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Als Datenanalyst in der humanitären Minenräumung

Thomas Fankhauser kennt sich in der militärischen Friedensförderung aus: Nach mehreren Einsätzen auf dem Balkan begab er sich in ein wärmeres und weiter entfernteres Gebiet – in den Südsudan. Dort engagiert er sich nun als Datenbankspezialist für den Minenräumungsdienst der UNO. Im Interview erklärt er seine Tätigkeit und erzählt, wie er zu dieser aussergewöhnlichen Arbeit gekommen ist.

05.02.2021 | Kommunikation SWISSINT, Daniel Seckler

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Thomas Fankhauser engagiert sich als Datenbankspezialist für den Minenräumungsdienst der UNO

Herr Fankhauser, Sie arbeiten zurzeit im Südsudan für das UNO-Minenräumungsprogramms unter der Mission UNMISS. Was sind Ihre Aufgaben?

Als Spezialist für das «Information Management System for Mine Action», kurz IMSMA, bin ich Teil des Minenräumungsprogramms (UNMAS) der UNMISS. In dieser Funktion arbeite und wohne ich im Camp Tomping in Juba, der Hauptstadt des Südsudans. Zu meinen Aufgaben gehören beispielsweise das Auswerten von Daten der humanitären Minenräumung sowie die Analyse der geräumten Gebiete und die monatliche Berichterstattung. Daneben erhalten wir im Büro des Informationsmanagements viele spezifische Anfragen zur Erstellung von Karten oder Berichten zugunsten internationaler Organisationen oder der Mission selbst.

Wie sieht ein typischer Alltag für Sie aus?

Üblicherweise werden Informatikdienstleistungen direkt von der UNO-Mission bereitgestellt. Da wir im Bereich des IMSMA jedoch sehr spezifische Soft- und Hardware als IT-Infrastruktur einsetzen, sind wir selbstständig für deren Unterhalt und Betrieb verantwortlich. Aus diesem Grund kann mein Alltag unterschiedlich ausfallen und manchmal eher IT- und manchmal eher IMSMA-bezogen sein. Dies macht den Arbeitstag für mich spannend, denn ich weiss selten, was als nächstes kommt: Vielleicht gibt es ein Problem mit dem Netzwerk oder ein Mitarbeiter braucht Unterstützung mit dem Computer. Dann müssen wir im Team neue Prioritäten setzen und abhängig davon die Arbeiten umverteilen oder verschieben. Hinzu kommen Projektarbeiten, wie zum Beispiel die Ablösung der Firewall oder die Einführung einer neuen Software. Durch diese Vielfältigkeit meines Jobs wird er nie langweilig und ich muss nicht lange auf die nächste Herausforderung warten.

Welches sind Ihre grössten Herausforderungen?

Eine der grössten Herausforderungen ist die Arbeitsinfrastruktur. Die Internetkapazität ist hier vergleichbar mit einem Waldweg, wenn eigentlich eine dreispurige Autobahn benötigt wird. Unsere 9 Mbit/s Satelliten-Internetbandbreite wird unter bis zu 25 Mitarbeitenden aufgeteilt. Zum Vergleich: In Schweizer Haushalten ist man mit durchschnittlich rund 150 Mbit/s unterwegs und teilt die Bandbreit mit wesentlich weniger Personen.

Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Einsatzgebiet?

An meine Ankunft im Südsudan 2018 kann ich mich noch sehr gut erinnern. Als ich aus dem Flugzeug stieg, war mein erster Gedanke, ob ich in einem Backofen gelandet bin: Die Aussentemperatur lag bei rund 40 °C. Der Flughafen bestand damals lediglich aus grossen Festzelten. Das alte Flughafenterminal war geschlossen worden und das Neue war noch nicht fertiggestellt. Aus einem kommerziellen Flugzeug zu steigen und zu einem Zelt zu gehen war ungewöhnlich.

Welche Voraussetzungen muss man für die Funktion als IMSMA-Spezialisten mitbringen?

Eine analytische und logische Denkweise ist Voraussetzung, um in diesem Job erfolgreich zu sein. Es ist wichtig, ein Problem frühzeitig erkennen, Datenzusammenhänge richtig einordnen und eine Lösung im Team erarbeiten zu können. Fachwissen in der Kartenerstellung, Programmierung und Datenbankumgebung sind ohne Zweifel hilfreich, können aber gezielt durch Kurse erlernt werden. Deshalb ist es vor allem entscheidend, bereit zu sein Neues zu lernen. Ebenso hilft eine pragmatische und flexible Arbeitsweise.

Sie haben ebenfalls bereits Einsätze in Bosnien-Herzegowina in der EUFOR geleistet. Helfen Ihnen diese Erfahrungen in Ihrer aktuellen Funktion?

