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Wegweisender UNO-Einsatz in Namibia

Die Schweiz hatte sich 1988 auf Anfrage der UNO bereit erklärt, den Unabhängigkeitsprozess in Namibia mit einem Sanitätskontingent, der Swiss Medical Unit (SMU), zu unterstützen. Damit wurde vor nunmehr 30 Jahren das erste personelle Engagement der Schweizer Armee im Rahmen der Vereinten Nationen in die Wege geleitet. Ein Engagement, das darüber hinaus in mehrfacher Hinsicht als «Mustereinsatz» gelten kann.

25.02.2021 | SWISSINT, Adjutant Unteroffizier a.D. Christian Eugster

Nach einer Planungsphase von rund sechs Monaten beteiligte sich die Schweizer Armee von Mitte März 1989 bis Ende März 1990 mit einem Sanitätskontingent von durchschnittlich 150 Personen an der United Nations Transition Assistance Group (UNTAG). Rund 40 Prozent waren Frauen und die Einsatzdauer betrug jeweils vier Monate.
Nach einer Planungsphase von rund sechs Monaten beteiligte sich die Schweizer Armee von Mitte März 1989 bis Ende März 1990 mit einem Sanitätskontingent von durchschnittlich 150 Personen an der United Nations Transition Assistance Group (UNTAG). Rund 40 Prozent waren Frauen und die Einsatzdauer betrug jeweils vier Monate.

Nach dem Ersten Weltkrieg besetzte Südafrika die ehemalige deutsche Kolonie Südwestafrika, die in der Folge Schauplatz eines Guerillakrieges zwischen der südafrikanischen Besatzungstruppe und der mit Kuba verbündeten, von Angola aus operierenden Südwestafrikanischen Volksorganisation wurde. Nach diversen Verhandlungen einigten sich die Konfliktparteien 1988 im Rahmen eines UNO-Friedensvertrags, dass Südwestafrika in Namibia unbenannt werden solle und nach freien und unabhängigen Wahlen in die Unabhängigkeit zu entlassen sei. Diese Wahlen sollten durch eine UNO-Mission durchgeführt und kontrolliert werden – die United Nations Transition Assistance Group (UNTAG). In diesem Kontext beteiligte sich die Schweizer Armee ab 1989 mit einer rund 150 Personen umfassenden Swiss Medical Unit (SMU) – der auch ich angehörte – zum ersten Mal an einer friedensfördernden Mission der Vereinten Nationen.

 

Basis in Grootfontein
Nach unserer Ankunft in Namibia wurden wir, die Swiss Medical Unit, auf mehrere Detachemente aufgeteilt und nahmen alsbald in Windhoek, Grootfontein, Oshakati und Rundu unsere Tätigkeit auf. Angegliedert an die vorhandenen Regionalspitäler wurden wir schnell zur Anlaufstelle für alle möglichen (und unmöglichen) gesundheitlichen Probleme der multinationalen UNTAG-Angehörigen. Der Stab, dem auch ich als Übermittler angehörte, sowie Supportelemente waren am Standort Grootfontein, in der geografischen Mitte zwischen der Hauptstadt und den beiden Kliniken im Norden, angesiedelt. Ein Entscheid, der sich aus verkehrstechnischen Gründen als richtig erwies, denn auch der logistische Nachschub erfolgte mit einem Strassen- oder Flugzeugtransport von Grootfontein aus. Die Entfernungen zwischen den Standorten waren so gross, dass die kommunikative Verbindung – beispielsweise auch für Alarmierungen – nur mittels Kurzwellenfunk gewährleistet werden konnte. Untergebracht waren wir zu Beginn der Mission weitgehend in Armeezelten oder gemieteten Gebäuden, wo auch die Rapporte abgehalten wurden. Der dreisprachig im Zelt angebrachte Hinweis «Bei Schneefall ist der Schnee laufend vom Dach wegzuräumen» sorgte unter der afrikanischen Sonne für allgemeine Heiterkeit.

