslichen Verstössen gegen das Abkommen. Das Einsatzgebiet der Mission liegt entlang der Line of Control (LoC), welche die pakistanisch und indisch verwalteten Regionen Kaschmirs trennt sowie an der Working Boundary zwischen der von Indien verwalteten Region und Pakistan.

Innerhalb der UNMOGIP leisten sie Ihren Einsatz als Militärbeobachter. Wie kann man sich ihre Aufgaben vorstellen?

Militärbeobachter arbeiten dort, wo Kriegs- und Konfliktparteien keine bewaffneten Friedenstruppen dulden. Sie überwachen einen Waffenstillstand, beobachten militärische Bewegungen oder melden Vertragsbrüche. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur internationalen Friedenssicherung. So auch im Kaschmir. Als Militärbeobachter der UNMOGIP überwachen wir die allgemeine militärische und zivile Lage in unseren jeweiligen Verantwortungsgebieten mittels Gebietsaufklärung und Beobachtungsposten. Dies insbesondere in den Gebieten entlang der LoC. Gleichzeitig machen wir uns mit dem Gelände vertraut und stellen eine regelmässige Präsenz der UNO in der Region sicher. Wir besuchen Militäreinheiten und Garnisonen, untersuchen und erstellen Berichte über angebliche Verstösse des Waffenstillstandes auf Anfrage oder auf eigene Initiative. Ausserdem gehört es zu unserer Pflicht, Informationen über Vorfälle oder Ereignisse zu sammeln und auszuwerten, welche die Spannungen zwischen den Vertragsparteien erhöhen könnten. Dabei können die täglich aufgearbeiteten Informationen vom UNMOGIP-Hauptquartier die Grundlage zur Durchführung von weiteren Ermittlungen bilden, welche jeweils vom Chief Military Observer bewilligt werden müssen. Die Erfüllung dieser Aufgabe hängt von der Zusammenarbeit der beiden Konfliktparteien mit der UNMOGIP ab, einschliesslich der gewährten Bewegungsfreiheit.

Wie sieht ein typischer Alltag als Militärbeobachter aus?

Die Durchführung eines Tasks, also unsere Tagesaufgabe, beginnt für uns mit den Vorbereitungen am vorhergehenden Abend auf der Field Station. Wir studieren beispielsweise Skizzenkarten, Satellitenbilder auf Google Maps, Roadbooks (Weginformationen) oder vergangene Berichte aus der Region oder des Beobachtungspostens. Danach erfolgt die administrative Vorbereitung, das Briefing durch den Teamleader und die Erstellung der Einsatzbereitschaft der notwendigen Ausrüstung. Am darauffolgenden Morgen beladen wir die Fahrzeuge und der Teamleader hält nochmals ein Kurzbriefing für das Team, die Fahrer und die Sicherheits-Eskorte, die von der Armee der Hostnation – als Pakistan oder Indien – gestellt wird. In der Regel erreichen wir unseren Standort in einer zwei- bis vierstündigen Fahrt. Primär beobachten wir dort das Gelände an und um die LoC, halten militärische oder polizeiliche Tätigkeiten fest und beurteilen die Stimmung der lokalen Bevölkerung sowie den Zustand von Strassen und Infrastrukturen. Wann immer möglich suchen wir das Gespräch mit der Bevölkerung und insbesondere mit Offizieren der Armee der Hostnation. Aufgrund der Pandemie ist dies momentan jedoch nur eingeschränkt möglich.

Am aufwändigsten sind Ermittlungen. In diesem Fall müssen Opfer, deren Verwandte sowie Zeugen befragt, Dokumente zum Ermittlungsfall sichergestellt und die Standorte der möglichen Verletzungen des Waffenstillstandes besucht werden. An solchen Standorten stellen wir Beweismittel sicher, vermessen die Feuerlinie und halten alles mittels fotografischer Dokumentation fest. Um unsere eigene Sicherheit sicherzustellen, tragen wir dabei jeweils unsere Schutzausrüstung. In der Regel fahren wir am selben Nachmittag wieder in die Field Station zurück. Nur in Ausnahmefällen übernachten wir in einer militärischen Infrastruktur der Hostnation in der Region, aber immer ausserhalb der Notified Area – dem Gebiet, wo wir Untersuchungen durchführten. In der Field Station angekommen, verfasst der Teamleader mit Beteiligung seiner Teamkameraden die Berichte, welche die Vorkommnisse und unsere Beobachtungen festhalten. Zusätzlich erfolgt bereits wieder die Vorbereitung auf den nächsten Tag.

Welches sind die grössten Herausforderungen und wie meistern Sie diese?

