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Plötzlich im Krisenmodus - Der Oberfeldarzt blickt auf ein bewegtes Jahr zurück

Am 25. Februar 2020 informierte der Oberfeldarzt der Armee alle Mitarbeitenden VBS und die Truppe über den ersten Covid-19 Fall in der Schweiz. Das neuartige Coronavirus sorgte für besorgniserregende Entwicklungen. Mit Ansteckungen musste jederzeit gerechnet werden. Deshalb sprach der Oberfeldarzt der Armee sofort in Kraft tretende und für alle geltende Hygiene- und Verhaltensmassnahmen aus. Gleichzeitig hielt sich die Armee bereit, die zivilen Behörden mit logistischen und sanitätsdienstlichen Leistungen zu unterstützen.

26.02.2021 | Kommunikation Verteidigung, Nicole Anliker

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Divisionär Andreas Stettbacher lobt die grosse Leistungsbereitschaft aller Beteiligten. Nur so konnten wir die Herausforderungen erfolgreich bewältigen. © VBS/DDPS

Fünf Fragen an den Oberfeldarzt der Schweizer Armee Divisionär Andreas Stettbacher

 

In der Funktion des Oberfeldarztes der Schweizer Armee sind sie verantwortlich für das militärische Gesundheitswesen. Bereits am 25. Februar 2020 forderten sie die Mitarbeitenden des VBS zu ersten Massnahmen auf. Was war die Herausforderung in dieser frühen Phase?

Vor Weihnachten hatten wir die ersten Signale eines Ausbruchs erhalten. Meine Mitarbeitenden haben mit mir zusammen die Lageentwicklung antizipiert und die notwendigen Planungen gemacht. Jetzt ging es darum, die Entscheidträger vom Ernst der Lage zu überzeugen, um rechtzeitig die richtigen Massnahmen zu treffen. Die Grippe hatte uns gerade noch recht im Griff; so konnten wir die neuen Massnahmen darauf aufbauen.

 

Sie sind auch Beauftragter des Bundesrates für die Koordination der Vorbereitungen sowie des Einsatzes der Mittel des Gesundheitswesens der Schweiz in besonderen und ausserordentlichen Lagen. In dieser Funktion sind sie ermächtigt, direkt mit den zivilen und militärischen Stellen des Bundes und der Kantone zu kommunizieren. Welches waren in diesem Bereich die ersten Massnahmen, die sie ergriffen haben?

Die Bilder aus China und Italien zeigten, dass auf den Intensivstationen die Post abgehen wird. Daher ging es zunächst darum, die Spitäler zu sensibilisieren, die Meldesysteme zu aktivieren, die Kantone dazu zu bewegen, ihre Notfallplanungen für Personal und Einrichtungen zu machen, und die Bundesregierung zu überzeugen, zentral koordinierte Massnahmen für die Beschaffung und das Krisenmanagement zu treffen.

Im Weiteren ging es darum, alle verfügbaren Information zur sich entwickelnden Pandemie zu sammeln, auszuwerten und daraus die richtigen Schlüsse für das militärische wie auch das zivile Gesundheitswesen zu ziehen.

 

Besondere Ereignisse erfordern besondere Leistungen. Auf welche sind sie besonders stolz?

Der rasche Wechsel in den Krisenmodus hat von uns allen sehr viel abverlangt. Alle haben wirklich Alles gegeben, um diese Herausforderungen zu meistern. Viele sind regelrecht über sich selber hinausgewachsen und haben ungeahnte Kräfte freigesetzt. Alle wussten, jetzt zählt es – und haben mich zu jeder Zeit unterstützt und sehr wertvolle Beiträge geleistet. Das eigentlich Unmögliche war die Herausforderung, und wir haben es gemeinsam geschafft.

 

Die Lagenentwicklung und die Dimension waren neuartig. Welcher Bereich musste sich am stärksten dieser neuen Situation anpassen?

Die fachliche Lagebeurteilung – Medical Intelligence – ist zu einem absolut zentralen Aufgabenbereich geworden. Hier gab es sehr wenig Kräfte und wir mussten Tag und Nacht anpacken. Als Mediziner sind wir uns gewohnt, täglich mit Notfallsituationen bis zu Leben und Tod umzugehen. Aber diese Dimension auf der nationalen Ebene zu erleben und dafür auch eine sehr grosse Verantwortung zu tragen, hat uns sehr rasch sehr breite Schultern wachsen lassen. Das Zusammenspiel aller Kräfte, auch unter chaotischen Rahmenbedingungen, hat sehr gut geklappt. Das Leben und Arbeiten unter Corona-Bedingungen war aber anfangs gewöhnungsbedürftig.

 

Ein äusserst intensives Jahr liegt hinter uns. Wie haben sie persönlich in dieser strengen Zeit Energie tanken können und wie haben sie die Durchhaltefähigkeit in ihrer Organisationseinheit hochgehalten?

Ohne meine langjährigen Erfahrungen und Ups und Downs wäre meine Resilienz wesentlich kleiner gewesen und ich hätte meine Mitarbeitenden nicht gleicherart mitreissen können. Meine Familie hat mich vorbehaltlos unterstützt und sehr viel in Kauf genommen, im Interesse der Allgemeinheit. Meine Mitarbeitenden haben mich durch dick und dünn begleitet und unterstützt und alle haben am gleichen Strick gezogen. An so etwas Wichtigem zu arbeiten, hat uns alle beseelt. Aus den Erfolgen haben wir immer wieder Kraft für die neuen Herausforderungen geschöpft. Und letztlich haben wir versucht, die «Kampfpausen» zu nutzen und die Batterien ein wenig zu laden, wie es denn auch immer möglich war. Ich kann aber nicht verhehlen, dass auch wir müde sind und uns mehr Licht am Ende des Tunnels wünschen. Aber das ist langsam erkennbar.