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Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung von Mitgliedern bewaffneter Gruppierungen

Im Rahmen verschiedener Beteiligungen an friedensfördernden Auslandseinsätzen hat sich Daniel Fortin in den vergangenen Jahren ein grosses Fachwissen angeeignet. Auf dieses kann er auch bei seinem aktuellen Einsatz zurückgreifen: Als DDR-Experte ist er zurzeit in der Demokratischen Republik Kongo stationiert. Um was es sich bei DDR handelt und welche Aufgaben er übernimmt erklärt er im Interview.

17.05.2021 | Kommunikation SWISSINT, Daniel Seckler

MONUSCO3

 

Herr Fortin, Sie leisten zurzeit einen friedensfördernden Auslandseinsatz in der MONUSCO in der Demokratischen Republik Kongo. Welche Aufgaben haben Sie dort?

Innerhalb der UNO-Mission MONUSCO arbeite ich in der Abteilung, die sich mit DDR befasst. Dabei handelt es sich um Aktivitäten, welche das «Disarmament, Demobilization and Reintegration», also die Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung von Rebellen und Mitgliedern von bewaffneten Gruppierungen zum Ziel haben. In meiner Hauptaufgabe verfasse ich die regelmässigen Berichte dieser Abteilung, hauptsächlich basierend auf den täglichen Rapporten der Aussenteams. Neben dem aktuellen Stand des DDR, enthalten die Berichte ebenfalls Informationen, welche die Massnahmen zur Reduktion von Gewalt in Gemeinschaften (Community Violence Reduction – CVR) oder die Sensibilisierungsmassnahmen für Kämpfer und Gemeinden betreffen. Diese Berichte dienen dazu, die Partner innerhalb der MONUSCO sowie die DDR-Sektion im Hauptquartier der UNO in New York über die Leistungen unserer Abteilung und die Lageentwicklung im Bereich DDR zu informieren. Ausserdem fällt in meinen Aufgabenbereich das Pflegen der Datenbank, in welche die im Rahmen des DDR-Prozesses aufgenommen Personen hinterlegt werden. Dies sind einerseits Kämpfer, anderseits aber auch Angehörige oder Kinder, die mit bewaffneten Gruppen in Verbindung stehen. Daneben beteilige ich mich mit Beiträgen zu verschiedenen Berichten, beispielsweise jene des UNO-Generalsekretärs über die MONUSCO.

 

Um was geht es im Bereich des DDR?

Zum DDR gehört das Befreien der Mitglieder bewaffneter Gruppierungen von ihren Kampfmitteln (Entwaffnung), das offizielle und kontrollierte Entfernen dieser Personen aus einer Gruppierung (Demobilisierung) und das Wiedereingliedern ins zivile Leben und in die Gesellschaft (Reintegration). Daneben besteht das DDRRR. Dieses befasst sich zusätzlich mit der Repatriierung und der Wiederansiedlung (Resettlement), wenn es sich um Mitglieder ausländischer bewaffneter Gruppierungen handelt – und dies ist in der Demokratischen Republik Kongo oft der Fall. Die Aktivitäten des DDR/RR sind ein wichtiger Bestandteil des Friedensprozesses. Die Verantwortung für diesen Prozess liegt beim Staat, aber die Mission ist dazu da, diesen dabei zu unterstützen. Dies erfolgt durch die Sensibilisierung bewaffneter Gruppen und Gemeinschaften oder durch die Aufnahme deren Mitgliedern, welche diese verlassen möchten (Entwaffnung und Demobilisierung). Ebenfalls die Erleichterung der Rückführung von ausländischen Gruppenmitgliedern in ihr Herkunftsland, die Unterstützung von Projekten im Bereich der Reintegration und der Reduktion von Gewalt in der Gemeinschaft (CVR) oder die technische und finanzielle Unterstützung staatlicher Behörden bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer DDR-Strategie sind Teile der Unterstützung dieses Prozesses. Da das DDR einen multidimensionalen Ansatz darstellt, erfolgen alle Massnahmen auf einem ganzheitlichen Ansatz. Das heisst, in enger Zusammenarbeit mit den anderen Komponenten der MONUSCO, den Regierungsstellen, den humanitären Akteuren sowie der Entwicklungshilfe.

 

Wie sieht ein typischer Alltag von Ihnen aus und welches sind Ihre grössten Herausforderungen?

Zu meinen Aufgaben gehört es, mich über die Aktivitäten der Aussenteams und alle Entwicklungen, die die Arbeit der Abteilung betreffen, auf dem Laufenden zu halten. Deshalb lese ich viele Dokumente aus verschiedenen Quellen, um mich über die Situation in unserem Einsatzgebiet und im Land allgemein zu informieren (tägliche Berichte, Analysen usw.). Dann schreibe ich je nach Bedarf Berichte, beantworte Informationsanfragen oder nehme an Arbeitstreffen teil. Die Pandemie hat aber auch hier die Arbeitsbedingungen stark beeinflusst und verändert. Z.B. hat die Mission – dort wo möglich – das Arbeiten von der Unterkunft aus eingeführt. Daraus resultierten geringere Interaktionen mit Kollegen, durch die ich vorher viele Einblicke in die Situation vor Ort erhielt. Meine Funktion erfordert es auch, dass ich die meiste Zeit vor dem Computerbildschirm verbringe, und leider war es mir bisher nicht möglich, ins Feld zu gehen, um mir ein konkretes Bild von der Lage zu machen.

 

Sie sind Senior National Representative (SNR), welche zusätzlichen Aufgaben übernehmen Sie in dieser Rolle?