Neben den aktuellen Problemen, die weltweit durch die Pandemie verursacht wurden, erscheinen mir meine persönlichen Herausforderungen klein. Unterschiede in der Kultur und unterschiedliche Vorgehensweisen stellen die grösste Beeinflussung in der Projektarbeit mit Militärbeobachtern aus allen Teilen der Welt dar. Eine allumfassende Lösung für das Thema interkulturelle Zusammenarbeit gibt es nicht. Wer jedoch eine qualifizierte Selektion und eine internationale Ausbildung zum United Nations Military Expert on Mission (UNMEM) vorweisen kann, bringt gute Voraussetzungen mit, in einer Mission bestehen zu können. Wenn zudem in der Mission eine starke Führung und klare Ablaufstrukturen vorhanden sind, lassen sich zumindest arbeitsspezifisch gesteckte Ziele sehr gut erreichen. Persönlichkeiten mit ausgewiesener Lebens- und Berufserfahrung sowie guten Kommunikationskenntnissen und der damit erworbenen Sozialkompetenz fällt es dabei leichter sich schneller mit den Gegebenheiten vor Ort zurecht zu finden. Gelassenheit, Geduld und ein gewisses diplomatisches Geschick sind dabei weitere Faktoren, welche matchentscheidend sein können. Der militärische Verbund mit seinen standardisierten Arbeitsanweisungen erleichtert zudem die Aufgabe. Der erste Schritt ist dabei immer die Sensibilisierung und Schaffung eines Problembewusstseins. Wenn man die angeführten Themenbereiche im Auge behält und entsprechend berücksichtigt, können auch interkulturelle Arbeiten mit Flexibilität und Toleranz unter den Militärbeobachtern zum Erfolg geführt werden.

Was waren Ihre ersten Erfahrungen im Einsatzgebiet?

Nach einer zweiwöchigen Quarantäne- und Einführungsphase in Islamabad, Pakistan, startete ich meinen ersten Einsatz in Rawalakot auf einer United Nation Field Station (UNFS), welche sich auf rund 1800 Metern Höhe befindet. Aufgrund der hohen Anzahl von angeblichen Verstössen gegen den Waffenstillstand und dem nur schwierig zugänglichen Gelände entlang der LoC, ist diese UNFS die zurzeit anspruchsvollste in der Mission.

Die ersten Tage waren sehr streng: Teilweise dauerten die Einsatzzeiten bis zu 16 Stunden. Da sich in dieser Region zu dieser Zeit häufig Gefechte ereigneten, bei welcher meistens die zivile Bevölkerung die Leidtragende war, führten wir beinahe jeden dritten Tag Untersuchungen und Ermittlungen durch. Dadurch ergaben sich lange Anfahrtswege auf schmalen und ungesicherten Bergstrassen, gefolgt von Zeugenbefragungen in einem gesicherten Raum und anschliessender Verschiebung zum jeweiligen Standort des Zwischenfalles entlang der LoC und weiteren Beweisaufnahmen. Die physische Belastung aufgrund der hohen Temperaturen und der Höhe bereiteten mir anfangs noch etwas Probleme. Marschzeiten von bis zu drei Stunden mit Schutzweste, Helm und Rucksack zusammen mit den enormen Höhenunterschieden waren beziehungsweise sind sehr anspruchsvoll. Mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt – und die überzähligen Pfunde wurde ich dabei auch rasch los.

Nach einer weiteren kurzen Ausbildungssequenz in unserem Hauptquartier in Islamabad habe ich jeweils in drei weiteren UNFS im Kaschmir und in Gilgit-Baltistan als «Officer in Charge» (OiC) gearbeitet. Mitte Januar dieses Jahres wurde ich in den Stab ungeteilt und bekleide nun den Posten des Doktrin- und Ausbildungsoffiziers.

Wie nehmen Sie die lokale Bevölkerung wahr?

Alle Pakistanis, die ich bis jetzt angetroffen habe, sind äusserst offene und gastfreundliche Menschen. Die Bergbevölkerung in meinem aktuellen Einsatzraum entlang der LoC sind einfache und sehr arme, jedoch gleichzeitig auch sehr zähe und widerstandsfähige Menschen. Bewundernswert ist dabei die Herzlichkeit, die sie trotz der täglichen Strapazen ausstrahlen. Das Leben in dieser Region ist hart und die Menschen altern sehr schnell. Die Bergwelt ist faszinierend und eindrücklich zugleich!

Sie haben bereits verschiedene Einsätze in der militärischen Friedensförderung geleistet. Helfen Ihnen diese Erfahrungen für Ihre aktuelle Funktion?

Ja, absolut! Das Handwerk des Militärbeobachters habe ich im Kompetenzzentrum SWISSINT, dazumal noch Abteilung für friedenserhaltende Operationen (AFO), vor vielen Jahren erlernt. Dieses konnte ich bereits während dem Einsatz in der UNOMIG in Georgien erfolgreich anwenden und in der UNTSO im Nahen Osten zusätzlich festigen. Somit konnte ich in der UNMOGIP bereits nach sehr kurzer Einführungszeit und unter erschwerten Bedingungen – beispielsweise in Form der COVID-19-Schutzmassnahmen – die Funktion des OiC in einer der UNFS übernehmen. Mit der Umteilung in den Stab des Hauptquartiers kann ich meine Erfahrungen als verantwortlicher Doktrin Offizier in die Standard Operational Procedures (SOPs) sowie in der Ausbildung der neu eingetroffenen Militärbeobachter gewinnbringend einbringen.