 

Logistische Startschwierigkeiten
Zum Start des Einsatzes wurden 120 Tonnen Sanitätsmaterial mit mehreren Flügen des «Military Airlift Command», der US-amerikanischen Luftwaffe, nach Windhoek geflogen. Wegen fehlender Kennzeichnung wurde ein Teil davon zunächst an die falschen Orte geliefert. Die UNTAG hatte der Schweizer Armee zudem zugesichert, dass sie Geländewagen und Ambulanzen liefern würde. Diese trafen wegen logistischer Schwierigkeiten aber erst mit einer Verspätung von drei Monaten ein. Wir halfen uns zwischenzeitlich selbst, indem wir südafrikanische Armeeambulanzen mieteten und sie in den UNO-Farben lackieren liessen. Diese Ambulanzen hatten dank ihrer hohen Bodenfreiheit und ihrer Kapazität von bis zu sechs liegenden Patienten grosse Vorteile und waren den zivilen Fahrzeugtypen im Gelände weit überlegen. Auch andere Kontingente leasten eine grössere Anzahl militärischer Fahrzeuge von der südafrikanischen Armee.

 

Flugzeuge bildeten das Rückgrat
Besonders positiv war, dass wir ein Twin Otter- und zwei Pilatus Porter-Flugzeuge im Einsatz hatten. Sie bildeten das eigentliche Rückgrat für die medizinischen Evakuationen und ermöglichten uns, Patienten auch in entlegenen Gebieten zu erreichen. Sie verfügten über die notwendige Reichweite und konnten auf sehr kurzen Graspisten oder auf einer Naturstrasse aufsetzen – wenn nötig, unmittelbar bei der Unfallstelle. Die stabilisierten Patienten wurden im Anschluss in die nächste Klinik geflogen. Bei schweren oder unklaren Verletzungen war die medizinische Versorgung über Spezialärzte im gut ausgebauten State Hospital in Windhoek sichergestellt.

Unsere Flugzeuge wurden zu Recht mit Piloten geleast, die aufgrund früherer Aufträge eine grosse Erfahrung mit der Fliegerei in Afrika hatten. Weiter konnten erfahrene Flugzeugmechaniker die Wartung stets sicherstellen. Besonders gut ergänzten sich unsere Flächenflugzeuge mit den in Rundu stationierten Super-Puma-Helikoptern der südafrikanischen Luftwaffe. Deren Piloten verfügten insbesondere in der Nachtflugfähigkeit und Buschfliegerei über wertvolles Know-how. Aus politischen Gründen musste unsere effiziente Zusammenarbeit allerdings äusserst diskret gehandhabt werden.

Der Flugtransport war für unseren Notfalldienst essentiell. Entsprechend wichtig war es, die operationelle Kontrolle über unsere Flugzeuge zu behalten, um einen flexiblen und reaktionsfähigen 24-Stunden-Betrieb sicherstellen zu können.

 

Einsatz erfolgreich beendet
Nachdem die südafrikanischen Streitkräfte abgezogen und im November 1989 die ersten freien Wahlen in Namibia abgehalten worden waren, konnte die Mission plangemäss beendet werden: Anfang März 1990 erfolgte der gestaffelte Rückzug der SMU-Detachemente, und am 20. März 1990 fand die Verabschiedung der letzten Kontingentsangehörigen in der Schweiz statt. Am Tag darauf, dem 21. März 1990, wurde die unabhängige Republik Namibia ausgerufen.

 

Wertvolle Erfahrungen für nachfolgende Missionen
Die Zeitspanne zwischen dem Entscheid, sich an der UNTAG zu beteiligen und dem Missionsbeginn war, im Nachhinein gesehen, äusserst kurz, und so gibt es einiges, das effizienter hätte ablaufen können. Doch war es auch spannend, zu improvisieren und uns im Dienst der Sache selbst zu organisieren. Die nötigen Lehren aus den anfänglichen Schwierigkeiten sowie den gemachten Erfahrungen wurden gezogen: So werden beispielsweise die heutigen Kontingente sehr viel früher und konsequenter an den militärischen Dienstbetrieb gewöhnt und durchlaufen eine Ausbildung, in welcher das nötige Wissen vermittelt oder aufgefrischt wird. Mit der Schaffung des Ausbildungszentrums SWISSINT wurde zudem eine Umgebung realisiert, in welcher dieses einsatzbezogene Training durchgeführt werden kann.

Dreissig Jahre später erinnere ich mich gerne an unsere gute Kameradschaft und an ein junges afrikanisches Land mit einer spektakulären Landschaft, welches ich gerne wieder besuchen werde.

 

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Quelle: Swiss Peace Supporter 1-19