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International anerkannte Forschung zu COVID-19 in der Schweizer Armee

Während der ersten COVID-19 Welle entstand im März 2020 in der Sanitätsrekrutenschule 42 auf dem Waffenplatz Airolo einer der ersten Cluster der Schweiz. Der Oberfeldarzt beauftragte zwei Militärärzte mit einer medizinischen Beobachtungsstudie dieses ersten Ausbruchs. In den kommenden Wochen gibt es eine neue Studie: Sind Langzeitfolgen nachzuweisen?

06.04.2021 | Kommunikation Verteidigung, Daniel Reist

Symbolbild, ©VBS/DDPS, Alexander Kühni

Der Oberfeldarzt besuchte die Rekrutenschule in Airolo wenige Tage nach Beginn des COVID-19-Ausbruchs im Frühling 2020. Nebst der Verfügung von strikten Quarantäne- und Isolationsmassnahmen, Social Distancing und rigoroser Testung erteilte er den beiden Milizärzten Hauptmann Jeremy Deuel und Leutnant Michel Bielecki den Auftrag, eine medizinische Beobachtungsstudie dieses ersten Ausbruches durchzuführen.

Deuel und Bielecki erarbeiteten in weniger als 48 Stunden ein Studienprotokoll, erhielten eine Bewilligung der Ethikkommission des Kantons Tessins zur Durchführung der Studie und etablierten eine wichtige Zusammenarbeit mit dem Labor Spiez. In enger Zusammenarbeit mit dem betroffenen Berufspersonal, Milizkadern und Rekruten der Sanitätsrekrutenschule 42 wurden über 100 an COVID-19 erkrankte Soldatinnen und Soldaten behandelt, glücklicherweise verliefen fast alle Erkrankungen relativ mild.

Massnahmen wirkten nachweislich

Eine von drei Kompanien der Sanitätsrekrutenschule hatte keinen einzigen Erkrankungsfall. Diese Einheit war räumlich getrennt. Als Deuel und Bielecki jedoch bei allen Rekruten wiederholt Abstriche durchführten, stellten Sie auch bei dieser Einheit Ansteckungen fest, jedoch nur asymptomatische. Sie konnten rekonstruieren, dass diese Kompanie erst nach der Einführung von Social Distancing, strikter Hygiene und des Tragens einer Hygienemaske angesteckt worden war, während die beiden anderen Kompanien sehr früh, noch vor der Einführung dieser Massnahmen, infiziert wurden.

Da Social Distancing, Hygiene und Masken nicht nur das Ansteckungsrisiko senken, sondern auch die Anzahl Viren bei einer Ansteckung reduzieren, konnten die Schweizer Milizärzte als eine der weltweit ersten zeigen, dass eine hohe Virendosis zu einer schwereren Erkrankung führt, während eine tiefe Virendosis bei Rekruten nur asymptomatische Infektionen ohne Krankheitsausbruch auslöst. Diese Erkenntnis wurde mittlerweile vielfach auch in anderen Studien belegt und hat sich als wissenschaftlicher Konsens durchgesetzt.

Lungenschaden möglich

Diese Studie, später unterstützt durch Fachoffizier Giovanni Crameri, zeigte ausserdem einen möglichen Lungenschaden, welcher auch einen Monat nach Erkrankungsausbruch noch nachweisbar ist. Der Oberfeldarzt hat aufgrund dieses Befundes eine Nachfolgestudie in Auftrag gegeben, um die Ursache und Dauer dieses möglichen Lungenschadens zu untersuchen.

Die Militärärzte zeigten auch auf, dass auf Körpertemperatur basiertes Screening ungeeignet ist, um ansteckende Personen zu erkennen. Und sie wiesen zusammen mit dem Labor Spiez nach, dass virusneutralisierende Antikörper nach einer milden COVID-19 Erkrankung nicht zahlreicher sind, als nach einer asymptomatischen Ansteckung.

Virusdosis entscheidend

Die Resultate dieser medizinischen Forschung der Schweizer Armee zeigten also zum ersten Mal, dass die Virusdosis bei der Ansteckung ein wichtiger Faktor für den Verlauf einer COVID-19 Erkrankung ist. Eine symptomatische Erkrankung führt bei bis zu einem Fünftel der Betroffenen zu einem möglichen Lungenschaden einen Monat nach Erkrankung, welcher bei asymptomatisch Infizierten jedoch nicht nachweisbar ist.

Trotzdem ist der Schutz durch virusneutralisierende Antikörper bei asymptomatisch Infizierten genauso hoch wie bei symptomatisch Erkrankten. Social Distancing, strikte Händehygiene und das befohlene Tragen einer Schutzmaske sind hoch effizient, um eine Ansteckung zu verhindern. Wird eine Person trotzdem angesteckt, führen diese Massnahmen zu einem asymptomatischen Verlauf. Deshalb gehören diese drei Schutzvorkehrungen zu den Standardmassnahmen in der Armee zum Schutz vor COVID-19 und werden weiterhin rigoros umgesetzt.

Neue Studie zu Langzeitfolgen

Die Langzeitfolgen von COVID-19 sind noch immer weitgehend unbekannt. Deshalb wird eine neue wissenschaftliche Studie stattfinden. Neben dem Follow-Up der Gruppe aus Airolo werden weitere im Jahr 2020 getestete Armeeangehörige für eine Untersuchung einbezogen. Mit ihrem Einverständnis werden etwa 500 Armeeangehörige demnächst eingeladen, einen Termin für weitere vertiefende Untersuchungen an der Universität Zürich zu vereinbaren.

Der Zweck dieser Untersuchungen ist es festzustellen, ob Armeeangehörige, welche 2020 im Rahmen des Militärdienstes positiv getestet wurden, Langzeitfolgen von COVID-19 aufweisen. Es geht darum, die positiv getesteten Armeeangehörigen weiter zu verfolgen und allenfalls adäquate Massnahmen zu ergreifen. Aus den Ergebnissen soll das weitere Vorgehen für die übrigen betroffenen Armeeangehörigen festgelegt werden. 

Diese Forschung wird dazu beitragen, die möglichen längerfristigen Folgen einer Ansteckung mit dem Coronavirus für die Betroffenen zu klären. Die Ergebnisse sind daher sowohl für die Einsatzbereitschaft der Armee als auch für die gesamte Zivilbevölkerung von Bedeutung.