Bringt Ihnen Ihr Einsatz einen Mehrwert für Ihre berufliche Karriere oder die persönliche Entwicklung?

Definitiv! Sprachliche Hürden oder gar Berührungsängste mit einer fremden Kultur, wie sie noch bei meinem ersten Einsatz bestanden, sind mir mittlerweile «fremd» geworden. Mein Verständnis beziehungsweise meine Toleranz gegenüber Andersdenkenden haben sich positiv verändert. Arbeit in einem interkulturellen und mehrsprachig durchmischten Team sind zur Routine geworden. Auch die Besorgnisse meines näheren Umfelds, jeweils wieder in der Privatwirtschaft Fuss fassen zu können, haben sich als hinfällig erwiesen. Im Gegenteil. Meine ehemaligen zivilen Arbeitgeber erachteten solche Einsätze als Horizonterweiterung – wie der Ausbau der sozialen Führungskompetenzen, insbesondere in der Zusammenarbeit in einem interkulturellen Team unter erschwerten Bedingungen, sowie der Ausweitung respektive die Festigung meiner Fremdsprachenkompetenzen, um damit nur einige zu nennen. Meiner beruflichen Karriere haben diese Einsätze bis zum heutigen Zeitpunkt keineswegs geschadet. Meine Lebenseinstellung hat sich dabei ebenfalls positiv verändert. Ich bin unter anderem gelassener geworden.

Was war Ihre Motivation, um diesen Einsatz in der militärischen Friedensförderung zu leisten?

Die Anfrage von SWISSINT. Der Reiz der Aufgabe selbst. Eine neue persönliche Herausforderung. Mein Fernweh. Die Akzeptanz meiner Partnerin und der Familie. Die Ermutigung durch Arbeitskollegen sowie meine ungebrochene Neugierde neue und andere «Welten» kennenzulernen, und um weitere neue und unvergessliche Lebenserfahrungen zu sammeln.

Der UNO-Militärbeobachter ist ein interessanter, abwechslungsreicher und gleichzeitig spannender Tätigkeitsbereich. Er gewährt einem direkten Einblick in zahlreiche faszinierende geschichtliche Hintergründe. Der tägliche persönliche Kontakt mit der lokalen Bevölkerung bringt einem nicht nur die lokale Kultur näher, sondern trägt auch zum besseren Werte- und Rollenverständnis bei. Und dies in Landesteilen, wo man nur selten andere «Ausländer» antrifft. Die tägliche Arbeit in einem interkulturellen Team ist eine Bereicherung, kann aber zuweilen auch eine Herausforderung darstellen. Als kleines Teil im grossen Räderwerk der UNO ist die Auswirkung der eigenen Arbeit zwar nicht immer unmittelbar ersichtlich, aber dennoch für die Erfüllung des Missionsauftrags wichtig. Es gibt keinen anderen Beruf, der mir diese Möglichkeit an lehr- und abwechslungsreichen und für mich sehr befriedigenden Aufgaben bietet. Ich fühlte mich bei jedem Einsatz, den ich für die OSZE, der UNO oder der NATO im Auftrag des Kompetenzzentrums SWISSINT leisten durfte, privilegiert.

Wie, wem und warum, würden Sie einen solchen Einsatz weiterempfehlen?

Generell jedem, der ein Einsatz zugunsten der Friedensförderung der Schweizer Armee in einem internationalen Umfeld leisten will und dabei das Anforderungsprofil von SWISSINT erfüllt sowie die persönlichen Voraussetzungen und Veranlagungen mitbringt. Im Besonderen allen, die die Werte der UNO und der Schweiz positiv in einem Krisengebiet vertreten und umsetzen wollen und es dabei verstehen, die Aufgabe und nicht sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Jemandem, der sich als kleines Zahnrad in einem riesigen Räderwerk sieht, welches tatkräftig, uneigennützig und täglich aktiv mithilft, Verbesserungen, in welcher Form auch immer, zu erzielen. Denen, die bereit sind die persönliche Komfortzone zu verlassen, die Menschen lieben und dies als einmalige Gelegenheit sehen, sich engagiert am Weltgeschehen in einer Krisenregion miteinzubringen. Denn man entwickelt dabei im Speziellen ein besseres Verständnis für die kulturellen Rahmenbedingungen und stärkt seine Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Offenheit und Toleranz. Ein Einsatz trägt im Weiteren zur Persönlichkeitsentwicklung, Ausgeglichenheit und psychischer Widerstandsfähigkeit bei, eröffnet neue Perspektiven auf bisherige Denkweisen und lehrt neue Herausforderungen einfacher zu meistern. Man wird unabhängiger und selbstständiger und kann ein globales Netzwerk aufbauen.

Kurz gesagt: man sieht das Leben mit anderen Augen und lernt dabei die eigene Heimat mehr zu schätzen.