Die Aufgaben als SNR sind in einem Pflichtenheft geregelt. Einfach gesagt, bin ich aus nationaler Sicht der Vorgesetzte des in der MONUSCO eingesetzten Schweizer Personals und das Bindeglied zwischen diesem und SWISSINT, und umgekehrt. Meistens geht es darum, Informationen operationeller oder administrativer Natur zu übermitteln oder bereitzustellen. Zu meinen Aufgaben zählt es auch, die Ankunft von neuen Schweizer Peacekeepern in der Mission zu erleichtern und Schweizer Treffen zu organisieren – z.B. jenes am 1. August. Die Tätigkeit des SNR umfasst auch die Koordination von Dienstaufsichtsreisen von SWISSINT – was ich hier zwar noch nicht machen musste aber aus meinem Einsatz in Mali bereits kenne. Schlussendlich ist es auch meine Aufgabe, die Interessen des Schweizer Personals innerhalb der Mission zu vertreten, zum Beispiel durch die Teilnahme an den Sitzungen der verschiedenen SNR anderer Nationen.

 

Wie wurden Sie für Ihren Einsatz ausgebildet?

Vor meinem ersten Einsatz in einer UNO-Mission nahm ich 2013 am Schweizer Militärbeobachterkurs (SUNMOC) teil. Diese Ausbildung vermittelte mir alle notwendigen Grundlagen, die ich brauche, um mich an einem Einsatz der UNO zu beteiligen. Beispielsweise die Sanitätsausbildung oder das Geländefahrtraining waren für mich sehr nützlich, als ich im Feld eingesetzt wurde. Ebenfalls waren die Rollenspiele mit verschiedenen Szenarien sehr hilfreich: Wenn man mit einer echten Krisensituation konfrontiert wird helfen diese Erfahrungen, um Ruhe zu bewahren und schnell richtig zu handeln und angemessene Entscheidungen zu treffen. Für meinen aktuellen Einsatz in der MONUSCO absolvierte ich einen Einsatzvorbereitungskurs (EVK). Neben der Auffrischung meiner Kenntnisse in der Ersten Hilfe erhielt ich zahlreiche Briefings – z.B. von meinem Funktionsvorgänger – über die Situation in der Demokratischen Republik Kongo und die Arbeit in der DDR-Abteilung.

 

Sie haben bereits verschiedene Einsätze in der militärischen Friedensförderung geleistet. Helfen Ihnen diese Erfahrungen für Ihre aktuelle Funktion?

Bei meinen früheren Engagements musste ich sehr oft Situationsberichte in englischer Sprache schreiben. Es ist also eine Praxis, mit der ich bereits vertraut war, auch wenn jede Mission und deren Abteilungen eigene redaktionelle Vorgaben haben. Ich hatte ausserdem das Privileg, Erfahrungen in der UNO-Mission UNMISS im Südsudan zu machen, wo ich in einem Regionalbüro arbeitete und sehr nahe die Realität vor Ort verfolgen konnte. Auch habe ich mich bereits in Mali innerhalb der MINUSMA engagiert und dort im Hauptquartier der Mission in einem gemischten internationalen Team aus Zivilisten, Polizisten und Militärs gearbeitet. Als ich im aktuellen Einsatz bei der MONUSCO ankam, hatte ich darum bereits eine gute Vorstellung davon, wie eine friedensfördernde Mission auf verschiedenen Ebenen funktioniert.

 

Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Einsatzgebiet?

Dies ist mein dritter Einsatz auf dem afrikanischen Kontinent und ich war bereits vor ein paar Jahren für einen kurzen Besuch in Goma – dort wo ich heute arbeite. Ich wusste also ganz genau was mich erwartet. Die grünen Landschaften, die Nähe des Sees Kivu und die milden Temperaturen machen den Aufenthalt hier relativ angenehm. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass jenseits der Stadtgrenzen, oder bereits in einigen Stadtvierteln, die Kriminalität grassiert und bewaffnete Gruppen unzählige Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung begehen.

 

Bringt Ihr Einsatz einen Mehrwert für Ihre berufliche Karriere oder die persönliche Entwicklung?

Ich befinde mich seit 2012 in Auslandseinsätzen. Es ist sozusagen mein Beruf geworden. Die Beteiligung am DDR ermöglicht es mir, meine Erfahrungen zu diversifizieren und neue Kenntnisse und Fähigkeiten über wesentliche Elemente des Friedensprozesses zu erwerben. Die Tatsache, dass ich meiner aktuellen Funktion in einer zivilen Abteilung nachgehe, bietet mir die Möglichkeit, eine andere Facette einer UNO-Friedensmission kennenzulernen und mein Verständnis der Organisation und deren Prozesse zu vertiefen.

 

Gibt es ein prägendes Erlebnis oder ein Highlight aus Ihrer bisherigen Zeit im Einsatz?

Kurz nach meiner Ankunft besuchte António Guterres, UNO-Generalsekretär, die Mission und eine seiner Stationen war ein DDR-Transitzentrum bei Goma. Ich hatte die Gelegenheit, an der Vorbereitung seines Besuchs mitzuwirken und dabei zu sein, als er hier war.

 

Was war Ihre Motivation, um diesen Einsatz in der militärischen Friedensförderung zu leisten?

Schon bei meinem ersten Einsatz bei der SWISSCOY in der KFOR wurde mir klar, dass die Arbeit im Ausland in einem internationalen Umfeld etwas ist, das zu mir passt. Die Tatsache, dass die Schweizer Armee ihr Personal in zahlreichen Missionen und in unterschiedlichen Kontexten sowie Funktionen einsetzt, hat mir bisher die Möglichkeit gegeben, eine lohnende und abwechslungsreiche Karriere zu machen.