Absolut! Jedes Land hat seine eigene Kultur und Geschichte und in jeder Kultur gibt es andere Arbeitsweisen und Lösungskonzepte. Wenn man es schafft, das Werten loszulassen, was falsch oder richtig ist, kann man davon gegenseitig profitieren. Diese Erfahrung durfte ich bereits in der EUFOR gewinnen. Sie hilft mir immer wieder meine Denkmuster zu hinterfragen sowie die Akzeptanz zu trainieren, dass es mehrere Lösungen und Ansätze für eine Sache gibt. Oftmals ist nur das Endprodukt entscheidend.

Gibt es ein prägendes Erlebnis oder ein Highlight aus Ihrer bisherigen Zeit im Einsatz?

In meiner Funktion arbeite ich die meiste Zeit im Camp Tomping, ausser den monatlich stattfindenden Sitzungen mit Vertragspartnern. Dennoch konnte ich einmal an einem Anlass ausserhalb der Stadt in einem Dorf teilnehmen, in dem die Teams der Minenräumung arbeiteten. Es war sehr eindrücklich zu sehen, wie die lokale Bevölkerung mit einfachsten Mitteln lebt, aber dennoch glücklich ist. Ohne grosses Haus müssen sie sich keine Sorgen wegen der Bezahlung einer Hypothek machen und ohne Luxuswagen müssen sie sich nicht über Kratzer und Beulen ärgern – dafür freuten sich die Kinder selbst über kleine Geschenke, wie Bleistifte, riesig.

Wie wurden Sie für Ihren Einsatz ausgebildet?

Als ich mich Ende der 90er Jahre zum Privatpiloten ausbilden liess, wurde mir so richtig bewusst, dass man alleine mit der Theorie noch lange nicht fliegen kann. Darum ist der praktische Teil unerlässlich und gehört zu jeder professionellen Ausbildung dazu. Auch deshalb, weil Erfahrung nicht weitergegeben werden kann. Es heisst ja: «zu erfahren». Wenn wir sagen, wir geben die Erfahrung weiter, dann meinen wir, dass wir das Wissen weitergeben, was in bestimmten Fällen hilfreich sein kann. Für meinen Einsatz durfte ich eine komplette und professionelle einsatzbezogene Ausbildung geniessen. Das Kompetenzzentrum SWISSINT, respektive das Ausbildungszentrum, betreibt einen grossen Aufwand dafür, dass die Auszubildenden neben der Theorie ebenso praktisch geschult werden und damit «erfahren» dürfen. Diese Erfahrungen durfte ich in diversen nachgespielten und realitätsnahen Szenarien sammeln und blieben viel prägender in meinem Gedächtnis haften als die Theorie. Neben dem Grundtraining wurde ich ebenfalls spezifisch für mein Einsatzgebiet und meine aktuelle Funktion ausgebildet. Der zweiwöchige Datenbankkurs fand im Kompetenzzentrum ABC-KAMIR in Spiez statt. Ich hoffe natürlich immer auf das Beste, aber ich wurde auch sehr gut auf herausfordernde und weniger entspannte Situationen hin ausgebildet – und dies gibt mir eine bestimmte Ruhe.

Bringt Ihnen Ihr Einsatz einen Mehrwert für Ihre berufliche Karriere oder persönliche Entwicklung?

Jeder Einsatz, den ich absolvierte, brachte mir bisher einen Mehrwert – sowohl beruflich als auch persönlich. Zwar konnte ich nicht in jedem Einsatz mein Fachwissen erweitern, aber daneben gab es auch viele andere Kompetenzen, die ich mir aneignen konnte. Ein Auslandsaufenthalt steht immer in Verbindung mit einer Horizonterweiterung. Insbesondere auf einem Gelände der UNO, wie dem Camp Tomping, welches Personal unzähliger Nationen beherbergt und eine Fläche von rund 110 Fussballfeldern aufweist. Meine geleisteten Auslandseinsätze kamen meistens ebenfalls bei Bewerbungsgesprächen sehr gut an.

Was war Ihre Motivation, um diesen Einsatz in der militärischen Friedensförderung zu leisten?

Ende 2016 absolvierte ich das dritte Mal einen Einsatz in derselben Funktion als Warrant Officer eines Liaison and Observation Team (LOT) zugunsten der EUFOR in Bosnien-Herzegowina. Ich merkte, dass ich eine neue Motivation und Abwechslung brauchte. Im Gespräch mit dem Personalbereich des Kompetenzzentrums SWISSINT fragte ich daher nach, ob es in der militärischen Friedensförderung eine andere Funktion gibt, die meinen Fähigkeiten und meinem Know-How entspricht. Dabei wurde mir meine aktuelle Funktion als IMSMA-Spezialist angeboten. Mit dem Gedanken für die humanitäre Minenräumung zu arbeiten, konnte ich mich auf Anhieb identifizieren. Es löste in mir ein gutes Gefühl aus, ein Teil davon zu sein, sich für etwas Gutes zu engagieren und die Herausforderung für den gemeinsamen Erfolg gegen Landminen und andere Kampfmittel anzunehmen. Ich akzeptierte das Angebot und trage nun mit Stolz das T-Shirt des United Nations Mine Action Service (UNMAS).

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